Wir stehen vor dem Restaurant Zimmermania. Eröffnet wurde es 1841. Schnell wurde es zum Treffpunkt für die politisierenden Studenten. Hier soll die Verfassung des Kantons Bern von 1846 entstanden sein, mit der Ulrich Ochsenbein Teil der ersten radikalen Regierungsrat wurde. Heute gehört es zu den nobleren Restaurants der Berner Altstadt mit gutbürgerlicher Küche.

Der Weg vom Wiener Kongress zum Bundesstaat war von Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Modernisten geprägt. Bis 1830 hatten die Traditionalisten das Sagen. Danach herrschte ein Patt mit schwankender Übermacht. 1848 setzten sich mit dem Bundesstaat die Modernisten durch.
Frühe Spuren der modernistischen Politik finden sich beispielsweise in den Studentenverbindungen, die nach deutschem Vorbild an den Schweizer Hochschulen entstanden. 1819 wurde die „Zofingia“ schweizerweit, aber auch in Bern, gegründet. Man gedachte gerne grosser Momente in der Geschichte wie der Schlacht von Laupen. Doch wollte man in der Gegenwart einen neuen Staat schaffen.
1830 gingen die Tessiner voran. Geschaffen wurde der Kanton von Napoleon. Doch der Wiener Kongress hatte ein konservatives Regime installiert. Nach einem Bauskandal wurde es von erbosten Bürgern gestürzt. Eine Kantonsverfassung mit Grundrechten, einem Parlament und einer Regierung wurde eingeführt. Die bürgerliche Presse entstand.
Volkstage, die in Weinfelden ihren Anfang und in Münsingen ihr Ende fanden, verlangten an der Jahreswende 1830/31 das Gleiche für ihren Kanton. Bald war die Mehrheit der Kantone regeneriert. Die Studenten mit ihren Zukunftsideen war zwar voraus gegangen, doch nun gab es auch eine populäre Basis für die politische Erneuerung.
Der ersehnte Durchbruch auf die nationale Ebene scheiterte. Ein Genfer hatte eine Verfassung für die moderne Schweiz geschrieben, ohne dass der Funke zündete. Schliesslich scheiterte das Projekt an eine Mehrheit aus Traditionalisten und Modernisten, die weiter gehen wollten. Das führte auch zur Spaltung der Modernisten in eine liberale und eine radikale Richtung.
Die Spaltung der Modernisten erreichte auch die Zofingia, damals noch eine lose Verbindung ohne Stamm. Die Radikalen gründeten die Helvetia. Ihr Treffpunkt war das neu eröffnete Restaurant Zimmermania. Wer beim Berner Staatsrechtler Ludwig Snell studiert hatte, traf sich hier, um beim Bier zu politisieren. Herausragender Kopf unter den jungen Studentengeneration war Jakob Stämpfli.
Ochsenbein war fast eine Generation älter und stand damals bereits im Erwerbsleben als Anwalt. Der Helvetia trat er nicht bei, er blieb, ohne Aktivitäten in der Zofingia. Dafür wurde er im Seeland Mitglied im Schweizerischen Nationalverein. Auch dieser wollte eine Nation schaffen. Doch trank er dafür kein Bier, vielmehr besuchte er die Schule für Generalstabsoffiziere.
Seine erste militärische Aktion im Rahmen der Freischarenzüge war allerdings ein Desaster. Ochsenbein wurde vorübergehend aus dem Generalstab entfernt, blieb aber dank seinem Mentor Friedrich Frey-Herosé aus Aarau politisch aktiv.
1845 stieg Ochsenbein in die etablierte Politik ein. Er wurde Grossrat im Kanton Bern. Nur ein Jahr später war er bereits Regierungsrat, nun gemeinsam mit dem erst 26-jährigen Jungspund Jakob Stämpfli. 1847 wurde Ochsenbein Regierungspräsident. Er war ganz oben im Staate Bern angekommen. Und er vertrat den Kanton im der Tagsatzung.
Während der Entscheidung zur Auflösung des Sonderbundskrieg war er Tagsatzungspräsident. Zwar wurde er nicht General, als Oberst der Reserve und Bindeglied zur Politik konnte er die Militäraktion aber gut überwachen.
Nach dem militärischen Sieg über die Kantone Freiburg und Luzern im November 1847 übernahmen die Freisinnigen in allen Kantonen die Macht. Gewählt wurde dafür nirgends, aber die wichtigste Voraussetzung für die Schaffung eines neuen Staates war nun gegeben: Aus dem Bürgerkrieg war eine politisch einheitliche Elite, konfessionsübergreifend entstanden, die einen Staat gründen wollte.
Eine ausformuliertes politisches Programm hatte man allerdings nicht. Welche Form der neue Staat bekommen sollte, blieb dementsprechend höchst umstritten.


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