Diesmal stehen wir vor einem Rätsel. Auf dieser Seite des Hauses heisst es «Du Theatre», auf der anderen ist es das „Hôtel de Musique». Sicher ist nur: Hier tagte das erste Parlament des jungen Bundesstaates und wählte Ochsenbein mit Spitzenergebnis zum Bundesrat. Es war das Highlight seiner Karriere.

Das erste Parlament tagte nur provisorisch in Bern. Als Erstes wählte es Ulrich Ochsenbein zum Nationalratspräsidenten und damit höchsten Schweizer!
Eine Hauptaufgabe war die definitive Festlegung des Sitzes von Parlament und Regierung. Der Entscheid fiel auf Bern; Zürich und Luzern hatten das Nachsehen.
Die Lage zwischen den Sprachregionen, die guten Verkehrswege mit Kutschen und die radikale Kantonsregierung sprachen für Bern. Eine Rolle spielte auch das Angebot, die Räume für Bundesangelegenheiten gratis zur Verfügung zu stellen. Nur hatte man die Räume noch nicht. Das Bundesratshaus, heute Bundeshaus West, mit Parlamentssälen war erst 1858 bezugsbereit.
Provisorisch war auch der erste Tagungsort der Bundesversammlung. Das änderte sich erst 1849, als der Ständerat vorübergehend in den «Aeusseren Stand» und der Nationalrat in die Akademie (heute Casino) zogen.
Da es noch kein Geschäftsverkehrsgesetz gab, welches das Zusammenwirken der beiden Kammern geregelt hätte, tagten im November 1848 die 111 Volks- und 44 Kantonsvertreter gemeinsam im «Hôtel de Musique» statt, oder eben dem «Du Theatre».
Die erste Session machte dem Theater durchaus Ehre. So gerieten Regierungsrat Benz aus Zürich und Stadtpräsident Luvini aus Lugano, in der Debatte so heftig aneinander, dass nur das Duell mit Säbel sie beruhigen konnte. Sieger wurde der Tessiner; der Zürcher blieb mit Verletzungen zurück.
Turbulent geendet hatten auch die vorangegangenen Wahlen in den Nationalrat. Nicht alle konnte validiert werden. Einzelne musste noch ein zweites Mal wählen.
Mit 58 Prozent vereinigten die Radikalen bei den ersten Nationalratswahlen am meisten Stimmen auf sich. Sie stellten 79 der 111 Volksvertreter. Mit grossem Rückstand folgten die Liberalen mit 11 Mandaten, die Katholisch-Konservativen mit 9 und Reformiert-Konservativen resp. die Demokraten mit je 6. Auch im Ständerat gab es eine radikale Mehrheit.
Heute hat sich eingebürgert, den Bundesrat von 1848 bis 1891 als rein «freisinnig» zu bezeichnen. Das stimmt, wenn man die Hauptausrichtung vor Augen hat. Es verdeckt aber, dass es erhebliche Nuancen in der Ausrichtung gab. Links waren die Demokraten, gefolgt von den Radikalen, den Liberalen und den Konservativen.
Nicht eindeutig ist die Zugehörigkeit der gewählten Bundesräte. Der Einfachheit halber zählt man heute alle zur FDP. Doch der reformierte Berner Historiker Erich Gruner sah je zwei Radikale, gemässigt Radikale und Liberale sowie einen freisinnigen im ersten Bundesrat. Der Solothurner Katholik und Bundesratshistoriker Urs Altermatt meinte, es seien fünf der sieben Links-Radikale gewesen, einer Radikal und einer Liberal. Roger Blum, selber ein Freisinniger aus dem Baselbiet, bezeichnete einen als Links-Radikale, 4 als Radikale, zwei als Zentristen.
Ochsenbein war gemäss Gruner schwer zu bestimmen, letztlich aber gemässigt-radikal und bei Blum erscheint er als Zentrist. Ich denke, das stimmt auch. Mit der Einleitung als „Links&Radikal“ wie bei Altermatt kann ich weniger anfangen.
Klarer waren die Regel derBundesratszusammensetzung. Je einer kam aus Bern, Zürich und der Waadt. 5 waren Deutschschweizer, je einer französisch- und italienischsprachig. Fünf waren auch reformierter Konfession, zwei katholisch.
Nur einer, der Tessiner, stammte aus einem Kanton, der die Bundesverfassung abgelehnt hatte. Stefano Fanscini war auch der einzige, der nicht schon der Verfassungskommission mitgearbeitet hatte.
Ochsenbein machte bei der ersten Bundesratswahl übrigens das beste Ergebnis. Mit 92 Stimmen wurde er bereits im ersten Wahlgang gewählt. Erster Bundespräsident wurde er aber nicht. Dieses Amt ging an den Winterthurer Jonas Furrer. Es war gleichbedeutend mit der Zuständigkeit für Aussen- und Sicherheitspolitik. Es rotierte aber jährlich. Ochsenbein wäre 1855 dran gewesen, aber eben …
Allen Turbulenzen zum Trotz: Am 19. November 1848 hatte die Schweizerische Eidgenossenschaft sowohl ein Parlament wie auch eine Regierung in Amt und Würden. Damit verstand sie sich erstmals als souveräner Staat.


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