Es war mir eine Freude, eine so interessierte Gruppen Menschen mit verschiedenen Herkünften auf meine erste „Ochsentour“ zu nehmen. Doch nun sind wir am Ende, oder fast. Noch fehlt das Finale!


Das Grab von Ulrich Ochsenbein in Nidau
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Ich sage es deutlich: Ulrich Ochsenbein muss aus der Vergessenheit geholt und mindestens als Vater der ersten Bundesverfassung geehrt werden!

Die moderne Schweiz ist aus einem Bürgerkrieg hervorgegangen. Das macht es bis heute schwierig, ihre Entstehung zu feiern. 1848 ist die eine Jahreszahl an der Front des Bundeshauses, 1291 die andere. Bis heute ist die populärer, wenn auch bloss von mythologischem Wert.
1848 hat nie den gleichen Stellenwert erlangt, weill es Sieger und Besiegte gab. Das trennt, bisweilen bis heute!
Die Verlierer von damals, die katholisch-konservativen Kantone, sind heue jedoch weitgehend in den Bundesstaat integriert. Sie sind im Ständerat gut vertreten, insgesamt sogar übervertreten. Ihre Beteiligung im Bundesrat wurde 1891 erstmals eingelöst und ist letztlich unbestritten. Bei Abstimmungen flackert da und dort die verstärkte Opposition wieder auf. Doch es heute bei weitem nicht die einzige oder grösste Minderheit in unserem Land. Das ist eine Leistung der CVP und ihren Vorläuferparteien, 1912 entstanden. Die CVP sieht ihre Mission heute als erfüllt an. Sie glaubt nicht mehr daran, die konservativen Katholiken in der Politik repräsentieren zu müssen. Vielmehr will sie die Schweiz zusammenhalten, und die politische Mitte einen.
Den Sieger von damals, den Freisinn, gibt es so wie in den Gründerjahren nicht mehr. Verschiedene politische Parteien können sich auf ihn berufen: Allen voran die FDP, national 1894 gegründet, aber auch Teile der SP, 1888 als Partei entstanden, und es gilt auch für die SVP und ihrer Vorläuferparteien, seit 1937 selbständig. Die historische Meisterleistung des Freisinns ist es, den nötigen nation building Prozess vorangetrieben zu haben. Im Kern war der Freisinn eine bürgerlichen Sammelbewegung, die sich, auf Druck des Referendums, aber auch der Volksinitiative, gewandelt hat. Die Inklusion der der Katholiken gelang vollständig, die der Arbeiter resp. Bauern überwiegend. Hierfür akzeptierte die FDP auch die Beteiligung der politischen Parteien, welche die neuen gesellschaftlichen Schichten unterstützten. Erst bei der Frauenfrage in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die FDP den Lead in der Inklusionspolitik nicht mehr inne.
Entstanden ist so die Konkordanzkultur der Schweiz. Sie hat die Macht politischer Parteien, die seit den 1890er Jahren stark zunahm, in eine staatliches Ganzes eingeordnet. Das hat Konflikte nicht verhindert, aber ihre kriegerische Note, die sie 1848 noch hatten relativiert. Heute ist der Systemwandel weitgehend mit friedlichen Mitten möglich.

Ulrich Ochsenbein war in jungen Jahren sicher ein radikaler Heisssporn. Aus heutiger Sicht ist sein Hang, den politischen Wandel mit militärischen Mittel vorantreiben zu wollen, sicherlich fragwürdig. Dabei darf man seine politische Leistung allerdings nicht übersehen. Sein Wille zum Staat war entscheidend, dass der heutige Bundesstaat überhaupt entstand. Mehr noch war auch sein Augenmass für das politisch Mögliche massgelich, dass es eine Erfolgsgeschichte wurde. Aus allen 1848er Revolutionen in Europa ist nämlich nur die Schweiz als dauerhafter Staat hervorgegangen!
So sicher, wie es im Nachhinein erscheinen mag, war der Weg vom Staatenbund, den der Wiener Kongress uns verordnet hatte, hin zum souveränen Bundesstaat nicht. Er hätte scheitern können, mit einer Intervention von Aussen, aber auch an der konservativen und radikalen Opposition von innen.
Ochsenbein zog hierfür den staatspolitischen Schluss, dass die Schweiz nicht zentralistisch, aber zentristisch regiert werden müsse! Deshalb warb er für eine Staatspartei aus der Mitte, zuerst im Kanton Bern, dann auch im Bund. Letztlich war es das, was ihn politisch in Ungnade fallen liess. Man könnte es auch so sehen. Er wagte einen wichtigen Schritt zur Konsenspolitik, als es für die politische Konkordanz noch keine tragfähige Basis gab.
Bei allem „Wenn und aber“ bliebt: Ochsenbein ist der eigentliche Verfassungsvater von 1848, dem Grundgesetz, das die selbstdefinitierte Souveränität erlaubte und nach Aussen Anerkennung fand. In vielem ist er, wenn auch mit anderen, der Begründer unsere Institutionen, die nicht auf Anhieb, eine entwickelte Demokratie brachten, den Weg dazu aber zu liessen.

Sich der Persönlichkeit und ihrer historischen Bedeutung differenziert anzunähern, war die Absicht meiner Stadtführung. Ich bedanke mich bei meinem Publikum für die kritisch Aufmerksamkeit.


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