manchmal erschliesst sich einem sogenannt bekanntes ganz neu, wenn man es in der Ferne sieht. so erging es mir gestern, als ich das zähringerwerk im westlichen mittelland der heutigen schweiz in der bibliothek von ekshärad, einer mittelschwedischen, wirtschaftlich bedrohten kleinstadt, als teil der grossen weltgeschichte beschrieben sah.

die bibliothek von ekshärad


wer glaubt, wir lebten hier in värmland ganz in der pampa, der irrt! gut, im wald ist man fast für sich, und stark mit dem eigenen (ueber)leben beschäftigt. viel zeit bleibt da nicht, und grosse vorräte über den nächsten winter hinaus anzulegen. doch nur schon in ekshärad, der nächstgelegenen kleinstadt von unserem feriendomizil aus, sieht es schon anders aus. eine supergute bibliothek haben sie. da kann ich mich nach tagen voll von waldblättern wieder mal im blätterwald der bücherwelt verweilen.


bibliothek von ekshärad erinnert an die guten zeiten der schwedischen sozialdemokratie, bevor sich die folgen der globalisierung in ekshärad auszubreiten begannen (foto: schweden-wanderer (anclickbar))

diesmal hat es mir die 15bändige weltgeschichte „bra böckers världshistoria“ (weltgeschichte der guten bücher) angetan. reich illustriert ist die serie, populär geschrieben ist sie, und dennoch auf dem stand der deschichtswissenschaft. 1984 wurde sie verfasst, und sie basiert in wesentlichen teilen auf der cambridge world history. in der tat, es ist eine Weltgeschichte, – nicht einfach eine erweiterte landesgeschichte, die zu mehr stilisiert wird. die entwicklungen in asien, in afrika und in der neuen welt werden minutiös nachgezeichnet, und die europäische entwicklung ist gut eingebettet.

zu gewohntes in ungewohntem licht


grosse augen habe ich dann im band 5, bearbeitet von knut helle, gemacht. auf seite 162 ist mir eine karte entgegen gesprungen, die ich doch nur zu gut kannte. in der tat: abgebildet ist unter dem titel „zähringarnas städer i nuvarande schweiz“ (zähringerstädte in der heutigen schweiz) das gebiet zwischen neuenburger- und thunersee. und bekannte orte sind aufgeführt: burgdorf, thun, bern, oltigen, gümmenen, laupen, murten, freiburg und moudon. unglaublich!

ich lese in diesem kapitel von der europäischen entwicklung im 12. Jahrhundert. zur sprache kommen das Städtewachstum und das so ausgelöste wirtschaftliche und kulturelle wachstum: erzählt wird von carcassonne, der ersten befestigten, mittelalterlichen stadt, die es zur hohen blüte brachte, bis sie von den katholischen heeren wegen ketzertum halb zerstört wurde. beschrieben wird auch san gimignano, die stadt in der toskana, die man von weitem an den vielen türmen erkennt. und vorgestellt wird das alterwürdige köln, das in nur 75 Jahren seine bewohnte fläche vervierfachte. von diesen Einzelbeispielen europäischer musterstädte ihrer zeit geht es direkt über zu den grossen städtegründungen in england nach 1066, zum fernverkehr von frankreich zwischen paris und orléans, der zahlreiche stationsstädte entstehen liess. und man wird lückenlos nach bern und umgebung versetzt.


meine entdeckung: das zähringerwerk in der weltgeschichte besonders gewuerdigt (foto: schweden-wanderer anclickbar))

das werk der zähringer, die zwischen 1157 und 1191 den landesausbau zwischen emme und broye vorantrieben, wird da exemplarisch ausgeführt. die tatvolle kraft des schwäbischen adels, der sich anders als die welfen und staufer nicht mit sippenkriegen unter eingebildeten begnügte, wird da schon mal gelobt. hervorgehoben wird, dass die wenig besiedelte sprachgrenze zwischen der deutschen und französischen schweiz viel platz bot, um sie tatkräftig mit strassen und städten zu erschliessen. und nicht unerwähnt bleibt, dass das für die region und das land handfesten, wirtschaftlichen segen brachte.

selbstverständlich profitierten die zähringer davon, stiegen so zu mächtigen und reichen herzögen auf, die es bis zur schwelle der deutschen königwürde brachten, bevor sie ausstarben. hervorgehoben wird, dass das das erwachte mittelatlerliche stadtleben privilegien mit sich brachte, menschen aller art anzog, von alter abhängigkeit befreite, neue lebensformen ermöglichte, das wirtschaftliche leben stimulierte, zu neuen handelmöglichkeiten führte, und ein wenig luxus in die aufblühenden gegenden verbreitete. der Vorsprung der europäisch führenden städte in der lombardei und in flandern begann zu schmelzen. Wahrlich, eine prioniertat, in einer zeit, wo es in europa nicht einmal schubkarren gab!

wessen mosaikstein einmal zum blühen gebracht wurde, dessen wünsche gehen an alle anderen mosaiksteine!


manchmal ist es gut, das bekanntes aus unbekannter sicht und in neue umgebung zu sehen. die städtegründungen von burgdorf bis murten von oltigen bis moudon als weltgeschichtliches momentum, – das habe ich mir selber nie überlegt! zu stark ist unser fortschrittgeprägtes auge davon geprägt, dass das leben bei uns früher mühsamer war! Zu wenig sind wir mit dem blick geübter historiker ausgestattet, die auf die ganze erdenrund schauen, und die kleinen, aber wesentlichen veränderungen in einer ecke der welt erkennen.

es ist gut, aufmerksam gemacht zu werden, wie prionierhaft die 9 städtegründungen der zähringer in 34 Jahren waren; wann und wo geschieht das heute noch? in zwei generationen haben die verkannten Schwaben, (trotz einigen späteren Ausfällen) fast nur bleibendes geschaffen, und waren damit mindestens nochmals 35 jahre allen anderen adeligen in der umgebung voraus, die mit nachziehenden stadtgründungen im ganzen mittelland versuchten, ihre schwindende macht wieder zu festigen. wir in bern und umgebung profitieren von der früheren prioniertat bis heute ein wenig davon! denn unser mosaikstein wurde einmal von fremden geputzt, bis dass er glühte.


die kriche von ekshärad erinnert an den alten pilgerweg nach nidaros (trondheim) und an bessere zeiten fuer die kleinstadt (foto: schweden-wanderer (anclickbar))

und es ist schön, in ekshärad daran erinnert zu werden, – eine stadt in der provinz, kaum grösser als die meisten mittelalterlichen städte! gerade wenn man nach tagen aus dem wald kommt, kann man erahnen, was für ein toller sprung auch nur schon eine heutige kleinstadt bedeutet. man würde es ekshärad und seiner bibliothek gönnen, dass auch sie etwas vom wirtschaftlichen aufschwung durch städtegründungen spüren wurden, denn die globalisierung macht der region zu schaffen. es ist nicht einmal sicher, ob die bibliothek noch nächstes jahr da steht, wo ich meine kleine ent-deckung wenig erinnerter zusammenhänge gemacht habe.

danke für die möglichkeit einer kleinen tagesüberraschung, – und jetzt schon viel kraft, dass euer mosaikstein die krise überlebt und von neuem glänzen wird!

schweden-wanderer


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