der raum erobert sich seinen platz in der geschichte zurück. er wird wieder historisch gelesen. zwar besteht er aus strukturen und verbindungen. doch breiten sich soziale verhältnisse nicht einfach statisch. Sie breiten sich aus, sodass der raum die zeit repräsentiert. Sie setzen kulturelle grenzen, sodass der raum herrschaft spiegelt. Und all das zerfällt in historischen momenten, sodass der raum schauplatz der geschichte ist. denn geschehenes ist konkret, weshalb es nicht nur eine zeit, sondern auch einen ort hat. diese verständnis der geschichtsschreibung führt nicht zuletzt zum vater der geschichtsschreibung, den griechen herodot, zurück. ein antiquiertes vorgehen?, fragt der historiker karl schlögel keck seine die zunft. diese möchte am liebsten nicken. doch der autor hält so kräftig dagegen, dass man schon fast etwas verschämt wegsieht, oder beigeistert ist. wie der stadtwanderer, – auseinandersetzung mit herodot und seine folgen, – 2. teil!

folge 1

die dialektik von raum und zeit

die historikerInnen nach herodot haben dem epos der früheren geschichtserzählung eine radikale absage erteilt. mythen, legenden und sagen sind für sie keine quellen mehr, denn sie verzichten auf zeit. vergangenes wird zwar berichtet, aber nicht historisiert. es fehlt dem epos das bewusstsein vor ein vor- und ein nachher. es spielt in der ver-rückten vergangheit. doch der raum lehrt uns, dass die zeit ein vor- und ein nachher hat. sie entsteht aus der unwiderruflichen bewegung der gestirne, und sie kann eingeteilt werden, sodass gerichtete und gemessene zeiterfahrung entsteht. deshalb hat sich die geschichtsschreibung die chronik ins zentrum gerückt, und sie mit fragen an die Vergangenheit verbunden, die als geschichte erhellen soll.


legende „,mensch und raum (I)“:
wiege der menschheit – wahrscheinlich beginnt alles an einem ort und erfasst von da in einer million jahre den raum der ganzen erde, abbildung von oldoway (bild anclickbar)


legende „menschen und raum (II)“:
land genommen – überwindung der erde durch die eroberung des weltalls durch die usa, abbildung des fusstritts von armstrong (bild anclickbar)

so gut das ist, so einseitig ist es auch. Denn die historiker haben den zusammenhang von raum und zeit weitgehend vergessen. vielleicht überschreiten wir erst jetzt, mit der globalen kommunikation, die gebundenheit an den ort, sodass wir die bewegung als zeit erleben. vielleicht werden wir uns dessen dafür auch gerade jetzt wieder bewusster. das losgelöste hat seinen platz im internet, weil es ubiquitär ist. doch selbst da vermuteten man neuerdings örtliche bezüge und gibt atlanten der philosophie heraus. da mag es nicht überraschen, dass auch die raumgeschichte heute in blüte steht.

die kritik an der gegenwärtigen geschichtsschreibung

zum gewohnheitsrecht der historischen zünftler sei es verkommen, geschichte nur entlang der zeit zu erzählen, kritisiert karl schlögel. postmarxist genug, fordert er die beschäftigung mit dem sein wenn’s ums bewusstsein geht. das wird zwar nicht mehr materialistisch gedeutet, aber dennoch als kampf. denn schon fernand braudel sagte in seiner meditéranée, der raum sei der „Feind Nummer eins“ des menschen. und daraus leitet schlögel ab: menschliche geschichte ist ein kampf gegen den horror vacui, sie ist die unentwegte anstrengung zur bewältigung des raumes, seiner beherrschung, seiner aneignung und seiner überwindung. bis dahin ist es aber ein weiter weg, der zum programm der geschichte erklärt wird.


legende „islam und christentum (II)“:
expanison des fränkisches reich bei der krönung pippins, 751, bis zum tode seines sohns karl, 814, gestoppt durch das emirat von cordoba (bild anclickbar)


legende „islam und christentum (I)“:
expansion des kalifats vom tode mohammeds, 632, bis zu den rückeroberungen durch die macedonische dynastie das byzantinische reich, 867 (bild anclickbar)

selber hat der osteuropa-historiker schlögel „seinen“ Faum x-fach bereist. 48er Jahrgang, hat er noch in „Moskau“ und dem damaligen „Leningrad“ studiert. 1990, nach der wende, wurde er ordinarius in frankfurt an der oder. und er ist ein fan von herodot! wie dieser den raum des vorderen orients kannte, kennt schlögel russlands raum, über den er als journalist, essayist und wissenschaftler berichtet(e ), aus dem effeff. ja, er ist medienschaffender, künstler und professor in einem, der dem konkreten in all seinen facetten zugewandt ist. die zeit, schreibt er, erfasse die menschliche existenz nicht ganz. hierfür brauche es auch den raum. sein und handeln, tun und lassen sind immer konkret, was eine gleichzeitige reflexion über zeit und raum bedinge. und hierfür zitiert er friedrich ratzels satz: „Im Raume lesen wir die Zeit“, der dem buch den titel gegeben hat, das hier angezeigt werden soll.

einheit von ort, zeit und handlung wieder ernst nehmen

karl schlögel will herausfinden, was geschieht, wenn man geschichtliche vorgänge immer auch als räumliche und örtliche denkt und beschreibt. er versteht die welt, die er vorfindet, als ein grosses und einzigartiges geschichtsbuch, das zu lesen er bestrebt ist. lesen bekommt dabei einen neuen sinn: gelesen werden mit diesem band zwar vorwiegend texte wie in andern büchern auch. die texte schlögels sind aber nicht gelesene texte, die andere autoren zu anderen autoren verfasst hatten. sie sind gegenwärtig. denn sie sich aus der eigenen anschauung entstanden. die fast 50 versuche, die der band vereinigt, sind im wahrsten wortsinn originell. und sie sind, so der autor, die paradigmatische form der erkundung und erschliessung.


legende „bedrohung und befreiung der europäischen zivilisation (I)“:
niederlassung der magdyaren in pannonien, streifzüge zwischen 899 mit der schlacht von brenta bis 970 mit der schlacht von arcadiopolis als ost/bewegung (bild: anclickbar)


legende „bedrohung und befreiung der europäischen zivilisation (II)“:
auswirkungen der französischen juli-revolution 1830 auf belgien, hannover, braunschweig, hessen, sachsen, die schweiz und parma, modena und bologna und polen als west/ost-bewegung (bild anclickbar)

schlögel schreibt zu seinem innovativen unterfangen: „Immer wieder erweist sich der Ort als der angemessene Schauplatz und Bezugsrahmen, um sich einer Epoche in ihrer ganzen Komplexität zu vergegenwärtigen.“ denn nur der ort verbürge komplexität. deshalb habe er ein vetorecht gegen die von der disziplin und von der arbeitsteiligen forschung favorisierte parzellierung und segmentierung der historischen themen. o-ton des autors: „Der Bezug auf den Ort enthielt insgeheim immer ein Plädoyer für eine histoire totale – wenigstens als Idee, als Zielvorstellung.“ daraus ergeben sich, so schlögel, neue darstellerische register und narrative, die der einheit des topos geschuldet seien.

topografisch zentrierter geschichtsschreibung gefordert

topografisch zentrierte geschichtsschreibung leitet sich direkt aus dem gestand ab. dafür hat schlögel einen neuen quellenbegriff geprägt: die antworten auf seine fragen findet er zunächst in fahrplänen und adressbüchern, auf landkarten und grundrissen. mit denen erkundet er seine städte und landschaften, jedoch nicht als tourist, der informationen sucht, sondern als historiker, der die repräsentationen des raumes, der distanzen und der zentren zu entziffern gelernt hat. sie beinhalten für ihn wie symbolbilder auch momente der geschichte und vorstellungen der herrschaft. sie sind darstellungen der kultur. und darum geht es in der raumgeschichte.


legende „konventionelles und unkonventionelles leben (I)“:
pilgerwanderungen auf den jakobswegen seit dem mittelalter, mit santiago de compostella als ende an der peripherie (bild anclickbar)


legende „konventionelles und unkonventionelles leben (II)“:
casanovas reisen durch das europa des 18. jahrhundert, als netzwerk der städtischen zentren (bild anclickbar)

eingeleitet werden sie durch das kapitel „Die Wiederkehr des Raumes“, welches die absicht und das vorgehen des buches ausführt. dann kommen die neuen formen des historischen arbeitens an die reihe: „Kartenlesen“ und „Augenarbeit“ heissen sie. den repräsentierten raum im grafisch zu erkennen und ihn mit dem wissen des historikers wieder erstehen zu lassen, ist sein ding. Denn es geht ihm um erinnerung an gesehenes, aber nicht nur als touristenerlebnis, sondern als zivilisationsgeschichte. diese sieht er namentlich im letzten kapitel des buches, „Europa diaphan“ genannt, in bewegung. dabei geht es ihm um das entstehen der geschichtsschreibung, die den nationalstaatlichen rahmen hinter sich lässt und den kontinent als ganzes zu denken beginnt. generationen von historikerInnen werden auf diesem platz arbeiten, bis sie europas zeit im europäischen raume lesen können, prophezeit der historiker.

ein juwel in herodots sinn

zu diesem anregenden Buch schrieb (ausgerechnet) die „Zeit“, es sei „von tiefem Ernst und grosser Leichtigkeit, ein Pamphlet und eine Spurenlese, dicht und werthaltig. Nur zu glänzen, ist schon ein Menge; dieses Buch glüht von innen.“ und das ist nicht zu viel versprochen, selbst wenn die glut nicht ohne vorsicht angerührt werden sollte. denn mit diesem Juwel der neuen geschichtsschreibung muss man zuerst umgehen lernen. „Uebungen“ schreibt der meister hierzu, und fügt gelegentlich auch „Anläufe“ und „Aussichten“ bei, wenn er sein unterfangen beschreibt. und er bleibt im bild: die lektüre gleiche der seefahrt ins ungewisse. sie orientiere sich an den ufern, an den kaps und an den bergen, denn einen kompass der raumgeschichte gibt es noch nicht. deshalb, so der autor, verkündet das buch auch keine lehre, keine methode und keine ergebnisse. doch das macht nichts aus! man legt es, gelesen, zur seite und ist voll von anregungen, was im raume alles steckt, wenn man sich nur genügend bildet, um ihn endlich zu verstehen.


legende „traum und wirklichkeit (I)“
jahrtausendwende – ort und stelle der zerstörung des american dreams, abbildung von ground zero am 11. september 2001 (bild cnn, anclickbar)


legende „traum und wirklichkeit (II)“
allzeit – unaufhörliche ausbreitung des christentums zur bevölkerungsreichsten kirche, abbildung vom petersdom in roma (bild anclickbar)

in seiner letzten übung, der vorläufigen krönung, zitiert schlögel dann herodot. nicht als uebervater, auch nicht als anachronismus führt er ihn ein. vielmehr bereist er mit ihm sein moskau. mit dem pater historiae gleichsam auf dem roten rplatz rekapituliert er seine these: ein eigenständiges werk habe dieser geschaffen, aus einem hauptstrang mit vielen verzweigungen bestehend, die über das zentrale register der geschichtsschreibung zusammengehalten werde: über den augenschein. Geschichte sei bei ihm immer in raum und zeit erzählt worden, weshalb er die kernbegriffe des historischen könnens nach herodot aktualisiert: „istorie“ sei das eigene erkunden, „autopsia“ das eigene anschauen, „idein“ wiederum ist das schauen und „theoria“ die anschauung.

des stadtwanderers kleine würdigung


der raum lebt vom konkreten. doch er wird in den historischen quellen repräsentiert. auch wer keinen augenschein genommen hat, darf das nicht vergessen! deshalb muss man auch quellen sezieren, lernen karten lesen, bilder zu deuten und grafiken entziffern. erst dann sieht man, was war, und kommt so zu einer bildlichen vorstellung der vergangenheit. genau das lehrt, die einheit von raum und zeit wieder zusammen zu denken und zu beschreiben, – anders als es die historischen zunft heute tut. so das spannende lesebuch von karl schlögel.


Legende „fluss in der landschaft“
der fluss steht still, doch das wasser fliesst. bewegung entsteht erst, wenn die elemente wie das wasser des flusses, wie die handlungen der menschen auf raum und zeit bezogen werden. ohne dies ist alles statisch, gibt es keine geschichte (bild anclickbar)

à suivre. stets und überall.

Schweden-wanderer

Karl Schlögel: Im Raume lesen wir die Zeit. Ueber Zivilisationsgeschichte und Geopolitik, Fischer Taschenbuch Verlag 2006 (Erstausgabe: Carl Hanser Verlag, München/Wien 2003)

illustrationen: schweden-wanderer


Comments

1 Comment so far

  1. Christian Schenkel on Juli 26, 2006 14:16

    Irgendwie habe ich stark den Eindruck, dass sich gegenwärtig Raum und Zeit verflüchtigen und nur noch die Handlung zählt. Die Einheit von Handlung, Raum und Zeit fällt in der globalisierten Welt eben auseinander.

    Dieses Phänomen findet seinen Ausdruck auch in unserem Jugendwahn. Wir wollen ewig Handelnde mit zeitlosen Körpern sein und bleiben…

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