Wir sind jetzt vor dem Schweizerhof. Nach dem Bellevue Palace ist das der vermutlich zweitwichtigste noble Treffpunkt für Lobbyisten in Bundesbern.


Der Club politique
An diesem Ort finden regelmässig abendliche Treffen des „Club Politique“ statt. Ins Leben gerufen wurde diese Vereinigung von Reto Nause, Mitglied der Berner Regierung und Vertreter der CVP, heute der Mitte.
Präsidiert wird der Club von Victor Schmid. Seine politische Karriere begonnen hatte der doktorierte Soziologe als persönlicher Berater von Bundesrat Flavio Cotti. Heute ist er Mitinhaber der Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten AG, eine der führenden Komm-Agenturen in der Bundesstadt. Die“ NZZ am Sonntag“ nannte ihn jüngst den Grandseigneur der Kommunikationsberatung in Bern. «Lobbyist» hört er nicht gerne, und seine Firma ist auch keine PR-Agentur!

Hochkarätige Gäste
Die Gästeliste des Club Politique ist hochkarätig. Sie umfasst seit 2013 sieben BundesrätInnen, einen Bundeskanzler, fünf StänderätInnen und 23 NationalrätInnen. Man findet darauf auch Firmenchefs und -chefinnen, VerbandspräsidentInnen, ParteisekretärInnen, DiplomatInnen, PublizistInnen und fast alle PolitologInnen aus Bern. Natürlich war auch ich schon mehrfach Referent hier. Und ich bin Mitglied.
Bezahlen muss man in diesem Club übrigens nichts. Für die Aufnahme braucht es aber eine Empfehlung. Und es ist ein Leistungsausweis als Person des öffentlichen Lebens nötig.
Als Beatrice Wertli, die frühere CVP-Generalsekretärin, das Managemnt des Club inne übernahm, stieg der Anteil Frauen im Saal spürbar an
Obwohl der Club ein offensichtliches CVP-Herz hat, kommen hier Leute aus fast allen Parteien. Denn überparteiliche Beziehungspflege bleibt die wichtigsten Voraussetzung für das Lobbying in der Bundesstadt.

Veranstaltungen als Ritual
Die Veranstaltungen im Club sind ein Ritual: Der Gast, die Gästin trägt etwas Wichtiges vor. Danach wird auf einem kleinen Podium debattiert, und zuletzt mischt sich das geladene Publikum ein. Mindestens so wichtig wie der offizielle Teil ist allerdings der obligate inoffizielle Stehlunch danach.
Gehört man zum erlauchten inneren Kreis des Clubs, kann es durchaus sein, dass man mit einem Bundesrat oder einer Bundesrätin im petit comité dinieren und eine anstehende Problematim zu erörtern.
Der hiesige Club Politique ist bei Weitem nicht der einzige seiner Art in Bern. Sie wurden in den letzten 20 Jahren bewusst gefördert. Denn viele der Lobbyzentren in der Schweiz waren in Zürich oder Genf. In Bern herrschte lange Nachholbedarf – bei hervorragenden Voraussetzungen mit der Bundespolitik und der Bundesverwaltung.

Food&Fun am beliebtesten
Beliebter noch als Abende wie im Club sind Anlässe ohne Agenda und übergeordnetes Thema. Dazu gehören auch gesellige Kochrunden, wie sie die Agentur furrerhugi. pflegt. Da bereiten zwei ParlamentarierInnen meist aus verschiedenen Fraktionen ihr Süppchen vor und servieren es ihren Gästen.
Am beliebtesten sind allerdings Schifffahrten auf dem Thunersee. Das segelt dann unter „Food&Fun“ in aller Abgeschiedenheit des Berner Oberlandes und ohne jeden thematischen Zwang. Vielleicht ist sogar das die ganz hohe Kunst des Netzwerkens.

Krise des Informellen
Genau dieser informelle Bereich des Lobbyings ist unter Corona-Bedingungen in eine eigentliche Krise geraten. Das ist nicht zu unterschätzen. Fast 30 Prozent der jetzigen ParlamentarierInnen wurden erst 2019 gewählt. Sie haben bis jetzt genau eine ordentliche Session erlebt, danach nur solche, die abgebrochen, ausser Stadt oder hinter Plexiglas durchgeführt werden. Das Soziale und Menschliche an der Politik leidet darunter.
Die Meinung, ob das von Gutem oder Schlechtem sei, gehen weit auseinander. Martin Schläpfer, langjähriger Migros-Lobbyist, meint etwa, ParlamentarierInnen kämen so zu den 20% massgeblichen Informationen, die nie in amtlichen Unterlagen stehen würden. Hart ins Gericht genommen wird er von Gerhard Pfister. Der NZZ diktierte er jüngst ins Notizbuch, das sei ein dreiste Erfindung der Lobbyisten, um sich selber und ihre Events wichtig zu machen. Punkt!
Persönlich kennen gelernt habe ich den früheren CVP- und heutigen Mitte-Präsidenten übrigens hier im Club Politique, als er seine neu positionierte Partei vorstellte und mit allen anstiess.

Und weiter …
Fertig mit Internas! Als nächstes packen wir die Kantone als Lobbyisten.
Als nächstes packen wir die Kantone als Lobbyisten.


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