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zur geschichte der pflastersteine


pflastersteine kann man vor allem hören. sie klingen nach pferdehufen, man vernimmt den kutscher, brrr …, und kann sogar im dunkeln schnaubende nüstern erkennen! wem kommt bei kopfsteinpflaster und kleinstadt nicht unweigerlich das 18. jahrhundert in den Sinn? wer sieht nicht gleich das zeitalter der europäischen postkutsche wiederaufleben? wer denkt nicht automatisch an stadttore, die über nacht geschlossen werden, einsame laternen, welche die dunkelheit ein wenig erleuchten, und stadtwächter die nach banditen ausschau halten? und wer stellt sich dabei nicht enge gassen vor, die zum nächsten gasthof, der „Krone“, führen? es muss ja nicht gleich napoléon sein, der von paris nach wien unterwegs ist, und in einer seiner zahlreichen garnisonsstädte anhält, um zu etwas essen und ein wenig zu schlafen, bevor es auf holprigen strassen weitergeht, sodass man froh ist, wenn es wenigstens in der stadt sichere brücken und gängige pflastersteinstrasse hat. es kann ja auch eine einfache gesellschaft sein, die mit dem kutscher unterwegs ist, um in der stadt geschäfte zu tätigen. auch sie sind froh, das gesuchte haus sicher gewiesen zu bekommen und übers Kopfsteinpflaster gehen zu können, um sich und ihre kleider vor erdpfützen schützen.


foto: stadtwanderer (anclickbar)

die geschichte der pflastersteinstrassen ist meines wissens noch nicht geschrieben. doch in kenne den aufbau schon: die präliminarien müssten die pest einführen, die sich kurz vor 1350 fast flächendeckend über europa ausbreitete und einen drittel der bevölkerung wegraffte. sie müsste flagellanten erwähnen, die gegen falsche kirchenreligionen predigen. Man müsste das todesgeschrei in stinkenden spitäler zu hören bekommen, in denen unvorbereitete pflegerinnen einen verzweifelten kampf gegen den schwarzen tod führen. und man müsste dem bewusstsein für stadthygiene nachgehen, um zu verstehen, wie es ebenso fast überall auf dem kontinent zu kopfsteinpflästerungen kommt. doch man könnte dabei nicht stehen bleiben: zur sprache kommen müsste auch der verblichene glanz des hochmittelalterlichen kaiserreiches, der niedergang des ewig streitenden adels, der das aufkommen des weitsichtigen fernhandels und des fleissigen gewerbes in den städten ermöglichte. man würde dann die revolution der zünfte verstehen, die sich rheinaufwärts von köln bis basel ausbreitete. so würde man unweigerlich marktplätze hören, die hunderte von Menschen anzogen, um sich und seine waren auszutauschen. sinnlich würde man dann an die Kraft erinnert, die so von städten ausging und am ende des 14. jahrhunderts exemplarisch zum oberrheinischen städtekrieg gegen die aristokratie führte. in schwaben verloren die bürger diesen zwar, doch in der eidgenossenschaft gewann ihn luzern mit seinen verbündeten gegen habsburg. „Sempach!“, müsste man das kapitel betiteln, das vom protostaat zwischen zürich und bern berichten würde. und endlich müsste man auf die wichtigste städtebauliche Veränderung von basel über solothurn bis in die innerschweiz hinweisen: das kopfsteinpflaster! quasi als symbol des stadtbewusstseins verbesserte man jetzt die elenden erdstrassen in den stadtzentren der erwachenden eidgenossenschaft. der stein sollte nicht nur den politischen aufstieg markieren; er sollte auch zeigen, dass die adelige gründerzeit der holzstädte vorbei ist. er sollte jedem der den stadtbezirk betrat sichtbar machen, dass man sich hier und jetzt dauerhaft niedergelassen hat, niemandem mehr weichen wird, und niemanden mehr über sich tolerieren wird.


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das geschichtsbuch zu den pflastersteinen in den europäischen städten würde sein vorläufiges ende in den jugendunruhen des späten 20. jahrhunderts finden. von „68“ würde berichtet werden, der revolte der jugend gegen die kleinbürgerliche erwachsenenwelt, die man gleichsam mit pflastersteinen zerstören wollte. um den verklemmten zeitgeist gehörig eins auszuwischen, wurden die strassen aufgerissen, das verdeckte private hinter der gepanzerten öffentlichen hervorgezerrt. endlich befreit! pflastersteine en masse wurden dafür eingesetzt, und sie waren das aequivalent für die frei gewordenen energien: pflastersteine gleich freiheit mal energie im quadrat, hätte einstein das auf den punkt gebracht.


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politisch war diese revolte, denn sie formulierte lauthals ihren gesellschaftlichen gegenentwurf. anders war das dann 1980, als die autonome jugendbewegung das zeitalter der antipolitik verkündete. doch auch jetzt dienten die verbliebenen pflastersteinstrasse als schauplätze der geschichte. auf dem von wasserwerfern glitschig gespritzten pflaster, taatüü-taatüü, wurde der strassenkampf gegen gummischrot ausgetragen, ziff, ziff, ziff. autonome räume wollte man so öffnen und alternativen kultur sollte zugelassen werden. „Freie Sicht auf die Alpen!“, war die losung. erobert wurden hierfür leer stehende häuser in den stadtkernen und ungenutzte industrieareale in den aussenquartieren, die nicht selten aus rötlichem backstein waren und innenhöfe hatten. in diesen fanden die ersten vollversammlungen statt: es wurde kaskadenartig geklatscht, wenn eine(r ) zu lange sprach, und es wurde laut skandiert, wenn eine(r ) dummes zeug erzählte. und all dies auf den kopfsteinpflaster, das schon fast vergessen, mancherorts der geburtsort der alternativkultur ist,.

stadtwanderer

vorwärts zu teil 3 (zur politologie der pflastersteine)

vorwärts zu teil 4 (zur sozialforschung der pflastersteine)

schluss mit pflastersteinen


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