im google-zeitalter ein begriff an bedeutung gewonnen: das kollektive gedächtnis. ein tiefes ausatmen nach einer langen wanderung hierzu, und ein paar gedanken, die ich am wegrand liegend aufgenommen habe.

digitale und kulturelle gedächtnisse

alles was auf dem www kommuniziert wird, hinterlässt spuren, wird archiviert, katalogisiert und so auch memoriert. in einem bisher unbekannten masse können wir uns dieses kollektiven superspeichers bedienen, da es uns wörter definiert, texte erschliesst, sprachen übersetzt, bilder zeigt und töne ausspuckt. doch das ist nur die eine seite des gedächtnisses. die andere ist die erinnerung.


philipp emanuel von tscherlitz, baron und stadtwanderer (rechts), mit pascale bruderer, nationalrätin (links) aus ebenso einer gemeinen herrschaft (fotos: stadtwandererin)

wer die geschichte zu seinem „google“ macht, bekommt nicht nur alerts zugeschickt, erhält nicht nur diskussionsstände zugestellt und kann nicht nur mit neuesten wissenschaftliche texte zuschlagen. geschichte erschliesst einem auch das kulturelle kollektivgedächtnis. sie erlaubt es, sich zu erinnern, von der gegenwart in die vergangenheit. lesend, staunend, fragend, erzählend bleibt man so nicht nur laufend auf dem laufenden, sondern wird wandernd bewandert.

individuelle und kollektive gedächtnisse

so wie die einzelnen menschen ein individuelles gedächnis haben, haben gruppen von ihnen ein kollektives. freundeskreise, organisationen, gesellschaften, religionsgemeinschaften, soziale schichten und regionen kennen es: das gemeiname gedächtnis, dasses ihnen erlaubt sich zu verorten. denn kollektive gedächtnisse sind wohl einem spiegel gleich, man sieht sich selber, aber auch sein umfeld. man hat, was sonst so schwer ist, sich und seinen hintergrund vor augen.


der stadtwanderer und sein publikum: mitten in der steinstadt mit deren bau man nach dem stadtbrand 1405 begonnen hat (fotos: stadtwandererin)

archaisches wissen, märchen und mythen sind ohne zweifel kernbestandteile des kollketiven gedächtnisses. doch sie sind nicht das ganze kollektive gedächtnis. vielleicht sind sie das, was die gefühle für den einzelnen sind: grundlegende wegweiser, die helfen entscheidungen zu treffen. geschichte ist darüber hinaus unser wissen, dass wir erwerben, wenn wir gefühlsvoll gegenüber unbekannten situationen handeln.

elemente der kollektiven gedächtnisse

zeichen, symbole, gebärden und rituale sind ursprüngliche darstellungs- und vermittlungsformen. sie werden nicht selten gruppenübergreifend verstanden. gerade deshalb haben sie ihre bedeutung auch in der modernen gesellschaft nicht verloren; angesichts multikulturell bestimmter gesellschaften ist ihre bedeutung zwar weniger einzigartig, aber umso grösser. ubiquitäre piktogramme erlauben es uns, uns in bahnhöfen, auf autobahnraststätten und grossen volksplätzen zurecht zu finden, wo auch immer diese sind.


stadtwanderung pur: müde füsse der stadtwanderer und willkommene überraschung von der lutherischen kirche (fotos: stadtwandererin)

auch märchen gibt es überall auf der welt. gerade weil sie eine einfache grundstruktur haben, eigenen sich sich für die kindererziehung und -unterhaltung. doch sie sind nicht nur das: in ihnen spiegeln sich die hoffnungen und befürchtungen ganzer gruppen. mehr noch als das fernsehen, sind sie als kollektiver erfahrungsschatz quellen der fantasie, der kraft und der bewegung.

schliesslich sind auch mythen ein fester bestandteil des kollektiven gedächtnisses. sie sollen zeigen, wie alles geworden ist, auch wenn man es nicht weiss. sie erinnern an die götter, die welt geschaffen haben, heroen, die in unsere gegenden gekommen sind, und urmütter oder stammväter, die das als erste kuultur geschaffen haben. ihn ihnen spiegeln sich vorbilder, mit ihnen fesseln uns wurzeln und durch sie motiviert uns das feuer, stets von neuem eine gesellschaft zu sein.

die geschichte ist eine entwickelte form des kollektiven gedächtnisses. sie erschliesst uns das leben. sie zeigt, wie unser umfeld geworden ist, und wo wir darin unseren platz haben. die individuellen erinnerungen sind einmalig, sondern typisch. wir haben eine herkunft und eine familie. wir sprechen eine typische sprache und verwenden eine spezifische schrift. wir bekennen uns zu einer religion und teilen philosophien.

gedächtnisbildung und identitätsbildung im kleinen und im grossen


so, wie wir in unserem alltag mit der vergangenheit umgehen, so definieren wir uns auch als teil des kollektiven gedächtnisses. das erschliesst dritten unsere identität, so wie es uns einen zugang zu unserer identität eröffnet. wir werden uns unserer position bewusst, wenn wir uns unseres kollektiven gedächtnisses bewusst werden. wir suchen in der geschichte die antwort auf die frage, wie es gekommen ist, wenn wir uns rechtfertigen müssen. das ist schon fast traditionell.


organisator viktor erne und seine frau marietta/andreas steigmeier, verleger historischer werke, auf der stadtwanderung (fotos: stadtwandererin)

modern ist es dagegen, die herrschende verhältnisse zu kritisieren. dann suchen wir nach verlorenen spuren im kollektiven gedächtnis, spüren wir gekappten entwicklungen nach, und interessieren wir uns für umgeleitete ströme. denn nur im nirgendwo unseres kollektiven gedächtnisses können wir uns verorten, wenn wir unser leben ändern wollen.

jahresfeiern und die instrumente der zeitmessung, historische persönlichkeiten mit ihren begebenheiten, strassennetze und stadttore, katastrophen und ihre ursachen, probleme und lösungen, staaten und ihre grenzen, kriege und der frieden, räume und zeiten erlauben es uns, uns zu definieren und abzugrenzen, uns zu identifizieren und zu entwickeln, uns in fremde rollen zu schlüpfen und zu verstecken, uns aufzuregen und wieder wohl zu fühlen.

festmäler nicht festplatten

gedächtnisse sind zunächst speicher, die man füllt, die man ordnet und die man ausräumt. doch sie sind mehr als wohlgeordnete festplatten. sie sind oppulente festmäler. sie nähren uns, wo auch immer wir sind, – und sie formen uns, wer immer wir sind.

kollektive gedächtnisse sind immer mit einer gemeinschaft entstanden, geprägt durch deren leistungen, gekennzeichnet durch deren verletzungen. egal, ob diese bewusst, unterbewusst, verdrängt oder vergessen sind.


gebanntes und staunendes publikum, das bewandert heimkehren wird (fotos: stadtwandererin)

kollektive gedächtnisse haben einen individuellen charakter, selbst wenn sie die erinnerungen von gemeinschaften sind. gerade das macht die kollektiven gedächtnisse für die kulturelle identität, aber auch für die kulturkritik unverwechselbar interessant.

kollektive gedächtnisse sind die wie räume, in denen ich gerne wandere. sie sind wie karten, die mir orientierung geben. sie werden mir bewusst, wenn ich sie mir oder anderen wandernd erzähle. am einfachsten ist es, wenn ich das mit schauplätzen und denkmälern verbinde, unachtsames beachten, beachtetes neu entdecke, indem ich es stets nach dem beitrag befrage, den es für das kollektive gedächtnis hat. das alles erleichtert es einem, sich des kollektiven gedächtnisses zu erinnern, und so die erinnerung zum sprechen zu bringen.

einfach glücklich ..

es ist ein phänomenales erlebnis, eine unglaubliche erfahrung und eine grosse erkenntnis, wenn man sich ein kollektives gedächtnis erschliesst, wenn man es erwandert und wenn man es anderen vermittelt!


licht und schatten über bern, von den anfängen bis heute (fotos: stadtwanderer)

nun bin ich zurück, von meiner tätigen stadtwanderung durch keltische, burgundische, eidgenössische, bernische und schweizerische gedächtnisse

erschöpfter und glücklicher
stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. pascale bruderer on September 7, 2006 06:52

    Lieber Vic, vielen Dank für die schönen Erinnerungsbilder und überhaupt: für
    die SUPER Idee!

    Lieber Claude, Hut ab (einmal mehr) und ganz grosses MERCI für all die
    tollen Informationen. Wo nur hattest Du eigentlich Deinen Spick versteckt?!

    Liebe Mitwandernden, es hat uns riesig gefreut, nicht nur Bern, sondern
    gleichzeitig auch SIE resp. EUCH kennen zu lernen!

    Wir wünschen allen eine weiterhin sonnige Woche.

    Mit herzlichen Grüssen
    Urs & Pascale

  2. Viktor Erne on September 7, 2006 07:12

    Lieber Stadtwanderer

    Das war ein interessanter, anspruchsvoller und lehrreicher Tag
    mit Claude Longchamp. Ihm sei herzlich gedankt.

    Viktor Erne

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