Burger.Barock.Bourbonen – Finale: Hotel de Musique (aka DuTheatre) oder die Ambivalenzen des Berner Barocks

Wir stehen hier von dem Höhepunkt des Berner Barocks. Bauen wollte man ein Stadttheater. Entstanden ist ein Konzert- und Ballhaus. Das spiegelt gleichsam das Drama des Berner Barocks.

Barock? Den Zeitgenossen kein Begriff
1751 begann Denis Diderot mit der Herausgabe seiner « Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers ». Einer der vielen Artikel der Enzyklopädie ist dem Barock gewidmet. Da wird gesagt, die Zeitgenossen des Barocks hätten den Begriff nicht verwendet. Er sei portugiesisch, barocco, und für eine unfertige Perle verwendet worden.
Vom Barock sprach man erst, als der Klassizismus als Baustil des aufgeklärten Bürgertums entstand, und alles was vorher gebaut worden war, zur Vergangenheit des Absolutismus’ gezählt wurde.

Das Hotel de Musique, auch Du Theatre genannt
Wir stehen zum Schluss vor dem «Hotel de Musique», das populär ausgedrückt «DuTu», «DuTheatre» genannt wird. Das kam so:
1766 plante eine Gruppe fortschrittlich denkender Patrizier, in Bern ein Stadtheater zu errichten. Dafür gründet man eine Aktiengesellschaft. Auch das war eine Innovation. Man erwarb vier Parzellen und plante. Die Obrigkeit stand vor einem Problem: Bewilligen und die Aufruhr zulassen, oder verbieten und erneut als Unterdrückerin dastehen?
Man wählte einen Zwischenweg: Der Bau wurde bewilligt, der Zweck nicht. Einzig Konzerte und Tanzabende durfte man hier durchführen. Das tönte nach Wien und war weniger verdächtig.

Zwei Seiten des Dramas
Gebaut hat es der damalige Stararchitekt Niklaus Sprüngli. Er hatte in Paris studiert und er hat in Bern einige der schönsten Profanbauten in Bern erstellt. Sein Interpret im 20. Jahrhundert, Kunsthistoriker Paul Hofer, schrieb, es zeige zwei Baustile. Die bekanntere Westseite sei spätbarock, die Ostseite hier, frühklassizistisch. Auch ich dachte das vor einigen Wochen.
Bei meinen Vorbereitungen für diese Wanderung habe ich die grossangelegte Buchreihe der Uni Bern zur Geschichte von Stadt und Kanton gelesen. Sie widerspricht Paul Hofer. Es sei unwahrscheinlich, dass der gleiche Architekt eine Fassade so, die andere so gebaut habe. Vielmehr habe man in Paris den Studenten gelehrt, die Fassade müsse ausdrücken, was im Gebäude geschehe. Sprüngli habe demnach ausdrücken müssen, dass man hier eigentlich Theater spielen wollte. Doch sei die Bewilligung zum Drama geworden, das zwei Ausprägungen habe: die Komödie und die Tragödie. Die Westfront spiegle mit ihrer Verspieltheit die Komödie, die Ostfront mit ihrer Strenge die Tragödie.

Komödianten und tragische Figuren
Unsere Führung durch das 17. Und 18. Jahrhundert, durch den Berner Barock und durch die Zeit mit und gegen die Bourbonen zeigte Licht und Dunkel im damaligen Leben der Stadt. Glänzend waren das Kornhaus, das Beatrice von Wattenwyl Haus und der Erlacherhof. Elendiglich waren die Geschichten vor der französischen Kirche, dem Mayhaus und beim Gesellschaftshaus zu Kaufleuten. Ein Staatsmann war Willading, ein Komödianten waren Gabriel May und Hieronymus von Erlach und die Tragödien betreffen Catherine Perregaux-de Wattewyl und Samuel Henzi!
Die bereits zitierte Buchreihe der Uni Bern nennt das 17. Jahrhundert «Berns mächtige Zeit», das 18. Jahrhundert «Berns goldene Zeit». Bewunderung für den Aufstieg von Stadt und Republik Bern sprechen daraus.

Das Ende und der Neuanfang
Doch dann kam der jähe Sturz der stolzen Stadt, als sich die französische Revolution auch hier breitmachte. Sie markiert den Wandel von der aristokratischen Republik zum bürgerlichen Kanton, später zur liberalen Schweizerischen Eidgenossenschaft.
Ironie der Geschichte: Als Bern 1848 Bundesstadt wurde und er nun radikal gesinnte Regierungsrat dem Bund Gratisräume anbot, hatte man die noch gar nicht. Um das erste Parlament beherbergen zu können, musste man auf das Hotel de Musique zurückgreifen. Honi soit qui mal y pense, man habe da Theater gespielt!

Was Fassaden zeigen, was sie verdecken
Das meiste, was die heutige Altstadt ausmacht, entstand am Ende des 17. Jahrhunderts und wurde in den folgenden 100 Jahren gebaut. Ich war mir der Zusammenhänge lange nicht bewusst. Zu interessieren begonnen habe ich mich, als ich zu Weihnachten 2021 ein Buch zu Bern und seinen Bausteinen geschenkt bekam.
Ich plante umgehend eine Führung dazu und habe wie ein wilder Pensionär gearbeitet.
Das Vorhaben habe ich einige Mal geändert, bis die jetzt Fassung vorlag. Auch sie ist aus Sandstein geformt worden, der sich bekanntlich leicht bebauen lässt. Und so wird sich auch diese Fassung fast sicher weiterentwickeln.
Bleiben wird nur das Motto. Es geht um Fassaden! Was man dabei sieht, und was verdeckt wird!

Dank
Ich bedanke mich, dass sie bei der virtuellen Premiere dabei waren. Heute Abend ist die effektive Premiere. Wenn es nicht zu fest regnet (doch würde auch das passen: Es war die Epoche der kleinen Eiszeit, kalt und nass!)

cal

ich bin der berner stadtwanderer. ich lebe in hinterkappelen und arbeite in bern. ich bin der felsenfesten überzeugung, dass bern burgundische wurzeln hat, genauso wie ich. also bin ich immer wieder auf der suche nach verästelungen, in denen sich die vergangene kultur in meiner umgebung versteckt hält.

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