es ist der 3. november 1957. ich bin etwas mehr als ein halbes jahr alt. ich erinnere mich nicht mehr an diesen tag, – zu jung war ich damals. aber ich habe später gemerkt, weshalb dieser tag für mein leben so wichtig war; denn damals startete die sowjetische weltraumkapsel sputnik 2 mit der hündin laika zu ihrem berühmt gewordenen flug ins all. der schreck über den technologischen vorsprung der sowjets löste in der westlichen welt den schock aus, der einen beispielslosen aufbruch des bildungswesens brachte, von dem auch ich profitierte. ein rekonstruktionsversuch zum 49. todestag von laika.

sputnik 2 mit huendin laika als kommunistische propaganda

„moskau (tass). am 3. november 1957 startete das sowjetische weltraumprogramm sputnik 2 erstmals in der menschheitsgeschichte mit einem lebenwesen an bord erfolgreich zu einem weiteren weltraumflug. die hündin laika soll während 10 tagen die erde umkreisen und wissenschaftliche daten zu körperfunktionen unter schwerelosigkeit liefern. die sowjetunion beweist damit, dass sie in der technischen entwicklung der ganzen welt weit voraus ist.“

so und ähnlich vermeldet man vor knapp einem halben jahrhundert den start des weltraumfluges von sputnik und laika. die kommunistische welt war erfreut, die kapitalistische geschockt. nur einen monat nach dem ersten weltraumraumflug überhaupt setzte die sowjetunion mit dem ersten flug eines lebewesens im weltalt zum zweiten grossen schocker an. bis 1961 sollten 8 weitere sputniki folgen, bis dann am 25. märz dieses jahres juri gagrin als erster mensch in den weltraum startete.

der start des fluges von sputnik und laika war politisch gut plaziert. am 7. november 1957 würde man sich in der sowjetunion des 40. jahrestages der russischen revolution erinnern. nikita chrustshov, der generalsekretär der kpdsu, hatte den spektakulären start der hundekapsel als botschaft an die ganze welt ganz bewusst im vorfeld der feierlichkeiten gefordert.

der sputnik/schock im den usa und in europa

in der westlichen welt lösten die erfolge des sowjetichen weltraumprogramms den sogenannten sputnik-schock aus. 1955 noch hatte us-präsident dwight d. eisenhower das amerikanische weltraumprogramm voller optimismus lanciert, ohne dass aber sichtbare erfolge aufzuweisen waren, als 1957 die sputniks von der konkurrenz in den weltraum vorstiessen. sie machten vor allem der usa klar, dass sie mit interkontinentalraketen von sowjetischem boden aus anfreifbar waren, ohne dass die usa ein gegenstück hierzu vorzuweisen hatten. dieses phänomen führte zur umgehenden gündung der nasa, und leitete in den westlichen industrienationen vielfälitge aktivitäten zur förderung des hochschulwesens ein.

dem bildungsboom schloss sich auch die schweiz an. 1959 kam es zur zauberformel im bundesrat, mit der die alten gegensätze zwischen bürgerlichen und sozialdemokratie überwunden werden sollten. sichtbares zeichen dieser neuen ära waren der aufbau der ahv und der schweizerischen sozialwerke einerseits, des ausbau des hiesignen bildungswesens anderseits. technische hochschulen, aber auch universitäten und berufsschulen sollten von dieser wellte erfasst werden.

es formierte sich auch ein neues klima: wissen wurde als (gegen)macht empfunden und zur breiten abwehr des kommunismus demokratisiert. chancengleichheit über soziale schranken hinweg wurde zur formel, welche die gesellschaft bewegte. denn bildung wurde als bestandteil des kaltenkrieges für die politiker in der schweiz hochgehalten; bildung wurde aber auch als vehikel für den gesellschaftlichen aufstieg einfacher menschen hierzulande genutzt.

mein leben im licht und schatten des sputnikschock

davon profitierte ich ohne zweifel. meine eltern, beides nicht „studierte“, ermöglichten mir einen schulweg, den sie selber nicht kannten. ich bekam schon als kleines kind, das gerade mal lesen und schreiben konnte, ein lexikon geschenkt. das kam in form von wöchentlichen heften zu mir, die ich las, sammelte und dann zu büchern binden konnte. so entwickelte sich in zwei, drei jahren ein mehrbändiges werk in meinem buchbüchergestell, das eine halbe generation zuvor noch undenkbar gewesen wäre.

das blieb nicht ohne wirkung. der kleine stadtwanderer von heute wäre damals liebend gerne raumwanderer geworden. er verfolgte mit akribie das amerikanische weltraumprogramm „gemini“, später ebenso die „apollo“-missionen. ihren höhepunkt, die weltraummission von apollo 11 mit der ersten mondlandung am 20. juli 1969 verfolgte er in italien in den ferien am bildschirm. neil armstrong, der erste mensch auf dem mond, blieb ihm stets besonders verbunden, hatte er doch, wie albert einstein und der stadtwanderer auch am 14. märz geburtstag.

mein held von damals war bruno stanek; er kommentierte wie kein anderer die apollo mission am schweizer fernsehen, – unvergessen die stunden, die ich vor dem bildschirm verbrachte, als die mission 13 in havarie geriet und ohne kontrolle im weltraum gondelte.

in gewisser weise sollte er auch zu meinem vorbild werden. er war ein eth-wissenschafter neuen typs, der am fernsehen instant berichten konnte, was die fernsehnation aus den usa zu sehen bekam. beredet brachte er spannung in die bisweilen langfädigen übertragungen aus dem all, erklärte er uns die kleinsten details von astronautennahrung und apollo-koppelungen, die man grau/grau statt schwarz/weiss gar nicht identifizieren konnte, und machte er uns alle so mit einer gänzlich unvertrauten welt verbunden. stanek kaum aus prag in westen, von sputnik sprach er nie, auch wenn er als mathematiker kein ideologe war.

das vorgesehene studium der mathematik und physik, das ich als gymnasiast erwogen hatten, erschien zunächst nur folgerichtig. meinem phyisiklehrer ging der ruf voraus, er sei ein begnadeter forscher, hätte sogar an der atombombe geforscht, und er hätte, wenn er wollte, stets zur nasa wechseln können. ich war also schon nahe dran.

getan hat mein physiklehrer es aber nicht. genau so wenig übrigens, wie ich danach ein technisches studium ergriffen habe. denn bei allen vorteile, die uns aus dem sputnikschock in den 60er jahren erwachsen waren, mehrten sich allenthalben zweifel, ob diese nicht auch nachteile fuer die welt hatten.

mitte der 70er jahre entschied ich mich, kein naturwissenschafter zu werden. die gymnasialllehrer dieser fächer, allen voran mein mathematik- und mein biologielehrer, hatten mich mit ihrem kalten krieg, antikommunismus und mit ihren rassistische lehren im unterricht geschockt. zwischenzeitlich war ich für gewissen themen sensibilisiert, hatte gemerkt, in einem teil es kalten weltkrieges aufgewachsen zu sein, und begann mir meine eigenen gedanken zu machen. es waren auch politische wilde jahre, die zeit des ausbruchs aus der gesellschaft, die der kalte krieg geformt hatte.

so habe ich einstein und armstrong (vorübergehend) an den nagel gehängt und mit dem studium von geschichte und sozialwissenschaften begonnen, um besser zu verstehen, in welche zeit ich geboren wurde. einigermassen ist mir auch das geglückt. dank bildungsboom, der selbst diese fächer in der schweiz aufblühen liess, würde ich heute beifügen. denn ohne mein beschaeftigung mit geschichte und soziologie, politik in theorie und praxis gaebe es den stadtwanderer kaum.

laikas kurzer flug mit langer wirkung

am anfang dieser kette steht immer noch laika. die arme hündin wurde in moskau auf der strasse aufgegriffen und für das weltraumprogramm mit tödlichem ausgang vorbereitet. an eine rückkehr auf die erde dachte man damals noch nicht, denn dazu war man technisch noch gar nicht in der lage. sputnik 1 war nach 57 tagen der erdumkreisung beim wiedereintritt in die erdatmosphäre verglüht. anstatt der vorgesehenen 10 tage leben im weltall verstarb laika wohl schon am ersten tag nach dem start im gemisch aus gestank, lärm und hitze. ihr sei heute gedacht.

sputnik 2 umkreiste im 100minuten rhythmus die erde noch insgesamt 2250 mal, bevor der erdtrabant am 14. April 1958 im orbit verglühte. die auswirkungen des schocks, den der satellit damit vor allem in der westlichen welt auslöste, hielt deutlich länger an, und prägte mein leben, im licht und schatten von laika, deutlich.

stadtwanderer


Comments

3 Comments so far

  1. apropos on November 5, 2006 22:55

    spannend – mich nimmt grad wunder was meine seniorengruppe zu diesem thema zu sagen hat…
    erlaubst du, dass ich deinen artikel auszugsweise einbinde? mit nennung deines namens selbstverständlich

  2. stadtwanderer on November 6, 2006 09:23

    klar, kein problem, wenn du magst, berichte mir darüber!

  3. nadine on August 25, 2007 21:07

    ich finde das total schrecklich mit der hündin laika. ich bin total tierlieb und ich find das richtig scheiße das die die hündin im weltall geschickt haben . 🙁 boah wenn ich schohn daran denke komm mir schohn die trähnen . das is soo gemein!!!! (aber so ist das leben ) .

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