am sonntag noch lass ich im band 5 des neuen „historischen lexikons der schweiz“ und machte mir gedanken, ob und wie man das auf dem stadtwanderer besprechen könnte. fast alles, was mit der schweiz, ihrem territorium und ihrer geschichte zu tun hat, und mit „g“ beginnt, ist da auf den aktuellen wissensstand zusammengefasst. aus aktuellem anlass bin ich bei „gruner“ und „gilg“ stehen geblieben.

der tod von peter gilg

„gundobad“, könig der burgunder, mit sitz in genf, der im späten 5. und zu beginn des 6. jahrhunderts lebte, oberster general des römisches heeres war und einen kaiser beseitigte, später zu seinem stamm in der sapaudia zurückkehrte und am aufbau der gallorömisch-germanischen gesellschaft im rhonetal wirkte, war mein erster ausgangspunkt für die besprechung. er ist seit langem ein fester bestandteil in meiner grossen stadtwanderung durch bern und durch die romandie, und er wird, für alle nicht-spezis von ihm, kurz und knapp im erwähnten lexikon erwähnt. überhaupt, das ist die stärke des neuen historischen meisterwerkes: es referiert über vieles, aber in einer sprache, in einer form und visualisierung, die auch für nicht-fachleute geeignet sind.


bundespräsident moritz leuenberger, bei seiner 1. august-rede 2006 vor dem historischen lexikon der schweiz

doch ich bin nicht beim alten burgunderkönig stehen geblieben. am dienstag nämlich entnahm ich der zeitung „drrr bund“, dass peter gilg vor einer woche 84jährig gestorben war. genauso wie sein vorgänger als direktor des damaligen forschungszentrums für schweizerische politik, erich gruner, ebenfalls verstorben, war er eine weile lang mein chef, sind beide mentoren von mir, leben beide nicht mehr, sind aber im historischen lexikon für ihre bleibenden verdienste als förderer der politikwissenschaft in der deutschsprachigen schweiz verewigt.

gewürdigt wird damit, dass erich gruner (1915-2001) und peter gilg (1922-2006), die frühere nähe der politikausbildung zu geschichte und staatsrecht aufgelöst haben und die gesellschaftlichen einflüsse auf die politische institutionen wie den föderalismus und die direkte demokratie untersucht haben, dem entstehen von politischen veränderungen in den 30er und 60er jahren nachgegangen sind, bewegungen als politische plattformen neben parteien und verbände gestellt und so die politikausübung als system, nicht als rein staatliches handeln interpretiert haben. beiden bekommen hierfür einen mittelgrossen artikel im schweizer lexikon, die sachlich-zurüchalten, informativ, aber unpersönlich sind. deshalb ergänze ich sie hier gerne ein wenig aus meiner optik.

meine erinnerung an erich gruner

erich gruner habe ich schon als student kennen gelernt. der sohn eines pfarrer und einer lehrerin war eine charismatische persönlichkeit, die mich von beginn weg stark fasziniert hat. er stammte aus einer alten, politisch aber nicht bedeutsamen bernburgerfamilie, hatte in bern und wien geschichte studiert, war zunächst gymnasiallehrer in basel, mit dem „daig“ auch verbandelt, der ein liberalkonservatives bild der schweiz hatte. er kam als talentierter jungforscher nach bern, erhielt die unterstützung des nationalfonds, gründete die besagte forschungsstelle, unternahme erste forschungen zur soziologie der schweizerischen bundesversammlung und baute fächer wie wirtschafts- und sozialgeschichte an der uni bern auf. sein lebenswerk ist die monumentale geschichte der schweizerischen arbeiterbewegung.


der reformierte pfarrersohn erich gruner erhielt seine abdankung in der berner nydeggkirche (foto: stadtwanderer, anclickbar)

erich gruner nahm sich bald auch der ausbildung kommender eliten für die verwaltung an, etabliert politisch-philosophische wie auch politikwissenschaftliche lehrgänge. er war ein unermüdlicher schaffer, voll von reichhaltigen kenntnissen der schweizer- und lokalgeschichte. doch er blieb bei der faktenhuberei nicht stehen, denn er wollte ein zeitgemässes bild entwerfen, wie das schweizerische politische system begründet und strukturiert sei, und wie es funktioniert. er erkannte, dass man das allen nur verstehen kann, wenn man nicht nur von wahlen, sondern auch von abstimmungen kennt, weshalb er sich als einer der ersten mit der empirischen erforschung der direkten demokratie beschäftigte. so ist er zum vater der vox-analysen geworden, aber auch der politikberatung, indem er etwa die finanzgesinnung der schweizerInnen untersuchte, um abschätzen zu können, ob und wie die schweiz eine mehrwertsteuer akzeptieren würde.

in genau dieses forschungsfeld bin ich 1983 als mitarbeiter von erich gruner selber eingestiegen. ich habe bei ihm erfolgreich meine prüfungen absolviert (der historische teil bestand aus der frage: „was ist zeit“, der politologisch aus der kritik eines weltwoche-artikels über das damals neuen parteiprogramm der sp), und wurde ein jahr darauf angefragt, als assitent für ihn zu arbeiten, mit dem auftrag, die nationalratswahlen von 1983 zu untersuchen, und die vox-analysen eidgenössischer volksabstimmungen zu betreuen. so habe ich den weg zur empirischen analyse der schweizerischen politik, die mich bis heute nicht losgelassen hat, gefunden.

doch nur ein jahr später trat erich gruner altershalber zurück, regierte von zuhause aus aber noch weiter, und hatte ein kleines team, bestehend aus hans hirter, andreas balthasar und mir, die ihm seinen lehrstuhl bis zur wahl eines nachfolgers führte.

meine erinnerung an peter gilg

in dieser zeit erst lernte ich peter gilg kennen. auch er war ein pfarrerssohn, und auch er war von ausbildung aus historiker. er war jedoch weniger auffällig als gruner, stand weniger im zentrum als der institutsgründer, und wusste die studenten weniger für neues zu begeistern, als der gefragte professor gruner. aber er war ein genauer beobachter der gegenwart, geschärft mit historisch fundiertem wissen eines bibliothekars, gespitzt mit der feder eines praktisch tätigen journalisten.


zwischen 1971 und 1991 war peter gilg präsident der christkatholischen kirche berns (foto: stadtwanderer, anclickbar)

1965 gründete er mit gruner das jahrbuch „année politique“, das er leitet und zur zuverlässigsten chronik des politischen geschehens in der schweiz ausbaute. er hat 1983, als die aufkeimende grüne bewegung ins parlament einzog, als erster und mit grosser sicherheit von einem „rutschen unter der stabiler oberfläche“ gesprochen, bemerkt, dass es im gebälk der regierungspartein kracht, selbst wenn man die öffentlichkeit noch nicht reif war, das zu verarbeiten. seine historischen werke hatten ihn jedoch sensibel gemacht, für die ursachen von bewegungen, für die formen und den sinn von jugendprotesten. keine hat mir so intuitiv, aber so verständlich beigebracht, dass jedes „sytem“ auf einer politischen kultur verfasst ist, sie werte generiert, welche ein system prägen. und um diese politische kultur war er als aktives mitglied der neuen helvetischen gesellschaft stets auch aktiv bemüht.

mir ist vor allem seine einsicht geblieben, die er uns immer wieder vermittelt hat: wenn sich die gesellschaftlichen werte aber zu wandeln beginnen, dann führt das zu spannungen mit den institutionen, aus denen soziale bewegungen schöpfen, weil sie ihre neuen vorstellungen von politik, moral und ethik einführen. Nicht von ungefähr wandte er sich nach seiner pensionierung dem studium der christkatholischen theologie zu.

peter gilg war es auch, der mich 1984 und 1985 engagierte, nicht nur umfragen zu volksabstimmungen zu machen, sondern jedes jahr sechs monate in zeitungen zu wühlen, offizielle dokumente zu studieren, und meinungsbildende schriften zu konsultieren, um die folgen des wertewandels nicht nur für die grüne bewegung zu sehen, sondern auch für die energie- und verkehrspolitik, für das parteien- und verbandssystem. politische kultur im wandel, ein forschungsprojekt, das ich am ende der 80er jahre für den schweizerischen nationalfonds durchführen konnte, hat er, wie kein anderer, gedanklich reifen lassen.

meine erinnerung ans damalige fsp

die zusammenarbeit mit gruner und gilg war eigenartig. für gruner schrieb ich meinen politikwissenschaftlichen erstling, eine analyse der grossratswahlen im kanton aargau. besprochen hat er die arbeit kaum; zu peter gilg in seine studierstube im obstberg hat er mich verwiesen, wo ich eine gründlich kritik von inhalt, methode und sprache erhielt. gruner selber sagte mir nach der prüfung nur, er hätte die arbeit gelesen, bemerkt, dass sie sehr gut sei und noch völlig ungeschliffen sei. den fehlenden schliff musste ich mir bei peter gilg holen; bei erich gruner bekam ich dafür die assistenzstelle, die mein berufsleben entscheidend prägen sollte.


„vom galgenfeld zum henkerbrünnli und zurück“, beschrieb peter gilg seinen arbeitesweg kurz vor der pensionierung, der ihn vom berner obstgarten zum alten tierspital führte (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die arbeit am damaligen forschungszentrum für schweizerische politik war indessen unsicher. die wirtschaftsfakultät, die über das zentrum wachte, wollte es bei der pensionierung von gruner in ein politoekonomisches institut umwandeln, oder abschaffen. dem damaligen direktor peter gilg hat das stark zugesetzt. europäisch-geisteswissenschaftlich wie er ausgebildet war, konnte er sich mit den aufkommenden amerikanischen theorie des rational czhoice nicht gross anfreunden, wurde immer mehr in die defensive gedrängt, und erkrankte schliesslich schwer.

rettungsanker in der schwierigen situation war schliesslich leni robert. die regierungsratswahlen 1986 bescherten dem bernischen regierungsrat erstmals eine rot-grüne mehrheit, und die abtrünnige freisinnige zog als vertreterin der freien liste ins berner regiment ein. sie übernahm zielstrebig den posten der erziehungsdirektorin und mischte sich direkt in die unipolitik. erich gruner, wie auch peter gilg, setzten ihr hoffnungen die grüne regierungsrätin, der es schliesslich auch gelang, die komplexe nachfolge zu regeln, sodass aus dem fsp, wie das zentrum damals noch hiess, heute das ipw, das institut für politikwissenschaft geworden ist.

zwei pioniere finden ihren platz im historischen lexikon

eigentlich wollte ich das historische lexikon der schweiz besprechen, band 5, schwerpunkt „g“. das werde ich so schnell nicht schaffen, was keine missachtung des hohen wertes ist, den dieser band wie alle anderen in dieser serie hat. aber ich bin abgeschweift, zu meinem gelebten historischen lexikon der schweiz, dem damaligen forschungszentrum für schweizerische politik, das mich dank den pionieren erich gruner und petr gilg gelehrt hat, politologie, soziologie und geschichte zu verbinden, um gegenwart aus sich und aus der vergangenheit zu verstehen. dafür sind erich gruner und peter gilg wie niemand anders mein lebender beweis, selbst wenn sie jetzt beide gestorben sind. sie haben mir und anderen etwas beigebracht, das aus der heutigen optik recht selbstverständlich erscheint. vor 20 jahren, als sie beide wirkten, was das aber noch bei weitem nicht der fall. es waren zwei forscher, zwei professoren von menschlichem und fachlichem format, wie man sie sich heute vermehrt wieder wünschen würde.

stadtwanderer

das historische lexikon der schweiz (hls) auf dem web

historisches lexikon der schweiz, hgg. von der stiftung historisches lexikon der schweiz (hls), band 5, basel 2006


Comments

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  1. Rinaa on November 10, 2006 17:27

    zwei deiner mentoren sind verstorben – gell, ein einschneidender moment – auch wenn du ihre unterstützung längst nicht mehr nötig hast. vergessen wirst du die beiden nie. durch dieses ereignis haftet nun dir selber ein anderer, ungewohnter „status“ an… ganz viel gefreutes und bereicherndes wünsche ich dir damit.
    gruss Rinaa

  2. stadtwanderer on November 10, 2006 20:30

    liebe rinaa, danke für die schönen worte, stadtwanderer

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