zwar bin ich der stadtwanderer von bern. seit 1999 lebe ich aber in hinterkappelen, – ausserhalb der stadt. schon oft habe ich mich gefragt, was es mit dem ortsnamen auf sich hat, – jetzt habe ich einen spannenden erklärungsversuch, den man unbedingt am martinstag erzählen muss.

hinterkappelen, hinder chappele, cappele

heute gehört hinterkappelen zur politischen fusionsgemeinde wohlen. seit 1803 waren wohlen und hinterkappelen teil des amtsbezirkes bern. davor wurden sie in schwerwiegenden fällen vom amtsgericht zollikofen verwaltet, in einfachen angelegenheiten von laupen aus. das war seit der reorganisation des bernischen staatswesens nach der schlacht von murten so. in dieser zeit, 1479 genau, wird der ort auch erstmals erwähnt, als „cappele“.


hinterkappelen bei bern, vormals einfach „cappele“

doch woher stammt dieser name? vom benachbarten frauenkappelen und seinem frauenkloster? oder von einer hofkappele?

„weder noch“, ist meine these.

um den eigentlichen wortsinn zu verstehen, muss man sich die reformation wegdenken; das christentum katholisch verstehen. man muss sich auch der savoyischen und burgundischen wurzeln klar werden, die es in diesem gebiet seit der völkerwanderung hat. und man muss sich des aufstiegs des frühen christentums zur staatsreligion im römischen reich bewusst werden, was uns auf das 4. jahrhundert nach christi geburt verweist.

nachfolger der römer waren herrschaftlichen gesprochen die franken in ganz westeuropa. um als machthaber anerkannt zu werden, brauchten sie nicht nur militärische kraft. sie waren auch auf die religion angewiesen. in den spätantiken städten war man um 500 christlich geworden, auf dem lande hing man aber dem alten glauben der kelten oder römer an.

ein vorbild aus der zeit der christianisierung des römischen reiches bot gelegenheit, auf beide traditionen zurückgreifen zu können. und genau dieses vorbild machten die merowingischen könige im frankenreich zu ihrem schutzherrn, – was uns endlich zum wortsinn von kapelle, nämlich kappelane führt.

der heilige martin und sein cappa

die rede ist vom heiligen martin. er war römischer offizier, quittierte den dienst und stieg in der katholischen kirche bis zum bischof von tours auf. er löste auch die klosterbewegung in gallien aus, und er gilt bis heute als einer der kirchenväter. er ist auch der archetyp des volksheiligen, der nicht wegen eines märtyriums in diese position gehoben wurde. vielmehr steht er am anfang einer grossen volksbewegung, mit der die christliche religion von den römischen städte auf das land getragen wurde.


frühre 100 franken(!)note der schweiz erinnerte an den heiligen martin und sein barmherziges wirken für die armen ausserhalb der stadt

in frankreich ist martin immer noch der nationalheilige, und martin ist in unserem nachbarland der häufigste knabenname bei christlichen taufen geblieben. doch auch in der schweiz ist martin kein unbekannter: bis vor wenigen jahrzehnten figurierte er auf den 100er noten des schweizer frankens.

um seine person ranken zahlreiche legenden. so, dass er nicht bischof von tours werden wollte und sich in einem stall versteckte, wo gänse lebten. deshalb würde heute noch im ganzen frankreich gansessen zum tage seiner beeerdigung stattfinden. das ist eine spur, die uns aber nicht zum ziel führt, weshalb ich sie auch wieder verlasse.

geboren wurde martin wahrscheinlich 316 nach christus in szombately, das im heutigen ungarn liegt. damals war es eine römische garnison. martins vater war ein verdienter kriegsveteran und amtete nach seiner pensionierung als volkstribun in der stadt. seinen sohn nannte er bewusst martin, um ihn dem alten römischen kriegsgott zu weihen, der bei den bauern-soldaten unvermindert hoch im kurs war.

martin kam zunächst nach pavia in die ausbildung, und er trat mit 15 ins heer ein, wo er, seiner aristokratischen herkunft wegen, wachtmeister der reiterei wurde. mit 22 lag seine truppe vor amiens, wo er die nächtlichen ronden zu überwachen hatte. da begegnete er in einer winternacht einem frierenden bettler. er teilte seinen mantel über der rüstung mit dem schwert und gab eine hälfte dem armen zum schutze. in der nacht darauf träumte er von christus, der ihm beschied: „was du einem meiner geringsten getan hast, hast du mir getan.“ martin liess sich an den kommenden ostern christlich taufen.

354 wurde martin zum kriegsdienst gegen die alamannen eingezogen. kaiser julian führte gegen sie einen feldzug, obwohl sie römische verbündete geworden waren. sie begannen aber den rhein zu beherrschen, und deshalb wollte sie der kaiser von den linksrheinischen gebieten wieder zurückdrängen. die kampagne war erfolgreich; doch julian führte den krieg nicht im namen des christentums, wie es seit kaiser theodosius üblich war, sondern ganz bewusst als antichrist. martin kündigte nun seinen kriegsdienst, indem er dem kaiser sagte: „bis heute habe ich dir gedient; gestatte nun, dass jetzt gott diene.“

martin schloss sich dem prediger hilarius an, der in poitiers bischof geworden war, und das christentum über die stadt hinaus aus land bringen wollte. hilarius wollte martin zum diakon machen, doch der ehemalige krieger lehnte das ab; er übernahm aber einen posten als exorzisten, das heisst als gottesmann der sich auf dem felde bei den bauern bewähren musste. 360 gründete martin hierfür in einem verlassenen gutshof eine religiöse gemeinschaft. er leitete sie als eremit und sammelte wenige getreuen um sich, die mit ihm in askese lebten. genannt wurde die siedlung „moutier“, was man heute mit „kloster“ (monastère) oder „münster“ übersetzt.

371 wurde martin als bischof von tours vorgeschlagen. er lehnte zuerst ab, übernahm dann aber nach einem jahr den posten. als seinen sitz wählte er aber nicht die stadt, und er fühlte sich auch nicht als stadtherr. vielmehr gründete er vor den stadtmauern „marmoutier“ (grossmüster/grosskloster) und wurde bischof der landleute. als er 25 jahre bischof gewesen war, verstarb er am 8. november 397; drei tage später wurde er in tours unter grosser anteilnahme der bevölkerung beerdigt, und sein begräbnis löste eine eigentliche volksbewegung zugunsten der christianisierung aus.

der martinskult der merowingischen könige

100 jahre danach war das römische reich nicht mehr. die germanischen franken hatte die macht in paris erobert, und reihum die alamannen, die burgunder und die westgoten besiegt. ihr könig, chlodwig, nahm als erster germanischer könig das christentum an, was ihm eine kaiserähnliche stellung in gallien beschied.


taufe des frankenkönig chlodwig in reims, das für die späteren germanenkönige mit ambitionen, die nachfolge der römischen kaiser zu sein, stilbildendes elemente wurde.

ganz bewusst griff der begründer der merowingischen dynastie im frankenreich auf den martinskult zurück. weil er bischof war, machte ihn das bei den christlichen gemeinschaften in den städte genehm, und weil er zum symbol für die christliche nächstenliebe bei den armen geworden war, war er auch für die galloromanischen und germanischen bauern-soldaten akzeptabel.

zentrales relikt der martinverehrung war sein mantel aus amiens geworden, der in den fränkischen königsschatz aufgenommen wurde. wenn chlodwigs nachfolger im frankenreich umherzogen, nahmen sich martins mantel immer mit. die cappa wurde von kappelanen in den königlichen pfalzen aufbewahrt, und diese kappelane amteten als schreiber und seelsorger im sinne des gottkönigs der franken. heute leben sie in zwei getrennten formen weiter: den fürsten der kirchenadministration einerseits und den staatskanzlern anderseits. ihre vorform auf dem land, ist vielleicht der siegrist oder der notar von heute, sicher aber die kappele oder das einfache gotteshaus, das der versammlung der gemeinde diente.

das leben des stadtwanderersin- und ausserhalb der stadt

ob es eine direkte linie von den merowingischen königen nach hinterkappelen gab, ist nicht bekannt. wahrscheinlicher ist, dass es hier im mittelalter einen gemeinschaftsort gab, den man der herrschaftlichen sitte kapelle nannte.

wie gesagt, mit der protestantischen brille versteht man den heiligenkult nicht mehr, und auch ohne das wissen um die einbindung der gebiete um bern ins gallische von keltischer bis burgundischer zeit bekommt man die kurve zu den entwicklung in der antike und im mittelalter kaum. die zeiten sind vergessen, denn ihnen haftet das odium der sklaverei in römischer zeit und der leibeigenschaft unter den feudalherren an. davon befreite sich die bauernschaft im 15. jahrhundert, und sie wollte von den alten verhältnissen nicht mehr viel wissen.

deshalb, könnte man auch folgern, sind wir unseren als wortbedeutungen nicht mehr bewusst. cappele wurde zu chappele, und das sah man in erster linie in beziehung zu frauenchappele, was aus dem ort „hinder chappelen“ werden liess.


leben ausserhalb der stadt: hinterkappelen am morgen nach martini (foto: stadtwanderer,anclickbar)

doch damit ist der römisch-fränkische hintergrund von hinterkappelen nur ein mosaikstück in vielem, das wir nicht mehr wissen. auch der name glarus hat den gleichen ursprung. hilarius von potiers und seinen jüngern wird die klostergründung von stein-säckingen am rtein im 6. jahrhundert zugeschrieben. und von hier aus wurde das rätoromanische gebiet am oberen zürichsee besiedelt. daran erinnert bis heute das kantonswappen, und der kantonsname, selbst wenn der zusammenhang nicht selbstredend ist.

den stadtwanderer faszinieren solche zusammenhänge immer wieder. in diesem fall ganz besonders, denn auch er lebt nicht mehr in der stadt, sondern vor den toren, sprich vor der autobahn. intellektuell zehrt er von der urbanen auseinandersetzung, emotional zieht er sich gerne in sein refugium auf dem land zurück. dort liesst er gerne, und schreibt. zeitgemäss ist das nicht mehr die abschrift von christlichen manuskripten, sondern sind das die ergebnisse der recherchen für seinen blog.

und damit er hier nicht noch ausführlicher wird, hat ihm seine partnerin nicht einen mantel mit schaffell hingelegt, aber ein rezept vom wanderer von arlesheim, das er nun ausprobieren soll!

berner stadtwanderer, hinder c(h)appele


Comments

No Comment

  1. Rinaa on November 13, 2006 16:26

    ist das feine essen so gut gelungen, wie diese spannende geschichte hier? speisen garniert mit feinsten erzählungen und den unglaublichsten wie-war-das-noch ….
    hhhmmm so beneidenswert,
    automatisch tauchen gute gedanken und ideen auf…
    wundere dich nicht, wenn dich nach dem abstimmungswochenende mein anruf erreicht – im „business-kontext“ notabene 😉

  2. stadtwanderer on November 13, 2006 18:20

    da bin ich ja mal gespannt, esse bis dann nichts mehr, und harre der dinge, die ich regelmässig auf deiner flickR seite sehe …

  3. Rinaa on November 13, 2006 18:36

    😉 hihihiiiii
    isst du nur – damit du dann bei kräften bist und nicht durch den schock vom sessel kippst …. 🙂
    mein flickR ist im moment ein bisschen lahm – sorry

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