payerne im herbst: die stadt wirkt verlassen. welsche provinz, kaum ökonomische prosperität und protestantische ordnung könnte man den eindruck zusammen fassen. nicht einmal fluglärm hat an diesem tag, und es gibt auch keinen rummel von soldaten. tote hose, wie wenn noch nie irgend etwas da geschehen wäre. – doch halt! einen lichtschimmer gibt es: la bonne reine berthe, – heute die hauptfigur in meiner erzählung.


die gute königin berta, spinnend reitet sie zu ihren bauernfamilien auf dem land (bild aus dem 19. jahrhundert, von karl jauslin)

königin des zweiten burgundischen königreichs

im 10. und 11. jahrhundert war das heutige payerne ein hart umkämpftes machtzentrum des burgundischen königreiches, und es war eine art kulturgrenze: die sarazenen waren hier, bis könig konrad und kaiserin adelheid payerne zu einer ihrer wichtigsten klösterlichen basen aufbauten. und die salischen kaiser des römischen reiches kamen von speyer bis nach payerne, das sie in peterlingen umtauften, um ihre oberhoheit über burgund zu demonstrieren.

der star dieser zeit ist aber königin berta, die mutter von konrad und adelheid und die frau des burgundischen königs rudolf II. ihre zeit als burgundische königin wird vor allem durch ihren mann vermittelt. er war zwischen 911 und 937 der zweite könig des zweiten (hoch)burgundischen königreiches. erstrangiges politisches und geistiges zentrum dieses reiches war das kloster st. maurice an der walliser rhone, das in den 850er jahren in die hände einer nebenlinie der welfenfamilie gekommen war und über die bistümer von sion, lausanne und genéve regierte. wer st. maurice hatte, hatte auch den pilgerweg von canterbury nach rom. das wusste auch könig rudolf II., sohn des laienabtes von st. maurice, der auch erster burgundischer könig war, denn er setzte auf genau diese route. er wurde 922 zum zweiten mal könig, diesmal in der lombardei und vereinigte damit erhebliche teile des fränkischen mittelreiches, das im 9. jahrhundert untergegangen war. ihm hat man bei seiner krönung in pavia denn auch die berühmtem, heilbringende lanze übergeben, die zu den wichtigsten insignien der römischen kaiser geworden war.

926 geriet rudolf aber in die defensive, denn die madyaren, ehemals kaiserliche reitertruppen, fühlten sich ebenfalls legitimiert, über das untergegangene fränkischen kaiserreich zu herrschen. rudolf schloss sich deshalb könig heinrich I. von sachsen und franken an, der den widerstand gegen die madyaren organisierte und sie auch effektiv militärisch besiegt. heinrich nutzte die gunst der stunde, riss die heilige lanze an sich und beanspruchte damit selber, italienpolitik zu betreiben. rudolf gewährte er als abfindung den zusammenschluss seines königreiches von hochburgund mit dem niederburgundischen, das von arles aus das rhonetal bis vienne umfasste. so war rudolf II. in seinen letzten jahren herrscher über ein gebiet, das vom mittelmeer die rhone hoch, über genf hinaus bis an die reuss reichte. doch er war hier nicht allein: beim zerfall des fränkischen kaiserreiches hatten sich auch sarazenen in fraxinetum, nahe dem heutige st. tropez, festgesetzt und betrieben von diesem stützpunkt aus handel im ganzen rhonetal, nahmen skalven und bedrängten in den 930er jahren den alten burgundischen könig beträchtlich. bei seinem tod besetzten sie sogar payerne als ihre nördlichste stadt!


schon immer eine kulturgrenze: seit dem 10. jahrhundert leben mohamendanische sarazenischen mauren in payerne, und auch heute heissen die händler des orts „mauri“.

königin der lombardei

was berta in all diesen jahren trieb, ist wenig bekannt. die quellen schweigen hier noch übr sie. das alles änderte aber schlagartig, als ihr mann starb, und sie zwei unmündige kinder hatte. so wurde sie eine sehr gefragte frau, und die adligen wie ihre chronisten begannen sich für sie zu interessieren.

könig hugo von der lombardei machte ihr umgehend den hof und erreichte ende 937 auch ihre heirat. seinen sohn lother verlobte er bei dieser gelegenheit gleich mit bertas tochter adelheid. damit signalisiert er, dass er, in pavia lebend, anspruch auf die herrschaft im zentrum des mittelfränkischen reiches hegte. von sich selber sprach er bereits vom kommenden kaiser.

bertas zeit als lombardische königin war wenig glücklich. sie dürfte eine strenge katholikin gewesen sein, die in der klosterreformbewegung von cluny gross geworden war. ihr herrschaftsgebiet war verkehrstechnisch wichtig, ökonomisch aber kaum bedeutsam. in pavia kam sie indessen an einen hof, der eher nach byzantinischen vorstellungen in saus und braus lebte.

könig hugo hielt auch nichts von den klösterreformer in der burgundischen provinz, die schon ganz auf die christliche familienbildung mit klar definierten eltern für die kinder und ehelicher monogamie setzten. er hatte nebst der königin vier konkubinen, und ihm stand auch ein harem am königshofe und in den untergebenen städten zur verfügung.

berta verliess ihren untreuen ehemann noch vor seinem tod, musste aber ihre tochter adelheid der verlobung wegen in pavia lassen. die unglückliche königin kehrte in ihre heimat im hochburgund zurück, und begann dort in den späten 950er jahren ihr lebenswerk zu vollenden. sie trieb die gründung eines neuen priorates, dasjenige von payerne, voran, verstarb jedoch wähhrend den aufbauarbeiten. ihre kinder, konrad, der neuer könig von burgund wurde, und adelheid, zwischenzeitlich auch sächsische königin, brachten ihr werk in payerne zu ende. ihre mutter setzten sie am 8. april 961 in ihrem kloster bei.


kloster payerne, von königin berta gestiften, von ihren kindern vollendet und von den salischen kaisern mit einer romanischen kirche ausgeweitet

schwäbische prinzessin

berta selber war keine burgunderin. sie stammte aus dem alemannischen adel, der, wie die welfen im rhonetal, im rheintal mächtig geworden war. sie waren denn auch die ersten herzöge von schwaben. herzogin ringelinde war bertas mutter, und ihr vater burchard II. war gleich wie rudolf II. von den madyaren angegriffen worden. selbst könig rudolf war nicht abgeneigt, sein burgunderreich auf kosten des schwäbischen herzogtums auszudehnen. so eroberte er 917 den aargau und den zürichgau. er stiess erst beim versuch, auch den thurgau für sich zu gewinnen, auf den widerstand der schwäbischen truppen.

922, als rudolf II. auch könig der lombardei wurde, einigten sich die beiden kontrahenten, teilten sich das mittelland entlang der reuss in zwei herrschaftsgebiete auf, sodass der aargau burgundisch wurde, der zürichgau aber schwäbisch blieb, und begannen gemeinsam ihre italienpolitik über den grossen st. bernhard und den lukmanier zu entwickeln. verbunden wurde diese kriegsallianz durch die verheiratung der schwäbnischen prinzessin berta mit dem burgundischen könig rudolf II.


heutiges grab von königin berta, als identifikationsfigur des kantons waadt im protestantischen tempel

legendäre frau

königin berta ist bis heute eine der sagenumworbensten figuren der schweizer vorgeschichte geblieben. übertroffen wird sie wohl nur noch durch wilhelm tell, der für den innerschweizer mythos und die befreiungsgeschichte von dem schwäbischen adel und den deutschen königen berichtet. berta steht jedoch für genau das gegenteil: den aufstieg des burgundischen adels aus dem 10. jahrhundert bis zur kaiserwürde, in eben diesem reich, von dem die innerschweizer bauern gerne beschützt, nicht aber regiert sein wollten.

berta war zweifelsfrei ein starke persönlichkeit. das war für eine frau im 10. jahrhundert noch alles andere als üblich. in fränkischer zeit wäre es ganz undenkbar gewesen, wie die tragische geschichte der kaiserin judith zeigte. nur schon dass berta zweimal einen kaiseraspiranten ehelichte, hebt sie hervor. dass sie dem zweiten auch den laufpass gab, spricht eine noch deutlicher sprache. und dass sie schliesslich mitten im broyetal ein kloster gründete, das st. maurice in seiner bedeutung konkurrenzieren sollte, zeugt der ihrer ungeheuren kraft dieser frau.

berta profitierte sicher vom wirtschaftlichen aufschwung ihrer zeit. 926 wurden die madyaren mit tributen beschwichtigt, 933 und 955 militärisch besiegt und ins heutige ungarn zurückgewiesen. 937 siegten die burgunder auch über die sarazennen, denen man den zugang zu den mittelmeerhäfen streitig machen konnte. das regelte die herrschaftsverhältnisse neu, und es erlaubte, den fern- und nahhandel vom rhone- zum rheintal von neuem erblühen zu lassen. das 10. jahrhundert war auch der beginn einer klimatischen wärmephase, die bis ans ende des 13. jahrhunderts dauerte, und eine der voraussetzungen war, das 962 das untergegangene kaiserreich der römer und der franken unter führung der ottonischen könig von sachen und der burgundischen frauen von neuem aufgebaut werden konnten. schliesslich war das 10. jahrhundert auch der beginn der zweiten christianisierung, in die breite wie man sagt; in dieser zeit richtete sich die kirche nicht mehr nur an den adel, sondern auch an die bauernbevölkerung.

für berta einmaliges wirken in ihrer zeit spricht jedoch am meisten, dass unzählige politische bewegungen, die ihr in der westschweiz folgten, immer wieder auf sie bezug nahmen:

. im 12. jahrhundert, als die klöster der zisterzienser auch im schweizerischen mittelland aufkamen und zur zivilisierung der landgegebenden viel beitrugen, erstellt man in einer der schreibstuben eben dieser klöster ein testament von berta. heute gilt es in der historischen forschung als fälschung, doch es beweist, dass selber 200 jahre nach ihrem tod, ihre bedeutung nicht erloschen gegangen war.

. speziell im 15. jahrhundert wurde es dann üblich, berta allerhand kirchengründungen im ganzen burgundland von genf bis amsoldingen und von solothurn bis st. immer zuzuschreiben. im einzelfall ist es nicht einfach, nachträglich herauszufinden, was war. wahr ist aber, dass in bertas zeit viele kirche, auch die von köniz entstehen, um die bevölkerung mit christlichen werten erfüllen.

. selbst die bernischen reformatoren des 16. jahrhunderts knüpften an die katholoin an. ihnen gefiel die überlieferung, dass berta eine vorbildliche haus- und ehefrau gewesen sei. berta wurde nun zur eigentlichen wirtschaftsförderin emporsitiliert, die das spinnen der frauen populär gemacht habe. historisch gesehen dürfte das mehr hand und fuss als das falsche testament haben, die überhöhung passte aber auch gut in die reformatorische legendebildung.

. da konnte auch der neu entstandene kanton waadt 1803 nicht nachstehen: berta wurde nebst graf peter von savoyen, der dem pays de vaud im 13. jahrhundert ein erstes staatliches gepräge gab, zur identifikationsfigur der jungen republik erhoben. selbst berta leiche fand sich damals wieder, sodass ihre überreste vom ehemaligen katholischen kloster in den protestantischen tempel gezügelt werden konnten.

. den absurdesten höhepunkt in der vereinnahmung der königin von burgund findet sich aber in den büchern der berner schulwarte der 30er jahre des 20. jahrhunderts. als es galt, die alemannenthese vor die burgunderthese zu rücken, um die herrschaft berns, der deutschsprachigen und des reichs über die waadt zu legitimieren, boten sich natürlich bertas churrätische wurzeln an. dabei schreckte man vor nichts zurück. 1000 jahre nach ihrem leben wurde sie des ehebruchs an könig rudolf bezichtigt, um eine burgundische verbindung der grafen von rheinfelden zu konstruieren, welche das land im investiturstreit besetzte und die regermanisierung einleiteten, die von den zähringern und ihren nachfolgern weitergeführt wurde.


la bonne reine berthe aujourd’hui: les aspects touristiques

payernes bleibender wert

wenn man auch diesen herbst ins verschlafene payerne kommt, ist berta der einzige wirkliche star des ortes. wo auch immer sie begraben wurde, was auch immer sie in ihrem ereignisreichen leben alles getan und erfahren hat, und wer auch immer sie nachträglich für seine weltanschauungen ge- und missbraucht hat, la bonne reine berthe ist unverändert die hoffnung payernes. vom grossen flughafen, der einst kommen sollte, träumt nicht manchen im kleinstädten. an berta erinnern sich aber viele gern. man wähnt sie noch heute unter den einwohnerInnen,denn man begegnet ihr auf schritt und tritt: beim stadtrundgang auf strassenschildern, bei bistrots, die wie sie heissen, und bei kelleranschriften für weindegustrationen.

vor allem um den place de concordance von payerne ist sie häufig anzutreffen, was fast schon symbolisch für ihre verbindende wirkung steht. verbunden hat sie auch die wolle der vielen schaffe im burgunderland, indem sie gesponnen wurde und zur kleidung der menschen wohltuend beitrug. das ist denn bis heute das stärkste bild, das neben den wenigen texten von ihr bekannt bleibt, – und bis in unser haus ausstrahlt, wo sich die spinnräder zunehmende türmen!

eine unglaubliche spinnerin, diese berta!

stadtwanderer


Comments

6 Comments so far

  1. apropos on November 15, 2006 22:29

    ich ahnte doch, dass es bei dir noch ein geschichten-bettmümpfeli gibt. DANKE
    du bist unermüdlich – wie schaffst du das bloss?
    schön gibt es dich und deinen unermesslichen geschichten-fundus uuund deine grosszügigkeit ihn mit uns zu teilen.
    phänomenal!

    gute nacht und gruss R.

  2. stadtwanderer on November 16, 2006 08:18

    huch, du bist ja mit lesen schneller als ich mit schreiben. habs heute gleich noch ein wenig gekämt, und mit bidlern versehen.

  3. bruno on November 16, 2006 14:52

    hast du auch an deine tante Berthe aus fribourg gedacht beim schreiben des interessanten historischen artikels? fribourg war zudem immer sehr mit payerne verbunden und dies ist heute noch der fall – dieser link fehlt noch in deinem blog!

  4. stadtwanderer on November 17, 2006 11:01

    lieber bruno
    ja, du weisst, mein vater heisst pierre und meine tante hiess berthe, und wir sind waadtländer von der herkunft her. da gibt es schon mal verschiedene anspielung auf die guten königin und den kleinen karl den grossen, wie berta und pierre de savoye im volksmund heissen.
    als ich meiner familiengeschichte vor 30 jahren nachging, kam ich auch nach payerne, denn die wenigen katholischen waadtländer, zu denen wir gehören, hatten weiland nicht viele heiratsmöglichkeiten. und so orientierte man sich an den wenigen, meist kleinstädtischen orten mit einer katholischen gemeinde, oder dann eben in den kanton freiburg. unsere familie, ich glaube bei meinen urgrosseltern, sind denn auch ganz in den kanton freiburg gezogen, zuerst ausserhalb der stadt, dann in der stadt, und meine eltern haben den kanton auf der suche nach arbeit in den frühen 60er jahren verlassen!
    ich bleibe aber dem raum verbunden, wie du weisst, und wie man an meinem blog mit den burgundergeschichten immer wieder sieht.

  5. Ahmed on November 19, 2006 12:23

    Sarazenen in der Schweiz? Seit Tausend Jahren! Weisst Du mehr dafüber? – Mir jedenfalls ist das ganz neu.

  6. stadtwanderer on November 19, 2006 21:05

    lieber ahmed, danke für dein interesse und die nachfrage. ich habe versucht, das wichtigste zur sarazenenfrage zusammenzutragen, das ich wusste und kurzfristig fand. es lässt ganz neuen einsichten aufkommen zur bedeutung der christlich-burgundischen und der ismailitisch-berberischen eliten im 10.jahrhundert aufkommen, die sich, zwischen 937 und 960 einen erheblichen kampf um die vorherrschaft über raum und volk lieferten. zahlreich dürften die eigentlichen \"sarazenen\" nicht gewesen sein; wenn sich der begriff aber bis heute erhalten hat, meint er wohl eher die heidnischen anhänger der sarazenen, die im begriff waren, von den christlichen herrschern abzufallen, und in der folge von der christlichen kirche missioniert wurden, um nie mehr eine gefahr für die christlichen herrscher zu werden.

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