wer kennt ihn nicht, barry, den lawinenhund, der mehr als 40 menschen das leben gerettet hat und im berner naturhistorischen museum ausgestellt ist? und wer glaubt nicht, dass ein jeder bernhardiner, der ein kleines fässchen um den hals trägt, darin wärmenden schnaps hat, um verschütteten das leben zu retten? – eigentlich niemand!


postkarte mit dem legendären bernhardiner „barry“, menschenretter bei lawinen am grossen st. bernhard

eigentlich weiss aber auch fast niemand, wieso die zottigen hunde „bernhardiner“ heissen, ausser dass sie seit dem 18. jahrhundert die lawinenhunde des hospizes auf dem grossen st. bernhard sind. warum jedoch der „grosse st. bernhard“ so heisst, wie man ihn heute nennt, was das mit dem zweiten burgundischen königreich von berta und rudolf zu tun hat, welche rolle die sarazenischen händler und eroberer dabei spielten, und wie das alles mit der christianisierung des westschweizerischen mittellandes seit dem 10. jahrhundert zusammenhängt, weiss definitiv niemand. der stadtwanderer hat sich deshalb am trüben sonntagnachmittag auf die spurensuche von „barry“ gemacht und erstaunliches gefunden!

der heilige bernard de menthon und die sarazenen-frage

ihren heutigen namen haben der grosse und der kleine st. bernhard vom heiligen bernard de menthon, der im 10. jahrhundert auf der höhe des grossen passübergangs ein christliches hospiz eröffnet hat. bernard selber stammte aus dem savoyischen adel, der im niederburgundischen königreich zu macht aufgestiegen war. geboren wurde er 923 in menthon bei annecy; verstorben ist er 1008 in novara. seiner bestimmung als adeliger krieger entzog er sich in der nacht vor der heirat durch flucht, die ihn zu den benediktiner-mönchen in oberitalien führte. in ihrem namen gründete auf der passhöhe ein hospiz, wurde 966 erzdiakon von aosta und widmete sich 40 jahre lang der bekehrung nicht-christlicher bevölkerungsteile in den alpentälern. dafür wurde er zum heiligen bernard von methon und zum namensgeber für die wichtigen alpenübergänge.


st. bernard de menthon, der missionar im aostatal zwischen 966 und 1008

dass im 10. jahrhundert in den alpentälern missioniert werden musste, hat eine bis heute scheinbar unbestrittene ursache: die sarazenen, – ein berberischer stamm, der 889 in der nähe des heutigen st. tropez auf dem europäischen festland fuss gefasst hatte, die kolonie fraxinetum gründete und sich von dort aus nach 906 im burgundischen königreich ausbreitete.

sarazenische expansion unter könig hugo

als der burgundische könig rudolf II., bertas mann, 937 starb, häuften sich sarazenischer besetzungen christlicher zentren. 936 war bereits das bistum chur durch die sarazenen erobert worden; für die jahre 937 und 939 sind analoge aktionen in st. maurice und payerne belegt.

eine spezielle rolle spielte damals könig hugo, der 905 für den erblindeten kiser ludwig die regentschaft im rhonetal übernommen hatte. 924 wurde er könig von niederburgund, 926 verdrängte er könig rudolf als lombardischen könig, und 937 heiratete er mit berta auch die witwe des hochburgundischen könighauses. unbestrittenermassen war er damals der wichtigste machthaber im südwestlichen alpengebiet. bis 946 regierte er in pavia und nannte sich flugs „könig von italien“. für den adel aus venetien war hugo jedoch stets ein usurpator geblieben, mit dem man in lebenslangem zwist stand, und dabei nach verbündeten suchte.

könig hugo, der gerne kaiser geworden wäre, suchte zunächst die nähe zu byzanz, und versprach fraxinetum zu stürmen, sollten die kaiserlichen schiffe den hafen angreifen. als diese das 942 auch taten, hatte der opportunistische hugo längst das feld gewechselt und sich mit den sarazenen verbündet, denn ihm drohte ungemach von seiten des markgrafen von verona, berenguar, der sich seinerseits die unterstützung der madyarischen reiterei gesichert hatte.

der christliche chronist luitprand von cremona, dem wichtigsten historiker seiner zeit, gab ob dieser kehrtwende von könig hugo seiner verwunderung über die bündnispolitik des provenzalen ausdruck. er richtete gar eine ode an den mont jovis, wie der grosse st. bernhard damals noch hiess: „unbegreiflich bis du, berg jupiter, der du die frömmsten sterben lässt und zuflucht schenkst den maurischen schurken. oh, möge doch der blitz dich treffen und in tausend stücke schlagen.“

doch es half kein blitz! vielmehr setzten sich die mauren mit hilfe hugo in den 940er jahren in den südlichen alpen fest, und betrieben von hier aus auch missionen nach norden. 950 sind sie als händler vor dem kloster st. gallen und im rheintal bezeugt. ein seltsames bild dürfte es gewesen sein: denn die sarazenen bewegten sich mit gebirgstüchtigen, haflingerartigen kleinpferde vorwärts und breiteten zum gebet ihre teppiche aus, um – für die klostermönche von st. gallen – unbegreifliche handlungen zu vollziehen.

doch der handel funktionierte, denn lebensmittel, neue stoffe, wärmende kleider und maulesel waren begehrt. selbst mädchenhandel soll vorgekommen und von der autochtonen bevölkerung nur zu gerne gegen die eroberten schätze der christlichen klöster eingetauscht worden sein.

rückeroberungen durch königin adelheid und könig konrad

die situation ändert sich erst, als die machtfrage in der lombardei geklärt wurde. 946 verstarb hugo, nicht ohne seinen sohn lothar mit seiner frau adelheid in der nachfolge plaziert zu haben. lothar musste indessen seinen konkurrenten berenguar als kanzler am hof akzeptieren, und bis heute hält sich der verdacht, der frühe tod des jungen königs 950 sei durch ihn verursacht worden. adelheid, die königswitwe und nach lombardischem recht einzige erbin, wehrte sich, den neuen machthaber zu heiraten, und wandte sich, in der gefangenschaft in como, in die von berenguar sie gesteckt wurde, an könig otto von franken und sachsen, der sie 951 befreite, 952 heiratete und demonstrativ von pavia aus über die lombardei regierte.

adelheids bruder, konrad, der dank ottos hilfe die nachfolge seines vaters als burgundischer könig angetreten hatte, wegen der sarazenen im westlichen mittelland aber von champery aus über burgund herrschte, versetzte den sarazenen den entscheidenden schlag: im elsass, wo sie überraschend auf ein vorkommando der madyaren gestossen waren, verwickelte beide seiten nach der razzia-technik in einen kleinkrieg, bis sie sich schliesslich gegenseitig niedermachten. er sicherte sich so die macht als burgundischer könig, und vertrieb mit provenzialischen adeligen die sarazenen nach süden.

975 eroberte man fraxinetum mit genuesischer hilfe zurück, dabei versprach man den kriegern auf burgundischer seite grosszügige verteilung der felder, höfe und gärten der sarazenen. grösster nutzniesser davon war gibellin grimaldi, ein vorfahr der heutigen fürsten von monaco, der so zu seinen ersten ländereien am port-grimaud an der cote d’azur gekommen waren. gleichzeitig setzte die herrschaftliche rückeroberung der alpenpässe durch die burgunder ein, deren strategisch wichtigster sattel, der heutige grosse st. bernhard, war.

die christianisierung der bevölkerung beidseits des grossen st. bernhard

der heilige bernard de menthon der den mont jovis in christlichen besitz nahm, eröffnete das hospiz mit einer benediktinerkolonie, das dem berg seinen neuen, bis heute gültigen namen gab.

wen er abeer bekehrte, ist bis heute gegenstand einer leidenschaftlichen debatte, die mit der bedeutung des begriffes „sarazenen“ zusammen hängt.

früher sah man ihn als kämpfer gegen die ismailischen kohorten, wie man die „sarazenen“ vor den kreuzzügen noch nannte. erst später verwendete man den namen für alle nicht-gläubigen im christlichen sinne. heute wiederum vertritt man die auffassung, in den alpentälern habe es im 10. jahrhundert noch erhebliche teile autochtoner bevölkerungsteile gegeben, die ihren traditionellen religiösen vorstellungen lebten, weder christlich, noch ismailitisch waren, aber mit den berberischen händlern gegen die christlichen herrscher paktiert hätten.

dafür spricht, dass die mission, die im 10. jahrhundert unter den burgundischen herrschern einsetzte, einen ganz anderen charakter bekam als noch in fränkischer zeit. damals war das christentum eine reine elitenreligion für die dünne, aber herrschende schichte gewesen, während die bauernbevölkerung in ihren traditionellen keltischen oder germanischen glaubensvorstellungen lebte. jetzt setzte die mission nicht nur oben, sondern auch unten an. die ausbreitung romanischer kirchen auch im mittelland, die im 10. jahrhundert einsetzt, ist ein untrügerisches zeichen dafür.

bernards bedeutung liegt darin, die bevölkerung in den abgelegenen alpentäler bekehrt zu haben. berta wiederum, die in payerne die gründung einer neuen probstei bis zu ihrem tod betrieb, löste diese bewegung nördlich der alpen aus. ihre kinder, adelheid und konrad, vollendeten ihr lebenswerk.

rettung der menschheit – rettung der menschen?

der name des grossen (und kleinen) st. bernhard erinnert somit unzweifelbar an die christliche rückeroberung des passes vom aosta- ins rhonetal. die christliche geschichtsschreibung stellt dies gerne als befreiung der menschheit vor ungläubigen herrschern dar.


hospiz von heute auf dem grossen st. bernhard, wo in den 960er jahren die christliche benediktiner die moslemischen sarazenen abgelöst haben

mit dem heutigen wissen wird man diese einschätzung relativieren müssen. sie entstand retrospektiv mit den kreuzzügen, als sich die die drei monotheistischen religionen, das christentum, das judentum und der islam, kriegerisch gegenüber standen. heute erkennt man eher die konkurrenz verschiedener eliten, namentlich um die vorherrschaft über raum und volk. vor den „sarazenen“ interessierte man sich wenig für die religion der bauersleute. erst in der konkurrenzsituation konnte diese aber zum entscheidenden faktor in der unterstützung von herrschaft werden. „sarazenen“ wurde damals zum kampfbegriff, der die anhänger der verjagten berberischen händler meinte, selbst wenn es isch nicht zum nachfahren dieser im sinne der blutsverwandtschaft handelte, sondern um nicht-christliche heiden aller art.


neue forschungen melden zweifel an der sarazenen-these an: missioniert wurden nicht die ismailistischen kohorten, sondern die heidnische bevölkerung, die zu den sarazenen hielt.

gerettet wurde damals nicht die menschheit, wie die christliche geschichtsschreibung behauptet! übrigens genauso wenig wie die nachfahren barrys heute noch menschen retten. er gilt in unserer vorstellung zwar unverändert als der menschenretter in der lawinennot. doch sind die heutigen berhardiner so plump geworden, dass vornehmlich belgische und deutsche schäferhunden den dienst am menschen verrichten, wenn unerwartete wellen über in die alpentäler stürzen.

der internationale kampf um die vorherrschaft am grossen st. bernhard geht damit weiter, – und erreicht ganz neue dimensionen!

stadtwanderer


Comments

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  1. Ahmed on November 24, 2006 10:58

    Danke, Stadtwanderer, das ist instruktiv, aber etwas speziell. Die \"Sarazenen\" haben deutlich mehr Spuren hinterlassen, als du schreibst. Konnte man damals schon rechnen, kannte man die null, oder kam das alles erst mit den \"Sarazenen\"?

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