teil 1 der serie: napoléon in der schweiz
teil 2 der serie: napoléon in der schweiz
teil 3 der serie: napoléon in der schweiz

„In Liestal schlug unermesslicher Jubel dem erträumten Erlöser der Landschaft entgegen. Die Stadt Basel warf sich zum Empfang in öffentliche Pracht, freilich nicht von ganzem Herzen. Wohl hatte sich die Mehrheit dem Umsturz ergeben; aber noch verharrte eine Minderheit in Misstrauen, und dieses wurde durch die Ansprachen zwischen Bürgermeister Buxtorf und Bonaparte nicht zerstreut. Doch der General gab sich aufgeschlossen und nahm das Staatsmahl und das Nachtlager an. In Basel sah er auch den Oberstzunftmeister Ochs, für ihn damals der Mann der Schweiz. Am 25. November fuhr er weiter nach Rastatt.“

damit war napoléons schweizer reise direkt beendet. beendet ist auch unsere lektüre von richard fellers berner gechichte, die in der reise napoléons eine ihrer höhepunkte kennt. noch nicht ganz beendet ist indessen der kommentar zu den passagen der konservativen historikers aus heutiger sicht. denn man muss den zusammenhang sehen zwischen dem friede von campo formio, der reise napoléons durch die schweiz, der helvetischen revolution und der staatswerdung, die daraus entstand und am 12. september 1848 in der verfassung des neuen bundesstaates kulminierte.


napoléon und die helvetische republik sind in der bernischen geschichte bis heute umstritten. rück- und vorwärtsgewandte interpretationen kommen zu unterschiedlichen schlüssen. der stadtwanderer kommentierte in dieser serie die reise napoléons durch die alte eidgenossenschaft, wie sie der konservative historiker richard feller berichtete, und spiegelte e sie mit eine rückblick auf die ereignisse von 1797 und folgende aus heutiger sicht

napoléons aufstieg im neuen europa

in rastatt setzte er zur grossen reorganisation des besiegten kaiserreiches an. frankreich hatte sich, wie seinerzeit in gallien, bis an den rhein ausgedehnt, und napoleon begann, den flickenteppich der deutschen kleinstaaten im reich wegzufegen. in diesen strudel geriet auch die alte eidgenossenschaft; die helvetische revolution wurde von oben und mit hilfe der unterdrückten untertanen angezettelt, führte zur helvetischen republik als französischem satellitenstaaten, blieb aber instabil, und sackte in sich zusammen, als napoléon 1802 seine truppen abzog.

1804 krönte sich napoléon zum kaiser der franzosen, heiratete mit dem haus habsburg, das er 1806 zum österreichischen kaiserhaus erhob. damit krachte das alte kaiserreich, das heilige römische deutscher nation, definitiv in sich zusammen. an der grenze zur schweiz entstanden das königshaus bayern und das grossherzogtum baden-württemberg.

napoléons auswirkungen auf die schweiz

napoléon hatte sich damit von vielen idealen der französischen revolution abgesetzt, und von ihm stammt auch der satz: „la révolution est finie.“ für die patrioten in der schweiz, die im gefolge von peter ochs den franzosen unterstützt hatten, war das eine ernüchterung. 1803 wurden sie, mit dem vorwurf versehen, keine neue republik führen zu können, nach paris zitiert, und empfingen zusammen mit ihren gegnern, die mediationsakte aus den händen napoléons. die helvetische republik blieb zwar bestehen bis 1813, doch war sie nicht mehr von revolutionärem gehalten. viele der nationalen institutionen, die 1798 geschaffen worden waren, wurden aufgelöst. die souveränität der gleichberechtigten kantone, die an die stellen der orte mit unterrschiedlichsten vorrechten traten, wurde gegenüber dem nationalstaat gestärkt. diesen regierte nun ein landammann, wenn man so will, ein „schweizer könig“, der aus den alten regierenden familien freiburgs und berns kam, die zur mitarbeit in der helvetischen republik bereit waren. der landammann war aber nur ein regent auf zeit, und zu institutionalisierung des rotierenden regierungschefs wurde die bundeskanzlei geschaffen, die heute noch dem bundesrat als stabstelle zur verfügung steht.

napléon: die umstrittenste figur in der neueren berner geschichte

napoleon bonaparte, – das ist ein grosser name, eine der ersten persönlichkeit des neuen europas, der heute noch leidenschaftliche reaktionen auslöst. für die einen ist er revolutionär, reformer mit weitreichenden visionen, ein genie auf den schlachtfeldern und ein können der sich verändernden staatskunst. für die andern ist er schlicht ein kleiner korse, ein wildgewordener general, ein diktator nach dem vorbild caesars, der die republik verriet und schliesslich das kaiserliche europa des mittelalters und der frühen neuzeit in eine tiefe krise stürzte.

auch in bern ist die person napoléons bis heute umstritten. die reaktion gleicht immer noch der, die der historiker richard feller beim empfang napoléon in berns gassen beschreibt. das interesse war gross, und in ihr schwang stille bewunderung für seine tatkraft mit. doch die angst vor den veränderungen, die er mit sich bringen würde, liess die aufmerksamkeit tief einfrieren und den konservatismus der hergebrachten überzeugungen obsiegen. die reaktionäre versuchten nach 1803 die alten verhältnisse wieder herzustellen, und 1815 gelang ihnen das mit österreichischer und russischer mithilfe in erheblichem masse. doch provozierten sie damit gleichzeitig auch eine gegenbewegung, zuerst in liberaler form mit england als vorbild, dann in radikaler form, als schweizerische eigenart, und schliesslich in sozialer form, wobei der internationalismus der linken arbeiterbewegung zum vorbild wurde.

das zeitalter der weltanschauungen entstand in dieser phase. es ist unverkennbar, dass es gerade auf dem gebiet der staatsentwicklung, die auf den menschenrechten basierten, auf dem gebiet der rechtsentwicklung, welche eine zivilgesellschaft entstehen liess, und auf dem gebiet der demokratie, welche der bürgerpartizipation den durchbruch brachte, unabänderliche prozesse auslöste. wenn man in bern dem abgeschleppten staatsschatz durch frankreich nachtrauert, ist das die eine seite. die andere ist, dass veränderungen in bern wie die handels- und gewerbefreiheit, die religionsfreiheit für katholiken, die meinungsfreiheit für bürger und künstler unweigerlich mit der helvetischen republik verbunden sind.

die fortschritte wurde durch die europapolitischen ereignisse nach 1813 gestoppt, und bis 1848 unterdrückt. doch liessen sie sich nicht mehr aufhalten. 1848 wurde auf ihrer basis die heutige schweizerische eidgenossenschaft gegründet.

stadtwanderer

richard feller: geschichte berns, 4 bde., bern und frankfurt 1974, 2. korrigierte auflage von 1960.
alle hier zitierten stellen stammen aus dem vierten band, dem kapitel „der anschlag auf die schweiz“.


Comments

1 Comment so far

  1. Auswanderer on November 24, 2006 13:38

    In der Zeit vom 22. bis 24. November 1797 reiste Napoléon Bonaparte durch die Schweiz. Diese spannende Geschichte wird im Stadtwandererblog von Claude Longchamps nacherzählt, versehen mit interessanten Erklärungen zu der politischen Situation in bernischen Landen aus heutiger Sicht. Nachschlagen auf Stadtwanderer!

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