berner sandstein

Dezember 10, 2006 | 1 Comment

ja, was ist das jetzt: sand oder stein? und welche farbe hat er nun: grün oder grau? und wie riecht er, wenn er trocken resp. nass ist? – all das wird in bern seit langem diskutiert, denn der stein hat die stadt geformt, und die stadt hat seinen namen geprägt: berner sandstein symbolisiert wie kaum etwas anderes das äusserliche des patrizischen bern und wird bis heute erhalten.


sandstein-impressionen vom hohen münster hinunter (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

das buch zum stein

im frühling habe ich eine total verregnete tour gemacht. es hätte eine hochzeits-stadtwanderung werden sollen. doch als die trauung vorbei war, begann es unaufhörlich zu regnen. die tour musste spontan gekürzt werden und soweit möglich unter den steinernen lauben durchgeführt werden; sie endete schliesslich vorzeitig im rosengarten. beim aufstieg fragten mich die zahlreichen österreichischen gäste: woher kommt der stein der stadt, der eine so morbide stimmung erzeugt?

was ich damals grosso modo beantworten konnte, kann man jetzt in handlicher form im detail nachschlagen. ganz einfach „sandstein“ heisst das buch, das hansueli trachsel jüngst herausgegeben hat. beim lesen haben einiges hinzugelernt: zum beispiel,

… dass der sandstein vor 25 millionen jahren als eine der letzten schuttablagerungen von alpengeröll entstanden ist und rund um bern eine erdgeschichtlich nur schwer erklärbare entwicklung genommen hat, die sich auf die körnigkeit und barbeitbarkeit des steins vorzüglich ausgewirkt hat;

… dass der sandstein im 13. jahrhundert aus dem stadtgebiet stammte, heute vorwiegend aus ostermundigen kommt, aber seit menschengedenken in der region abgebaut – sprich geschremmt – wird;

… dass man in bern in einem langen prozess gelernt hat, mit dem sandstsein zu bauen und die bisweilen weit vorhängenden dächer der berner häuser entstanden sind, um den speziellen stein vor allem vor nässe und alterung zu schützen;

… dass der aufstieg der „sandsteiner“ mit der bautätigkeit im 18. jahrhundert begann und an gebäuden wie dem kornhaus, der heiliggeistkirche und dem burgerspital nachvollzogen werden kann;

… dass aber ausgerechnet die turmspitze des berner münsters, erst im 19. Jahrhundert aufgesetzt, nicht aus berner sandstein ist, sondern aus obernkirchen bei hannover importiert worden ist, weil er seine haltbarkeit besser ist.

ein fotograf als kundiger herausgeber

hansueli trachsel, berner fotograf, der lange für die zeitung „der bund“ gearbeitet hatte, brachte den anregenden und schönen band zum thema „sandstein“ heraus. das ist wohl typisch: kein schriftsteller ist es, der ein wortreiches porträt des altstadtcharakters gewagt hätte, sondern ein fotograf, der ohne worte eben diese eigenart der stadt zum sprechen bringt.

trotzdem ist kein reines fotoalbum entstanden, sondern eines, das mit kurzen texten angereichert ist, die sich den verschiedenen fragen rund um den berner sandstein annehmen. hier reden geologen, architekten, denkmalpfleger, historikerInnen, journalistInnen, museumspädagoginnen, kunstaussteller, farbgestalterinnen und stadtkletter über ihr je eigenes verhältnis zum sandstein.

sie alle haben am eindrücklichen porträt der berner altstadt mitgewirkt. sie haben dabei an bekanntem angeknüpft: so wird die bedeutung des grossen stadtbrandes von 1405 für die steinverwendung im fassadenbau erinnert. so kommt auch johann wolfgang goethe zum zuge, der 1779 schrieb, die stadt bern sei „die schönste, die wir je gesehen haben“, denn ihre haut bestehe aus einem „graulichen weichen Sandstein“. doch die autorInnen sind nicht dabei stehen geblieben, denn berichtet wird auch über die archtitekur-, bau-, handwerks- und sozialgeschichte des sandsteinbaus und über die spezielle beziehung der berner und bernerinnen zu „ihrem“ sandstein.


gesicht einer stadt: nirgends wo sonst kommt der berner sandstein den menschen so nahe (foto: stadtwanderer, anclickbar)

peter probst, der münsterturmwart, schreibt treffend: „Trockener Sandstein reicht anders als feuchter oder gar nasser; warmer Sandstein wird als ein anderes Material empfunden als kalter oder gar gefrorener. Sandstein kann sehr abstossend, dann auch wieder wohltuend auf die Sinne wirken; Sandstein kann man als toten Stein betrachten, oder man kann zum ihm gar eine Liebe entwickeln. Ich habe im Laufe meines Turmlebens Sandstein wirklich gern bekommen, zeitweise habe ich ihn fast als Teil meiner selbst empfunden.“ und marcelle wenger-di gabriele, die farbgestalterin doppelt nach: „Für mich hat der Sandstein bisher nicht primär eine Farbe, sondern war in erster Linie etwas Bernisches, etwas Herrschaftliches, das sich in vertrauter Formensprache und Farbigkeit in historischen Städten und auf dem Land findet. Ein Baustoff, der sich der Menschenhand gutmütig beugt und in skurrilste Gestalten hauen lässt, die dann gelegentlich gelegentlich von Sakralbauten, aus schwindelerregender Höhe, das Fussvolk angrinsen.“

der niedergang des herrschaftlichen baumaterials

nicht unerwähnt bleibt in trachsels reichhaltigem sammelband, dass der sandstein ausser in bern, wo er verordnet eingesetzt wird, heute ausser gebrauch gekommen ist. der zement der freisinnigen epoche konkorrenziert ihn seit 1880; 1902 wird die steinbruchbahn in ostermundigen, die erste europäische zahnradbahn, mangels nachfrage fürsandstein geschlossen. und 1918 ist der niedergang der aristokratischen steines perfekt: der berner sandstein wird definitiv aus dem zürcher polytechnikum mangels wetterfestigkeit entfernt. sein landesweiter ruft ist ruiniert!

beuschleunigt wurde dieser prozess durch die eisenbahn, die den transport von stein über grosse strecken hinweg ermöglichte, die preise fallen und so auch handwerk und kunst des sandsteinhauens resp. –metzens zurückgehen liess. geblieben ist eigentlich nur der beruf des restaurateurs. wer sich heute beruflich mit sandstein beschäftigt, versucht zu retten, was zu retten ist!

typisch für die geringen zukunftsaussichten der traditionell bernischen bauart ist der schluss des buches, der dem neuen platz vor dem bundeshaus gewidmet ist: dieser besteht aus walser quarzit, der ikone der wellness-architektur, welche einen steinbruch vor ort zu neuem leben erweckt hat. er besteht eben nicht aus sandstein, der verblassten ikone der patrizier-architektur, deren steinbruch vor ort vor allem noch erinnerungsträger ist.


welche farbe hat er nun, der berner sandstein?, ist eine frage, die bern tag und nacht diskutiert wird; meist nennt man grün als antwort (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

„morbid“ oder „vielfältig“: die herausforderung für kommende wanderungen

dem stadtwanderer sind denkmäler ganz recht: ihm nützlich sind im neuen buch über sandstein vor allem die kurzen informationen im anhang, die dem sandstein-lehrpfad in krauchthal gewidmet sind, wo man während einer einstündigen wanderung durch verschiedene stillgelegte steinbrüche ein die sandsteingewinnung und –verarbeitung eingeführt wird.

bern wegen seines sandsteins „morbid“ zu nennen, wäre mir bisher nicht in den sinn gekommen. „uniform“ würde ich die stadtarchitektur indessen schon nennen. das rührt zunächst von den vereinheitlichten hausformen und fassadengestaltungen in der altstadt her. es ist aber auch eine folge des allgegenwärtigen berner sandsteins.

„Ueberraschende Vielfalt“, lautet der untertitel des buches von hansueli trachsel. diese vielfalt inskünftig mit geschärftem blick zu erkunden, ist die anregung, die vom band ausgeht. ich werde sie für meine kommenden wanderungen gerne aufnehmen!

stadtwanderer

hansueli trachsel: sandstein. überraschende vielfalt, stämpfli verlag, bern 2006, 49 chf.


Comments

1 Comment so far

  1. Hansueli Trachsel on Dezember 27, 2006 09:51

    Lieber Stadtwanderer Claude Longchamp,

    ganz herzlichen Dank für die Worte über mein neues Sandstein-Buch. Man ist
    froh über jede Erwähnung – im persönlichen Gespräch, in der Presse, in Radio
    und Fernsehen und im Internet. Ihr persönlicher Zugang hat mich sehr
    interessiert und gefreut.
    Alles Gute zum neuen Jahr

    Hansueli Trachsel, Fotograf

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