am anfang steht eine berühmte rangliste: sie stellt die wichtigsten troubadoure oder minnesänger vor. doch es ist keine hitparade von heute, – es ist eine übersicht über die könner des faches am ende des 12. jahrhunderts. und an 10. stelle steht rudolf aus dem seeland. ihm ist jetzt in neuenburg eine kleine ausstellung gewidmet, die auf die interessante persönlichkeit aufmerksam macht, ohne aber alle fragen zu ihm auszuleuchten. der versuch einer übersicht, erstellt auf dem heimweg aus eben diesem seeland.


quelle: l. bartolini: rodolophe. comte de neuchâtel et poète, neuchâtel 2006, anclickbar

aufstieg und fall des grafengeschlechtes von fenis


das grafenhaus fenis habe ich soeben ausführlich vorgestellt. ausgehend von cerlier/erlach, ihrem stammsitz seit dem erdbeben von 1117, dehnten sich die feniser grafen entlang der verkehrsachse nach nordosten und südwesten aus. sie wurden bald auch in den seitentälern des juras wichtig, und sie hatten durch heirat eine verbindung ins freiburgische arconciel geschaffen.

das neue zentrum der grafschaft wurde neuenburg, – als castellum novum vom letzten burgunderkönig rudolf III. gegründet, dann seiner frau, der königin irmengard, vererbt, war es im nachfolgekrieg um das burgunderreich fast ganz zerstört. bis mitte des 12. jahrhunderts fehlen nachweise, dass es im kastell noch menschliches leben gab.

neuenburg wird 1154 erstmals wieder schriftlich bezeugt, und zwar als herrschaftsort der grafen von neuenburg-fenis. für die zeit nach 1180 sind umfangreiche bauten mit residenz und kirche auf dem jetzigen schlosshügel bezeugt, während sich am fuss der burg handwerker und händler niederliessen. 1214 ist es soweit: die neuenburger bekommen ihre eigene rechtspersönlichkeit, in form eines stadtbriefes der grafen von neuenburg. doch damit kehrt nicht ruhe ein, sondern beginnt der lange streit zwischen den neuen bürgern und dem alten stadtherren erst recht.

ohne das wichtigste herrschaftliche zentrum am neuenburgersee verliert sich der zusammenhalt der grafenfamilie im transitgebiet zusehends. es entstehen innert kürzester zeit vier seitenlinien, die in neuenburg, nidau, aarberg und strassberg (abgegangener ort bei büren) ihre neuen schwergewichte bekommen. neuenburg bleibt das zentrum der romanen, während die anderen neuenburger über germanisches volk regiert.


stammbaum des grafenhauses von fenis (quelle: lionel bartolini: rodolophe. comte de neuchâtel et poète, neuchâtel 2006, anclickbar)

rudolf, der grosse sänger und kulturvermittler

die markanteste figur, die aus diesem gebiet stammt und bis heute gefeiert wird, ist der minnesänger rudolf. er musizierte und textete, was damals im schwang war. er tat das so hervorragend, dass man sich in fachkreisen bis heute seiner erinnert.

gelobt wird, dass er die provanzialische bewegung des unteren rhonetals aufnahm, und sie in das frankoprovenzialische hochburgund und darüber hinaus vermittelte. populär geworden ist damit in den oberen gesellschaftlichen schichte die romantische liebe, denn in der minnelyrik entbrennt der sänger in liebe zu einer meist höher gestellten frau. er besingt ihre schönheit, wohlwissend dass sie ihm immer versagt werden bleibt.

tugenden wie ritterlichkeit, mässigung und ehre wurden so eingeübt, denn sie reflektierten das im 12. jahrhundert gewandelte verhältnis zur ehe, das trotz christianisierung lange den alten regeln der vorchristlichen gesellschaft gefolgt wird.

gerade im raum der schweiz ist der minnegesang früh und stark aufgeblüht. der manesse-codex aus zürich verzeichnet rund 140 könner des faches, die im kaiserreich lebten. davon haben 30 einen gesellschaftlichen hintergrund im mittelland. an erster stelle unter allen „schweizer“ minnesänger steht rudolf, – in der zürcher hitparade an zehnter stelle rangiert und nur vom kaiser, von königen, herzögen und markgrafen übertroffen.


rudolf von neuenburg gemäss manesse-codex und rudolf von fenis gemäss weingarten-verzeichnis

inspirierter oder inspirierender – das ist die frage!

wer nun aber war dieser rudolf? das wissen über ihn ist bruchstückhaft: in der weingart-sammlung wird als rudolf von fenis zitiert, im manesse-codex erscheint er als rudolf von neuenburg. beiden beide anthologien sind erst im 14. jahrhundert entstanden, beziehen sich auf eine zeit, in der man noch kaum geschrieben und selbst der stammbaum von adelsgeschlechtern nur bedingt dokumentiert ist.

folgt man dem manesse codex, ist der minnesänger wohl mit dem rodolphe identisch, der in der zweiten hälfte des 12. jahrhundertes in neuenburg residierte, sohn des stadterneuerers war und am ende seines lebens auch graf von neuenburg gewesen sein dürfte. viel genaueres weiss man über sein leben aber nicht.

nimmt man hingegen das weingart verzeichnis zur hand, könnte der berühmte minnesänger auch rodolphes neffe, rudolf von nidau-neuenburg in frage, der anfangs des 13. jahrhunderts den nidauer zweig der grafenfamilie begründete. doch auch über ihn weiss man ausser dem namen fast nicht, jedenfalls nichts, das für eine grosse tat sprechen würde.

aus sicht der familiensaga mag diese frage der historikerInnen egal sein, denn der troubadour/minnesänger rodolphe/rudolf ist unzweifelhaft einer, der zu ihr gehört. aus sicht des frühen kulturtransfers ist die frage indess etwas heikler:

. hat da ein deutschsprachiger adeliger eine kulturelle tradition, die in seiner zweisprachigen familie von der anderen seite einfloss, aufgenommen und in seiner sprache und für seinen sprachraum zur neuen blüte gebracht? das wäre dann der nidauer rudolf, – ein germanisch inspirierter!

. oder hat da ein frankoprovenzialischer adeliger eine eigene kulturelle entwicklung, dank seiner fähigkeit, sich auch in einer anderen sprache gekonnt auszudrücken, für einen anderen kulturraum erschlossen? das wäre dann der neuchâteler rodolphe, – ein romanischer inspirierender!


modell von neuenburg zur zeit der grafen von fenis-neuenburg (foto: stadtwanderer, anclickbar)

aktuelle ausstellung in neuchâtel mit einseitiger antwort

aufmerksam geworden auf den fall des kulturvermittlers rodolphe/rudolf bin ich durch eine ausstellung in neuchâtel, die momentan im kunsthistorischen museum der stadt zu sehen ist.

eindrücklich werden da die entwicklung der stadt neuenburg dokumentiert, und die rolle der grafen von fenis hierfür dargestellt. schön gezeigt wird auch, wie der troubadour/minnesänger aus dem seeland eine kulturelle tat ersten ranges vollbracht hat, und wie das bis heute nachklingt. man entscheidet sich allerdings einseitig für die manesse-version, ohne die problematik der personellen und räumlichen zuordnung explizit aufmerksam zu machen.

kein grosses verdienst der ausstellung ist es, wenn der ausstellungskatalog fast schon propagandistisch festhält: „Connaiseur intime des formes et motifs de la poésie des troubadours et des trouvères, le comte Rodolphe, sans doute bilingue, est le premier passeur entre les espaces culturels roman et germanique.“

ein grosses verdienst der exposition ist es dagegen, an die bedeutung der feniser grafen zu erinnern. sie zählte ohne zweifel noch zum adel, der über den sprachvölkern der bauern lebte und vermittelnd wirkte. wer das damals so hervorragend vollbrachte und man das um 1200 noch machen konnte, wird wohl für immer ein geheimnis bleiben, das die familie mit ihn ihren untergang am aufkeimenden röschtigraben des spätmittelalters nahm.

grenzwanderer zwischen neuchâtel und nidau


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