schall und rauch

Dezember 16, 2006 | Leave a Comment

teil 1 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 2 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter

heribert illigs hebel, mit dem er die nachrömische geschichte europas aus den angeln heben will, ist die berechnung des osterdatums. er unterstellt, dass mit der kalenderreform von papst gregor XIII die astronomischen verhältnisse wieder hergestellt worden seien, wie sie bei der einführung des julianischen kalenders 46. vor christus geherrscht hätten. nicht nur sei der 21. märz wieder der 21. märz geworden: der frühlingsanfang 1582 habe gleichzeitig auch die gleiche konstellation gekannt, wie damals, als der vorläuferkalender eingeführt worden sei.


das konzil von nicäa legt erstmals richtlininien für die christliche kirche fest. die stellare konstellation von damals wieder herzustellen, war die absicht der gregorianischen kalenderreform von 1582

was wieder hergegestellt werden sollte

die katholische kirche hat eigentlich gar nicht auf heribert illigs unterstellung der manipulation reagiert. denn sie teilt seine grundlegende annahmen gar nicht.

richtig ist für die katholische kirche, dass sie im jahre 1582 durch papst gregor XIII den gregorianischen kalender eingeführt habe und dieser für die datierung der katholischen kirche verbindlich geworden sei. richtig ist ferner, dass man damit die berechnung des ostertermines neu festgelegt habe. richtig ist schliesslich auch, dass der frühlich seither am 21. märz des kalender jahres beginne.

ob man damit auch eine astronomische gleichschaltung mit jener bei der einführung des julianischen kalenders gesucht habe, ist für die katholische kirche eine ziemlich verwegene annahme illigs selber. sie macht gerade für die katholische kirche auch wenig sinn. zwar sei julius caesar bei seiner liaison mit kleopatra auf den aegyptischen kalender aufmerksam gemacht worden. er habe den damals geltenden mondkalender der römer durch den sonnenkalender der aegypter ersetzt, was ein fortschritt im kalenderwesen gewesen sei. denn habe man mit dem gregorianischen kalender auch übernommen. ob die katholische kirche aber auch mit diesr kalenderreform eine harmonie der sterne und des frühlings nach heidnischem vorbild gesucht habe, stehe auf einem ganz anderen blatt geschrieben.

vielmehr beziehen sich heute die christlichen kirchen auf das verhältnis von frühlingsanfang und stellarer konstellation im 4. jahrhundert. damals traten die zahlreichen christlichen sekten, die sich im gefolge jesus und als abspaltung vom judentum gebildet hatten, aus der opposition heraus. zwar wurden sie unter kaiser diokletian und seinen unmittelbaren nachfahren verfolgt, doch stützte sich konstantin, ein gegner der tetrarchie von diokletian, auf eben diese christliche bewegung. nach seinem militärischen sieg an der milvischen brücke über den letzten anhänger der tetrarchie, erklärte konstantin 313 im edikt von mailand das christentum als zugelassene religion im römischen reich.

da die verschiedenen strömungen in der christlichen glaubengemeinschaft damals noch keine vereinheitlichte religion bildeten, versammelte konstantin, nunmehr kaiser, die vertreter der kirchen 325 zum ersten konzil in nicäa. bei dieser gelegenheit sind die wichtigsten leitlinien der christlichen kirche gegelegt worden, die über das benachbarte konstantinopel, der neuen kaiserstadt im osten, 380 zur allein gültigen staatsreligion führte.

die andere rechnung

325 lebten die christen im römischen reich nach dem römischen, juliansichen kalender, der auf dem sonnenjahr basierte. sie standen aber vor dem problem, ostern, das höchste fest im kirchenjahr, nach dem jüdischen kalender, der sich nach dem mond richtete, bestimmen zu müssen. daraus ergaben sich drei die regeln:

1. ostern fällt immer auf einen sonntag.
2. ostern ist nach dem jüdische pessah-fest (14. nissan oder vollmond).
3. ostern ist immer nach dem frühlingsanfang (vom 21. märz).

oder vereinfacht: ostern ist der Sonntag nach dem ersten vollmond nach frühlingsanfang.

durch den fehler in der schaltjahrberechnung des julianischen kalenders wanderte der frühlingsanfang von 325 bis 1582 alle 128 jahre um einen tag in richtung sommer, und auch weihnachten verschob sich gleichzeitig richtung frühling. das bemerkte man schon im 14. jahrhundert; damalige diskussionen über kalenderreformen setzten sich aber nicht durch.


cleopatra und caesar, darstellung der leidenschaft von l.l.gerome

nicht caesar oder konstantin, sondern kleopatra und alexandria weisen den weg

nimmt man nun nicht den sternenhimmel während julius caesars liaison mit kleopatra als masstab aller dinge für frühlingserwachen und osterberechnungrn, sondern die zeit des konzils von nicäa, verbleiben bis zur kalenderreform von papst gregor XII nicht 1627 jahre, wie illig annimmt, sondern 1257 jahre. die korrektur von 10 tagen ist bei einem fehler effektiven fehler von 9.8 tage plausibel.

nicht die von illig gestrichenen dreihundert jahre sind nachträglich in die chronologie der europäischen geschichte eingeführt worden. vielmehr ist der referenzpunkt, auf den man sich in der christlichen kirche bezieht, rund gut 300 jahre jünger, als es illig unterstellt. schall und rauch, was man da gegen die kalenderreform von 1582 vorbringt.

unbewiesene behauptung, argumentiert illig unverändert dagegen. denn vom konzil in nicäa sind keine dokumente erhalten, die eine solche kalenderreform belegen würden. immerhin hat aber kaiser konstantin die neuen regeln für die christliche osterberechnung in briefform festgehalten.

unbewiesene unterstellung sagt deshalb die katholische kirche an die adresse illig, denn er kann seinerseits nicht beweisen, dass der frühlingsanfang bei caesar und kleopatra effektiv auf den 21. märz und nicht auf den 24. des monats fiel.

der stadtwanderer fügt bei: kleopatra regierte von alexandria aus und herrschte die damalige welt des östlichen mittelmeeres samt regenten potentaten. und auch konstantin bezog sich in seiner osterregel auf alexandria, denn diese stadt bildete den referenz bei seiner bestimmung des ostertages.

frühlingserwachen in alexandria also ist das unbestrittene mass aller dinge, die zu ostern führen, denkt sich der

stadtwanderer


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