teil 1 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 2 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter
teil 3 der serie: das fröhlich erfundene mittelalter

heribert illig hat ein spannendes buch geschrieben. er hat das als aussenseiter in einem wissenschaftsbetrieb gemacht, der sich gewohnt war, nur nach internen regeln zu funktionieren. nur schon deshalb ist er angeeckt. aber auch seine botschaft ist starker tobak: bei der greogorianischen kalenderreform sein bewusst getürkt worden, um einen fälschung der europäischen geschichte im 11. jahrhundert zu decken. mit dieser habe man 297 jahre zwischen 614 und sog. 911 frei erfunden. die karolinger habe es in der überlieferten form nicht gegeben, und damit sei auch der frankenkaiser karl nicht der grosse, sondern der fiktive.


sokrates erschütterte mit seiner philosophie die grundlagen des griechischen denkens und wurde dafür mit dem tod durch den giftbecher bestraft – heute folgt die debatte über wissenschaftliche thesen ganz anderen regeln

die debatte findet längst statt

wie steht es nun um diese behauptungen? – illigs aufruf, die geschichte der karolinger zu revidieren, wurde zunächst ignoriert; er selber wurde der lächerlichkeit preis gegeben. aber er ist hartnäckig geblieben. aus seinem aufruf wurde eine these, und aus der aussenseiterdiskussion wurde eine massenmedial breit in feulletons, talkshow und diskussionsgruppen geführte dabatte. 1997 hat sich die paderborner fachzeitschrift „ethik und sozialwissenschaften“ nach den üblichen diskursregeln mit der kontroverse beschäftigt.

heute noch zu sagen, illigs auffassung würde nicht zur kenntnis genommen, ist schlicht falsch. dies weiterhin als anlass zu nehmen, um sich als ungerecht behandelter sonderrechte in der beweispflicht herauszunehmen, eigene regeln der argumentationsbewertung und der dialogkultur zu postulieren, ist eine schutzbehauptung, die das rechtfertigt, was der erfolgsautor früher seinen widersachern vorgeworfen hat. alles andere ist richtig: es gibt eine verzweigte debatte über das erfundene mittelalter!

meine bewertung nach tagen und nächten der lektüre

die mit verve vorgetragene these illigs hat auch mich herausgefordert. ich habe sein zentrales buch, „das erfundene mittelalter“, unvoreingenommen und aufmerksam gelesen. ich habe auch auf dem web die standpunkte
pro und kontra illigs these verarbeitet. ich habe in den letzten wochen mehr bücher über die karolinger angeschafft und gelesen, als in meiner ganzen zeit als historiker bisher!

von illigs these bin ich angeregt, aber nicht überzeugt worden. sein beweis, die kalenderreform von papst gregor XII sie willientilich manipuliert, ist nicht erbracht. letztlich hängt es davon ab, welchen zustand man damit wieder herstellen wollte. hier fehlt der belegt, dass das konzil von nicäa den 21. märz als frühlingsanfang fixierte, doch kann auch illig nicht belegen, dass caesar das 370 jahre früher so klar festgelegt hatte. damit aber wackelt der mathematisch beweis der getürkten kalenderreform erheblich. und ohne diesen beweis wirkt die behauptung, es seien nachträglich 297 jahre in der europäischen geschichte in einer gigantischen fälschungsaktion eingeführt worden, wenig stichhaltig.

entsprechend treffen die einwände der astronomen illigs gedankengebäude am härtesten. seit mehr als 2500 jahren kann die astronomie sonnen- und mondfinsternisse zeitlich und örtlich genau vorhersagen; daraus ist die naturphilosophie – die liebe zu wahrheit in unserer natürlichen umwelt – entstanden, die vor grossen katastrophen bewahrt geblieben ist. da erstaunt es schon, wenn seither 300 jahre mehr oder weniger überhaupt niemand aufgefallen wären.

am härtesten hat illig mit seiner urkundenkritik die mediävisten getroffen. das ist denn auch der hauptgrund, weshalb gerade sie sich nach anfänglichem zögern sich auf seine these einlassen mussten. denn illig hat zurecht die zeit des 7. bis 9. jahrhunderts wegen schwachen belegen auf pergament kritisiert. der belesene illig weiss darum, dass man hier wenig verzeichnet und viel umgeschrieben hat, fälschungen selber produziert und vorhandene verwendet hat. und er weiss, dass gerade die schriftlich beschränkt belegte zeit der karolinger nachträglich aus politischen gründen ins legendenhaft überzeichnet worden ist. so schwach die archivalische basis ist, so hoch ist die monumentale überhöhung, und umso nötig ist die kritische auseinandersetzung damit.

logik der forschung und logig der verschwörung

wer nach einer solche erwägung bei der forderung bleibt, die ganze geschichte sei gefälscht und müsse revidiert werden, überzieht den bogen aus publizistischen gründen erheblich. so anregend die geschichts illigs intelektuell ist, so problematisch bleibt sie, wenn sie aus dem feld der kritik heraustritt. wäre das karolingerreich eine insel gewesen, könnte man sich der historografischen staatsstreich noch ausmalen. dem war aber nicht so, denn man stand damals gerade mit der aufblühenden arabischen welt in verbindung. ist nun auch mohammed, der in der fraglichen zeit lebte, fiktiv? schlimmer noch, auch china hätte ins fälschernetz mit einbezogen sein mussen, denn es stand bis ins 2. und aber dem 10. nachchristliche jahrhundert mit der römischen resp. europäischen welt in enger verbindung. 300 erfundene jahre können deshalb nicht nur an einem ende der welt fehlen!

illigs antithese ist meines erachtens heute so populär, weil sie nicht der logik der forschung, sondern der der verschwörungstheorien folgt. diese sind sich immer ähnlich: es sind die mächtigsten, die nach anderen als vorgegebenen motiven handeln; die welt ist zu dumm, um das zu merken; doch eine kleine gruppe von aussenseiter hat die grosse manipulation durchschaut.

kalenderreformen sind ein beliebter ansatzpunkt für solche vorwürfe; der normale mensch versteht sie nicht; nur mathematiker und computisten können sie nachvollziehen. besser noch ist es, wenn die avisierte kalenderreform von einem papst eingeführt worden ist, der an der spitze der gegenreformation stand. halb europa war damals skeptisch; durchgesetzt hat sich die gregorianische kalenderreform weltweit es nach mehr als 300 jahren!

bücher, wie jene von illig sind heute im schwang, weil das lebensgefühl danach ist, wir würden der ganz grossen manipulation aus wirtschaftlichen interessen, die kommunikaiton und kultur instrumentalisierten, ausgesetzt. andere beispiele wie das buch „sakrileg“ stehen gleichsam für den aktuellen zeitgeist. und illigs werk hat auch zurückliegende vorbilder: in der deutschen und russischen gesellschaft ist immer wieder mit zeitsprüngen argumentiert worden, um einen teil der herrschenden kultur, die sich ohne diese nur schwer legitimieren liesse, auszuhebeln.

mein wunsch an die mediävisten

illigs antithese zu herrschenden lehre würde ich wünschen, dass sie eine ebenso spannend geschriebene weiterführung von einem insider erhalten würde. ich sähe es gerne, wenn ein auszeichneter fachvertreter der karolingischen geschichte, eine ebenso anregendes und einprägsames buch verfassen würde, das weder der fiktion noch der legende willen verfasst würde, sondern der wahrheit verpflichtet wäre. das habe ich bis jetzt nämlich noch nicht gefunden.

stadtwanderer


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