es ist das speziellste buch, das ich in diesem jahr gekauft und verschenkt habe: die spiezer chronik von diebold schilling. nein, das original vermochte ich nicht zu erwerben, aber eine der nummerierten faksimile ausgaben. über 808 seiten umfasst die schönste der berner chroniken; mehr als 333 kolorierte handzeichnungen von künstlerischer qualität sind in ihr.


das wunderbare buch von innen und von aussen; links: der chronist hält seine arbeit selber fest (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

die beiden schillinge


diebold schillinge gibt es zwei, den jüngeren, in luzern beheimatet, habsburgisch gesinnt, wild wie die reisläufer seiner zeit, aber auch ein angesehener chronist; den meine ich nicht.


diebold schilling der ältere (spiezer chronik, 1484) und der jüngere (luzerner chronik, 1513) im stilvergleich

ich meine den diebold schilling, den man den älteren nennt und der der onkel des jüngeren ist, aus einem solothurner haus stammt, berner kanzlist und grossrat war, franzosenfreundlich eingestellt politisierte, aber ebenso wie sein neffe kriegserfahren war.

der ältere schilling also hat dieses sagenhafte werk kurz vor seinem frühen tod im alleingang geschaffen!

die spiezer chronik

in den burgunderkriegen diente diebold schilling seiner vaterstadt, und noch zu amtszeiten von adrian von bubenberg erhielt er den auftrag, die berner chronik von den anfängen bis in die gegenwart aufzudatieren. seine monumentale burgunderchronik schloss er 1483 ab. danach erhielt den auftrag, eine kurzfassung zu schreiben, die er noch vor seinem tod als 40jähriger im jahren 1485 beendete.

der auftraggeber der spiezer chronik war rudolf von erlach, weiland ein ministeriale im dienste der burgunder grafen von chalon, der im burgunderkrieg die seite wechselte, und seine ehemalige vaterstadt, cerlier, als erlach den bernern überreichte. nach dem burgunderkrieg machte er in seiner neuen heimat bern rasch karriere und stieg bis in den kleinen rat des mächtig gewordenen stadtstaates auf, dessen geschichte er neu verfassen liess.


höhe- und tiefpunkte im berner stadtleben: besuch von kaiser karl IV., stadtbrand und wiederaufbau mit freiburger hilfe (fotos: stadtwanderer)

das werk, das diebold schilling noch vor dem buchdruck handschriftlich und handgemalt erstellte, ist nicht nur die prächtigste unter den bern chroniken. sie ist gerade wegen den lust- und schwungvollen illustrationen ein bleibender ausdruck der europäischen buchkunst eine generation vor dem buchdruck und der reformation.

ewig kann man in der spiezer chronik blättern: stationen der berner geschichte, handlungen, parteiungen, taten und emotionen sie danach nie mehr so handgreiflich, plastisch und anschaulich dargestellt worden! dabei darf man nicht vergessen: wer für die visualisierung der chronik steht, weiss man bis heute nicht so ganz genau. jedenfalls, füge ich als grosser fan dieser zeichnungen bei: es war ein künstlicher ersten ranges!

vom privatbesitz zum forschungsgegenstand und wieder in privatbesitz

das original war lange im besitz der familie von erlach, den neuen herren in spiez, die es wie ein staatsschatz hütete. es kam erst ende des 19. jahrhunderts in öffentlichen besitz. der forschung zugänglich gemacht worden ist es 1991 mit ein kommentarband, der nach wissenschaftlichen gesichtspunkten editiert ist.


derbes leben im spätmittelalter: verschiedene strafpraktiken in ihrer zeit (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

und genau davon habe ich profitiert. eine der faksimilierten ausgaben diese wunderbaren buches habe ich, nach langem warten, im letzten winter gekauft. und ich habe es verschenkt, um freude zu bereiten: zum beispiel mir, weil ich einmal ein so altes, seltenes und kostbares buch in meinen händen gehabt haben, und sodann der neuen besitzerin, die es jetzt in ihren kostbaren händen hält. die sind original!

stadtwanderer


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