galantes bern

Dezember 29, 2006 | Leave a Comment

eine schöne bescherung, die ich zu weihnachten bekommen habe! ganz wenige geschenke waren es, dafür aber spezielle. das speziellste war ein vergriffenes büchlein von sergius golowin, versehen mit zeichnungen von oskar weiss, zum vielsagenden titel „galantes bern“.

ein beispiel der erzählkunst von sergius golowin

1981 ist der band erschienen, als der jüngst verstorbene sergius golowin, mütterlicherseits ein abkömmling der berner patrizier, väterlicherseits ein sohn aus künstlerischem hause in prag, seine stelle als burgdorfer bibliothekar aufgegeben hatte, um als freier schriftsteller regelmässig über berns vergangenheit zu berichten. nicht die grossen begebenheiten der hisgtorie faszinierten den frühen vertreter der alternativbewegung. vielmehr war er vom leben und lieben in der geschichtsträchtigen stadt und auf ihrem lande angezogen. „galantes bern“ nannte golowin das schmale bändchen, das bei ritter adrian von bubenberg einsetzt und in einem grossen bogen eigenwillige figuren aus dem alten bern schildert und hautnah erzählt, was ihre heimlichen abendteuer waren.

in diesem geschichtenband am besten gefallen hat mir die von sergius golowin erzählte sage über die nymphen im alpenland. das früher so verbreitete wie auch beliebte baden – eine spass voll von frivolen begebenheiten – wird in dieser geschichte als späte folge der nymphen auf den inseln des alten griechenlands gedeutet.

dabei kommt die zivilisatorische leistung der griechen zum ausdruck, die um 600 vor unserer zeit das heutige marseille gründeten, und von da aus den handel auf der rhone und ihren zuflüssen aufnahmen. lyon war ihr tor zu gallien, und genf bildete den zugang zum hinterland der rhone. denn meist zählte man die gebiete links der aare zur rhoneseite, während das rechte ufer das rheingebiet markierte.


das geografisch rhonetal samt seinen zuflüssen markiert das traditionelle burgundische gebiet nach der völkerwanderung und während der fränkischen zeit; kulturell zählte das gebiet links der aare traditionellerweise hierzu.

viele kulturelle entwicklungen haben sich seither das rhonetal hinauf ausgebreitet und so ihren weg bis ins mittelländische plateau gefunden. die burgundia gundobads in der völkerwanderungszeit steht genauso hierfür wie das königreich von rudolf II. und berta im 10. jahrhundert. und auch kaiser friedrich I., barbarossa genannt, der mit der heirat von beatrix von burgund das alte arelat im rhone- und saonetal wieder aufleben liess, war ein vermittler von höfischer kultur, die im minnegesang und in der romantischen liebe ihren ausdruck fand. nicht zuletzt kann man die popularität der melusine und selbst den twngherren- oder modefrauenstreit im spätmittelalterlichen bern als ausdruck dieser kulturbegegnungen deuten, die ein permanenter kampf zwischen kampf und macht einerseits, leben und liebe anderseits sind.

sergius golowin präsentierte uns aber keine historische abhandlung. vielmehr erzählt er schwungvoll eine sage, die sich an den bernischen dichter johann baggesen und dessen buch „parthenais oder die alpenreise“, 1819 in leipzig erschienen, anlehnt, und hiesige, provenzialische und griechische begebenheiten mischt, um die kulturzusammenhänge zwischen der ägais, dem ligurischen meer und bädern wie kämeribodenbad aufzuzeigen!

und weil sie so schön ist, – auch um vorgelesen zu werden, im bad oder bett, drucke ich sie in extenso hier ab!


beispielhafte illustration von oskar weiss aus dem buch „galanters bern“ (anclickbar)

Nymphen im Alpenland

Zu den Wundern des alten Griechenland sollen schöne Frauen gehört haben, die auf besonderen Inseln im warmem Meer hausten und die man allgemein unter dem Namen Nymphen kannte. Schön gewachsen und mit vollen Haaren, die schier bis zum Boden reichten, tanzten sie am Tag in sonningen Hainen und plätscherten in den Meereswelten herum – ja, sie besassen angeblich die Kunst, auf Delphin-Fischen herumreiten zu können!

In der Nacht, wenn der Mond und die Sterne die Heidenwelt sanft erleuchteten, enpfingen die Nymphen aber, da sie nun einmal kaum etwas so schätzten wie den Austausch von Zärtlichkeiten ohne Ende, ihre Freunde, – all die griechischen Ritter: Die alten Dichter sollen auch nicht müde geworden sein, die leidenschaftlichen Liebschaften dieser Nymphen mit all den Helden wie Achilles, Odysseus und ihren zahllosen Nachfolgern zu besingen.

Nach vielen Jahrhunderten dieses sorglosen Lebens senkten sich düstere Schatten auf das Greichenreich. Mächtige Städte hatten sich gebildet, deren Herrscher mit allen verwerflichen Mitteln um die Alleinherrschaft rangen. Viele dieser Ränkeschmiede gingen bald so weit, sich, um ihre Feinde zu verderben, mit Barbaren in West und Ost zu verbünden, und schon bald zerstörten deren grausame und stumpfsinnige Horden die schmucken Tempel und Landsitze. Für Frauenliebe, zu der man nun einmal eine schöne Umgebung als schmucken Hintergrund brauchte, hatten immer weniger Leute Lust und Neigung – vor allem nicht für die zwar anziehenden, aber so unersättlichen und damit zeitraubenden Nymphen. Die wenigen der edlen Ritter und Hirten, die den Bräuchen ihrer Götter und den einstigen Freiheiten treu bleiben wollten, bestiegen darum ihre Schiffe und suchten sich Ufer, an denen sie von Verfolgungen und Unterdrückungen unabhängig bleiben konnte: Freiheit und Lust beschäftigte sie nun einmal mehr als all die blutigen Spiele über de Möglichkeiten, eine vergängliche Macht zu gewinnen.

Man sagt, dass einige von ihnen nach Marseille und in die anliegenden Gegenden kamen, die man in unserer Zeit Südfrankreich zu nennen pflegt. Die schönen Nymphen, zumindest diejenigen, die nicht von den rohen Barbaren vergewaltigt oder als lüsterne, für das Seelenheil der Männer gefährliche Hexen verbrannt zu werden wünschten, hätten sie dabei gleich mitgenommen.

Die Auswanderung habe auch allen Erfolg gehabt! Während in Griechenland die alte Pracht in Trümer sank und düster gekleidete, traurige Menschen sich nur noch vage an das einstige Leben in ihrer Heimat zu erinnern wagten, wurde das neue besiedelte Land zu einem Eden der Lebenslust. Noch heute erinnert man sich in diesen Ländereien, wie man hier durch vielen Menschenalter in jedem Schloss die Liebe besang, und es gibt dort weder Berg noch Wald, der nach der Sage nicht der Schauplatz wundererbarer Leidenschaften gewesen sein soll.

Doch wie Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod sich ewig abwechseln, wurde auch das neue, zu einem wunderbaren Garten emporblühende Reich des provenzialischen Glücks zu einem Ziel von Neid und Eifersucht jeder Art. Gierige Räuber schlossen sich zusammen und beschlossen, das ganze Gebiet ebenfalls zu unterdrücken und zu plündern: Auf alle Fälle fanden sie es für notwendig, das irdische Paradies nach Möglichkeit völlig zu zerstören – glaubten sie doch, dass von ihnen sonst Gedanken ausgehen könnten, die in ihren Barbarenländern ihre eigenen unglücklichen Untertanen unruhig und freiheitsdurstig machen könnten …

Die Nachkommen der ebenso daseinsfreudigen wie weisen alten Griechen kannten genug der Künste und Wissenschaften, die es ihnen ermöglichten, ihre abergläubischen und bei all ihrer Bosheit beschränkten Feinde abzuwehren. Doch mit der Zeit wurden sie es müde, statt an Fest und Liebe zu denken, stets nur über die Abwehr tückischer Ueberfälle nachsinnen zu müssen. Also verliessen sie den freundlichen Süden und zogen sich immer mehr in die Tiefen des abendländischen Erdteils zurück, zuletzt der Rhone entlang bis in die fast unzugänglichen savoyischen und burgundischen Alpentäler: Auf diesen weisen Stamm vom Mittelmeer führten eben noch lange die Ritter und Hirten unserer Talschaften ihre stolzen Stammbäume und die malerischen Sinnbilder ihrer Wappen zurück.

Ihre Nymphen kamen mit ihnen, auch wenn das Wetter der nördlichen Berge ihrem Treiben viel ungünstiger gesinnt war als die Sonne der morgenländischen Inseln und der mittäglichen Provence. In den Wäldern und um die Quellen der abgelegeneren Gegenden, namentlich auch um die berühmten Bedli des Emmentals herums, betrieben ihre Enkelinnen ihre Künste und wurden auch vom Volke treu gegen alle Rohheiten der Welt behütet: Noch bis in den Anfang des 19. Jahrhundert hinein versicherten darum viele Berner, zumindest in der warmen Jahreszeit gehe es in ihren Landschaften nicht weniger munter zu wie im paradiesischen alten Greichenland.“

tja, da können wir nur noch auf die rückkehr der warmen zeiten plangen ..

stadtwanderer

Sergius Golowin, Oskar Weiss: Galantes Bern. Von Junkern, Hirten und Badennymphen, Bern 1981 (leider nur noch antiquarisch zu erwerben)


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