1122 wurde der epochale streit zwischen dem papst und dem kaiser zur einsetzung der bischöfe förmlich beigelegt. doch damit begannen die umsetzungsprobleme erst, die 1156 ihren dramatischen höhepunkt im zisterzienserkloster hauterive kannten. der stadtwanderer hat an ort und stelle ein wenig luft geschnappt, – und sich erinnert!


das transjoranische hochburgund war das einfallstor der herzöge von burgund auf ihrem drang nach süden. hier das tor beim eintritt ins heutige kloster hauterive (foto: stadtwanderer, anclickbar)

das rektorat der zähringer über burgund

kaiser heinrich v., der dem konkordat von worms 1122 zugestimmt hatte, um den frieden mit dem papst in sachen investitur der bischöfe zu ermöglichen, war danach kein langes leben mehr beschieden. 1125 starb er; ohne einen männlichen nachfahren hinterlassen zu haben. sein nachfolger als kaiser wurde lothar, ein sachse aus supplingenburg, der eine papsttreue politik verfolgte, und im südwesten seines reiches die zähringer herzöge gegen seinen grössten widersachen, conrad von hohenstaufen, herzog von schwaben stützte. der anführer des hauses zähringen, ebenfalls conrad mit namen, wurde 1127 nicht nur herzog von zähringen, sondern auch rektor des burgunds und der provence.

das ganze war jedoch nicht mehr als ein titel. einen realen rückhalt unter den burgundischen feudalherren hatten man damit noch nicht. vor allem der graf von genf war gar nicht erpicht, einen neuen herrscher über sich zu haben. er berief sich dabei auf kaiser heinrich IV., der den genfer garantiert hatte, niemanden ausser dem kaiser selber über sich dulden zu müssen. und der genfer graf war einer der profiteure des wormser konkordat. die weltlichen teile der bischöflichen diözesen, die dem kaiser gehörten, wurden als vogteien organisiert. vogt nicht nur über die genfer regalien des dortigen bischofs, sondern auch über jenes des bischofs von lausanne war der genfer graf aymon geworden.

in lausanne war das verhältnis zwischen bischof und seinem vogt gespannt, sodass der bischof schnell zum äussersten entschlossen war: er bannte den grafen aus der katholischen kirche, und verdrängte ihre aus seinem umfeld. aymons nachfolger, graf amédée I., verhielt sich aber noch dreister: er schleifte die bischöfliche burg in lucens. dafür baut er demonstrativ vor den toren der stadt eine neue burg, mit der er signalisierte, dass er statt dem bischof von lausanne aus über das broyetal herrschen wollte.

in den schwelenden konflikt griff erstmals der rektor des burgunds, herzog conrad von zähringen, ein. er stellte sich ganz auf die seite des bischofs, womit er sich die dauernde feindschaft des genfer grafen einhandelte. 1131 kam es in payerne zum kräftemessen zwischen beiden, bei dem der zähringer militärisch siegte. was danach geschah, ist wenig bekannt. eine hohe zeit für den lausanner bischof war es aber sicher nicht. seiner weltlichen macht beraubt, war er nicht mehr der gleiche feudalherr; und der streitenden adel rund herum vereinfachte die lage auch nicht.


klostergründungen des zisterzienserordens brachten nach dem investiturstreit neuen bewegung in die hochmittelalterliche gesellschaft; hier das neuaufgebaute kloster von hauterive im überblick (foto: stadtwanderer, anclickbar)

der aufschwung der katholischen kirche mit der zisterzienserbewegung

potenziert wurde der streit durch die schenkung des seignieurs von glâne, welche dieser vor seinem tod dem aufstrebenden zisterzienserorden von bernard de clairvaux machte: in hauterive an der sarine wurde zwischen die beiden kampfparteien ein brückenkopf der kirche gebaut, den der bischof von lausanne und der papst in rom 1138 anerkannten.

mit den zisterziensern kam auch neuer schwung nach lausanne. amedee de clermont, ein gebildeter mönch und schüler von bernard de clairvaux, wurde neuer bischof von lausanne. er konnte sich nicht nur auf das aufstrebende hauterive stützen. er arrangierte sich auch mit dem hause savoyen gegen die genfer grafen. schliesslich fand er auch rasch die anerkennung des neuen königs, condrad III. aus dem hause staufen, der die dynastiebildung von kaiser lothar erfolgreich unterlaufen hatte.


die macht über die klöster bedeutet bis ins 12. jahrhundert auch die macht über den ländlichen raum; hier die strenge klosterarchitektur als symbol der herrschaft (foto: stadtwanderer, anclickbar)

der potenziert konflikt

damit meldeten schon drei regionale fürsten ihren anspruch auf eine vorherrschaft über hochburgund an:

der herzog von zähringen, formell in der besten position,
der bischof von lausanne, neu durch die zisterzienser gestützt, und
der graf von genf, militärisch unterlegener, aber nicht definitiv besiegter.

die lage war gespannt!


kaiser friedrich I. entschied die gespannte lage im transjoranischen hochburgund, indem er es zur provinz erklärte und sein „sacer imperium“ in der bischofsstadt besançon ausrief; hier der geheimnisvolle klosterhof von hauterive (foto: stadtwanderer, anclickbar)

kaiser friedrich I., barbarossa, als matchwinner

alles schien vorerst auf den lausanner bischof zuzulaufen. kirchlich gesehen profitierte er von der zisterzienserbewegung. diese war, wegen ihres engagement in den kreuzzügen für jeden kaiseraspiranten unentbehrlich. das wusste auch bischof amédée,- der vorerst wie der sieger in dreikampf aussah.

1152, als friedrich I., später barbarossa genannt, neuer könig mit kaiserambitionen wurde, schloss sich amédée dem spross aus der hohenstaufdynastie sofort als ergebener vasall an. er wirkte aktiv mit, als sich friedrich mit dem papst balgte, und seinen reichsteil zum imperium sacer, zum „heiligen reich“ erhob.

der eine seiner gegenspieler im transjoranischen hochburgund war berchtold iv., ebenfalls seit 1152 herzog von zähringen und inhaber des titels eines rektors von burgund. diesen liess der gekrönte kaiser friedrich jedoch bald links liegen, als er sich mit beatrix von burgund vermählte, und so das zentrum hochburgund auf die andere seite des juras nach besançon verlegte.

das erachtete der genfer graf für den geeignetesten moment, gegen seine früheren widersacher vorzugehen. er organisierte in lausanne einen aufstand der bürgerschaft, die in gespanntem verhältnis zu ihrem mächtigen bischof lebte. der anschlag auf den bischof war blutig, selber wenn bischof amédée überlebte. er musste indessen lausanne verlassen und suchte in moudon unterschlupf. die bewohner der kleinstadt verweigern ihm diesen jedoch, sodass er sich nach hautrive ins kloster begeben musste.

hier kam es zum grossen treffen. der bedrohte bischof musste die weltliche herrschaft des herzogs definitiv anerkennen. die militärische macht, sich selber verteidigen zu können, fehlte ihm. für die zähringer war das auch ein kleiner sieg. erstmals reichte ihr einfluss, nicht nur titelmässig, sondern auch faktisch bis nach lausanne. man kann die bedeutsame begegnung in hauterive auch als wende in der beziehung zwischen lausanne und zähringen bezeichnen.

dem bedrohten bischof gelang es nur dank unterstützung von berchtold iv. nach lausanne zurückzukehren. damit verlor er gleich doppelt: berchtold war jetzt auch in lausanne präsent, und der bürgerschaft musste der bischof erstmals schriftlich festgehaltene freiheiten einräumen. damit verlor er gleich ein zweites mal: nicht nur die zähringische oberherrschaft in weltlichen fragen hatte er akzeptieren müssen, auch die weltliche eigenständigkeit der bürger unterhalb seines bischofshügels zeichnete sich ab!


die provinzialisierung des transjoranischen hochburgunds oeffnete der städtegründungsbewegung den weg, hier der vorplatz auf des klosters hauterive (foto: stadtwanderer, acnlickbar)

der wendepunkt von der kloster- zu stadtwelt

das treffen in hauterive war also der wendepunkt im wiederaufstieg des lausanner bischofs nach regelung des investiturstreits. sein durchstarten als mächtiger feudalherr über seine diözese, die von alpennordhang über aare bis an den jurasüdfuss reichte, misslang. für die römische kurie sollte der lausanner bischof weiterhin von grösster wichtigkeit sein. als feudalherr war seine zeit vorbei.

verlierer war in diesem streit zwischen den feudalherren das ganze transjoranischen hochburgund. das machtzentrum verlagerte sich mitte des 12. jahrhundert nach besançon und in die franche comté. dies kannte keine kampf der lokalmatadoren um herrschaft über zeit und ewigkeit der einfachen untertanen. deshalb blieb die freigraftschaft als einheitliches herrschaftsgebiet bestehen, während im arc lémanique und auf dem plateau der kleinkrieg der herzöge, grafen und barone noch im ganzen 12. jahrhundert andauern sollte.

die einzigen gewinner dieses streits waren die zahlreichen städte, die neu entstanden war, ursprünglich um die machte der feudalherren zu sicher. wie das beispiel von lausanne zeigt, zeugte diese damit die zelle, die sie ablösen sollte. rue und freiburg markierten rund um hautrive als erstes den übergang von der kloster- zu stadtwelt. die zähringischen gründungen rechts der aare, die savoyischen links davon sollten noch folgen, und den charakter des hochburgundischen gebietes auf unserer seite des juras nachhaltig verändern.

daran erinnert man sich in hauterive kaum mehr, auch wenn es der dort der epochalen wende symbolisiert.

stadtwanderer


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