wörter werden (teil 1 der serie „linguistik für stadtwanderer“)

wandert nicht nur der stadtwanderer, sondern wandern auch wörter durch die gegend? sicher, zwei beine haben sie nicht! aber sie bewegen sich dennoch in raum und zeit. nur ist uns das meist nicht bewusst! deshalb halte ich dagegen, mit meinem zweiten crash-kurs in semiotik für stadtwanderer.

sprechen verändert die sprache meist unbewusst

sprache dient der verständigung. dafür muss sie fixiert sein, denn verständigung zwischen individuen entsteht nur dann zweifelsfrei, wenn bedeutungszuschreibungen eindeutig sind und sinnzusammenhänge intersubjektiv nachvollzogen werden können. das leistet unser aktuelles sprachbewusstsein, das durch die schriftlichkeit geprägt wird.

wie alles soziale ändern sich aber auch sprachbewusstseine durch die regelmässige nutzung. das geschieht konitnuierlich, aber nur langsam, und vor allem beim sprechen. deshalb bewegen sind kontexte und vorstellungen von wörtern und texten nur unscheinbar, aber unaufhaltsam. historikerInnen, die grosse zeiträume vor augen haben, wissen darum.


obwohl am ende des 13. jahrhundert als gothische kirche gebaut, verzichtete man auf pomp, da das gotteshaus an der predigergasse zum kloster des bettelordens der dominikaner gehörte (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

worthülsen bleiben, der sinn verschwindet

in bern gibt es beispielsweise eine franzosen-kirche. das ist die an der predigergasse. ursprünglich war sie die kirche des dominikanerordens, der seit mitte des 13. jahrhundert in der savoyisch gewordenen stadt bern ein kloster unterhielt. den heutigen namen hat die kirche aber nicht deswegen.

zur franzosen-kirche wurde das gotteshaus, als die reformierten bedrohten glaubensflüchtlinge 1685 unter anderem in die schweiz und nach bern kamen, um bei den glaubensbrüdern um asyl zu bitten. erhalten haben die hugenotten, wie man sie nannte, das gesuchte. die ehemalige dominikanerkirche – seit der reformation nicht mehr benutzt – stellte man ihnen zur verfügung.

das galt bis mitte des 19. jahrhunderts. heut ist davon nur der name übrig geblieben, auch wenn es kaum mehr hugenotten in bern gibt. franzosen-kirche ist demnach die kirche der französischen glaubensflüchtling in bern, die aus frankreich flüchten mussten. da man keine katholiken in bern von damals hatte, stellte man nicht auf die kleine differenz zwischen französischen und bernischen reformierten ab, sondern – vereinfachend – auf die herkunft der menschen, – und gab ihnen so einen namen franzosen, der sich auch auf „ihre“ orte in bern übertrug.


vom ende des 17. bis mitte des 19. jahrhunderts die kirche der hugenottischen flüchtlinge aus frankreich; heute l’öglise protestante de la paroisse française (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

das exempel: „hugenotten“ und „eidgenossen“ meint das gleiche!

und „hugenotten“? was eigentlich meint das?

„eidgenossen“, schlage ich vor! die franzosenkirche würde viel besser eidgenossen-kirche heissen!

hää? – ja, eben weil wörter wandern, und, mit verändertem sinn, sogar an den ursprungsort zurückkommen!

die „eidgenossen“ entstehen

eidgenossen waren im 13. jahrhundert verschworene, die sich zusammenschlossen, um auch ohne adeligen schutz rechtssicherheit zu gewähren. solche entwicklungen entstand an verschiedenen orten fast gleichzeitig.

„1291“ hat sich in unser gedächtnis eingebrannt, – als datum, an dem die drei eidgenossen auf der rütli ihren schur taten und sich gegenseitig unterstützung gegen die habsburger herzöge zusicherten. „1239“ müsste man historisch wohl eher sagen, als sich bern und murten zu einem bündnis zusammenschlossen. 1218 waren sie, als die zähringer ausstarben, zu freien reichsstädten geworden und unterstanden dem kaiser direkt.

doch friedrich lebte meist in italien, und focht dort einen epochalen streit mit dem papst aus. er verlor ihn schliesslich. 1245 wurde er als ketzer aus der katholischen kirche ausgeschlossen. spätestens damit zerfiel der einfluss des kaisers auf die rechtssicherheit. und genau diese versuchte man mit bündnissen zwischen orten zu sichern, die gemeinsamen handelt betrieben.

als „eydgenossen“ nahmen die städte und länder, die sich verschworen („coniuratio“ war die bezeichnung aus sich der herrschenden) eine alemannische tradition der lokalen selbstverwaltung auf, die zum grundgedanken des werdenden bündnissystems zwischen aare, reuss und limmat wurde. nach den militärischen siegen von 1386 in sempach resp. 1388 in näfels gegen die habsburger war man nicht nur die dominierende kraft im mittelland. im sempacherbrief von 1393 trat man erstmals auch als einheitliche ordnungsmacht für fragen der kirche und des militärs auf, und sprach, obwohl unverändert ein teil des kaiserreiches, keck von einer „eidgenossenschaft“.

zu dieser eidgenossenschaft, die 1499 einen teilautonomen status im neugeordneten erzwang (tschetschenie lässt grüssen!), tendierte zu beginn des 16. jahrhunderts das bürgertum wichtiger städte in der heutigen romandie. bedrohlich wirkte für sie zunächst die katholische kirche; mit ihren wachsenden ansprüchen an kirchensteuern für militärische feldzüge in italien und palastbauten in rom wurde sie für das städtische handwerk mehr zu last als zur stütze. bedrohlich waren aber auch die herzöge von savoyen, in turin residierend, die direkten anspruch auf die städte erhoben am lac léman erhoben.

die „hugenotten“ entstehen

namentlich im französischsprachigen genf nannte man ab 1520 die partei, die anti-savoyisch und pro-eidgenössisch war, folgerichtig „eidgenossen“, leidlich ins französische übersetzt „eydgenots“. daraus entwickelte sich nach und nach die wörter „eig(u)enots“, „aig(u)enots und ähnliches. alle waren sie eine fremdbezeichnung für die bewegung, die aus dem eidgenössisch geprägten mittelland kam, und sich über genf hinaus ins rhonetal und auf halb südfrankreich auszudehnen drohte, einer der freiheitskämpfer gegen die alte herrschaft war besanzon hugue, und es liegt auf der hand, dass sein name die begonnene verballhornung von eidgenossen zu aig(u)enots schliesslich als hug(u)enots vollendete.

die calvinisten, die sich nach 1536 zu einer religiösen kraft in der gesellschaft, aber auch zu einer politische bewegung im werdenden französischen staat darstellten, wurden seit mitte des 16. jahrhunderts verallgemeinernd hugenotten. selbst hatten sie zahlreiche andere namen, doch ihr auftreten wurde durch das katholischen königshaus überall unter diesem sammelschimpfnamen zumsammengefasst.

1598 erhielten diese hugenots den charakter einer staatlich geschützten christlichen minderheit, ohne je zur staatsreligion zu werden, wie das die lutheraner im 1555 im augsburger religionsfrieden schafften. 1685, mit der aufhebung des friedensichernden edikts von nantes durch louis XIV., entstand die erste grosse flüchtlingsbewegung. diese suchte den schutz unter anderem in der eidgenossenschaft, – seit 1648 ein vom reich unabhängiger staat mit starken affinitäten zu frankreich.

als die flüchtlinge nach bern kamen, nannte man sie franzosen, hugenotten, statt sie mit eidgenossen, reformierten zu begrüssen.

zur fluktuanz der sprache, ein merksatz zu und für wanderungen

vergessen gegangen war ende des 17. jahrhunderts der bedeutungszusammen von eidgenossen, eydgenots, aigenots und hugenots der in der beginnenden neuzeit vor allem in genf entstanden und durch die übersetzung eines begriffes aus der alemannischen tradition ins französische ein erstes mal gebrochen worden war. mit der rückübersetzung vom französischen hugenots ins deutsche hugenotten passierte gleiches gleich noch einmal. vergessen ging diesmal die bedeutungszuschreibung, die durch den kampf der royalistischen katholiken gegen die reformbewegung entstanden war, die im 16. jahrhundert unter den adeligen des süden frankreichs rasch an unterstützung gewonnen hatte.

etymologisch haben „eidgenossen“ und „hugenotten“ jedoch die gleiche wurzel. die begriffe sind aber zu verschiedenen zeiten und verschiedenen räumen geprägt worden. ihre entstehungskontexte sind verschieden, und ihre kulturellen bedeutungszuschreibungen sind es auch. deshalb können wir den vergleichbaren ursprung mit unserem heutigen sprachbewusstsein gar nicht mehr vorstellen.

sprachgeschichtlich und kulturhistorisch ist der zusammenhang aber evident. und das passt gut zu meiner semiotische absicht, die ich zur weiterbildung von stadtwandererInnen verfolge: nämlich zu zeigen, dass auch wörter wandern, im raum und zeit, und dabei fluktuieren. wie hiess es meiner einleitung so schön:

fluktuanz ist die uns meist unbewusste, nicht seiende, aber werdende substanz der wörter!

semiotisch
angehauchter
stadtwanderer

wörter sterben (teil 3 der serie „linguistik für stadtwanderer“)


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