wie heissen wir eigentlich? und wer sind wir? – auf der suche nach einer verbindlichen antwort über uns selber bin ich gescheitert, dem ausgiebigen studium von strassenschildern, werbematerialien und informationstafeln zum trotz. eine auslegeordnung, vom verzweifelten stadtwanderer.


einmal mehr: der stadtwanderer auf der suche nach dem sein der confoederatio helvetica (foto: stadtwanderer, anclickbar)

das problem

in bern kann man schon mal einem bundesrat auf der strasse begegnen. oder eine bundesrätin. auf französisch einem conseiller fédéral oder einer conseillère fédérale. das ist auch zur amtlich gebräuchlich übersetzung zwischen den geschlechtern und den sprachen geworden. ausser beim bundeskanzler: der ist zwar heute eine bundeskanzlerin, aber keine chancelière fédérale, sondern une chancelière de la confédération. auf deutsch war es mal der eidgenössische kanzler, doch das weiss fast niemand mehr!

man sieht, es ist nicht einfach, immer zu jeder zeit und jeder aufgabe auf anhieb die richtigen bezeichnungen für dies und das in der schweiz zu finden. doch das hängt nicht nur von meinem mangelnden talent ab, mich gewandt und korrekt ausdrücken, wenns ums französische, italienische oder gar ums rätoromanische geht. es hat auch mit der begriffsvielfalt zu tun, mit der wir uns selber bezeichnen. sechs lösungsansätze habe ich gefunden, aber keine befriedigt wirklich!

lösung 1: wir sind ein land

zum beispiel haben wir landessprachen, landeskirchen, ein landesmuseum und eine landesverteidigung. wer uns im ausland verpfeift, wird schnell zum landesverräter und muss mit landesverweisung rechnen. gerade im 20. jahrhundert war „land“ ein vielfältiger politischer begriff: wir hatten einen landesstreik, als gegenmassnahme einen landesverband freier schweizer arbeitnehmer und gar einen landesring der unabhängigen. und weil sich der mit konsumentInnenpolitik beschäftigte, haben wir auch einen landesindex der konsumentenpreise bekommen.

doch heute ist der landi-geist verkommen. wir können schon mal in schwierigkeit geraten, wenn wir die landeshymne singen wollen. denn das machen wir meist dann, wenn wir hoffen, dass unsere tschütteler das spiel gewinnen. doch das ist nicht unsere landesmannschaft, sondern unsere nationalmannschaft …

lösung 2: wir sind eine nation!

was für ein begriff! „nation“, das ist entweder klar französisch oder klar deutsch. – aber nicht schweizerisch.

„fête nationale“ sagen die romands problemlos, wenn sie den 1. august meinen. würde man das in unser deutsch übersetzt „nationalfeiertag“ nennen, würde man sich verdächtig machen. denn das heisst viel landläufiger bundesfeiertag.

den französischen begriff der nation haben wir nur auf die volksvertretung übertragen. unser nationalrat tagt bis heute in bern. immerhin kann er nationalstrassen beschliessen, die nationale buchhaltung kontrollieren und den nationalpark beschützen.

ansonsten sind wird zurückhaltend mit der verwendung des begriffs, vor allem wenn er als national ausgeschrieben wird. nationalliteratur tönt in der schweiz gestochen, schemenhaft. nationale aktion wiederum ist verrufen, und die nationale front ist ganz verpönt. mit nationalsozialismus wollen wir nichts zu tun haben!

immerhin: wir haben eine nationalbank, genau genommen sogar eine schweizerische nationalbank. und einen schweizerischen nationalfonds. das ist selbstredend kein schweizerischer landesfonds, denn das wäre zu nahe bei landeslotterie. und der nationalfonds, äxgüsi, der schweizerischen nationalfonds (aber nf!!!) ist eine forschungsförderungsanstalt mit klar umschriebenen prinzipien.

lösung 3: wir sind ein bund

nein, auch eine bundesrepublik sind wir nicht. das überlassen wir anderen. wir nennen uns bundesstaat. denn wir haben einen bundespräsidenten, der jährlich ändert, aber immer im bundeshaus beheimatet ist (das auf französisch allerdings palais fédéral genannt wird, zu deutsch also eigentlich bundespalast hiesse). der staatsanwalt der schweiz ist gegenwärtig ausser haus, ein neuer wird gesucht, und wenn wir einen finden sollten, wird er kein bundesstaatsanwalt, sondern einfach ein bundesanwalt sein.

selbst die grosse staatsverwaltung ist bloss eine normale bundesverwaltung, ordentlich in bundesämter für alles mögliche aufgeteilt. was da vorbereitet wird, beschliesst die (bikameral getrennt) bundesversammlung zu bundesbeschlüssen und zu bundesfinanzen (allerdings meist mit einem minuszeichen davor). aber das ist ja nicht nur hierzulande und wegen dem namen so!

lösung 4: wir sind die schweiz

wenn wir im ausland gefragt werden, wer wir sind, sagen wir meist schweizer, – neuerdings auch schweizerin. das ist in der schweiz sogar ein geschlechtsname. allerdings nur in der deutschsprachigen schweiz. un suisse, une suissesse gibt es zwar auch auf französisch. doch ein louis suisse ist mir noch nie begegnet.

„die schweiz“ war mal sogar eine zeitschrift. „der schweizerbote“ auch. heute haben wir eigentlich noch noch die „schweizer illustrierte“. klar, den „schweizer bauer“ und die „schweizer familie“ gibt es auch noch, – die aufmerksamkeit dafür aber schwindet im 21. jahrhundert rapide.

dessen ungeachtet sind organisationen, die staatstragend sein wollen, unverändert prägnanter: schweizer. so der schweizer alpen-club. die schweizer berghilfe. den schweizer heimatschutz und die schweizer bischofskonferenz. um nicht den schweizer franken zu nennen, – ausser dass der nur eine staatstützende institution im übertragenen sinne ist.

sprachlich korrekt sind dafür all unsere akademien. sie sind effektiv schweizerisch. sie heissen schweizerische akademie der medizinischen wissenschaften, der naturwissenschaften und der geistes- und sozialwissenschaften. politisch korrekt sind auch die schweizerische bankiervereinigung (und nicht „bankiersvereinigung“, wie der spiegel immer schreibt), die schweizerische offiziersgesellschaft, die schweizerische depeschenagentur, der schweizerischen arbeitgeberverband, der schweizerische gewerkschaftsbund, die schweizerische käseunion und die schweizerische gemeinnützige gesellschaft. selbst die schweizerische flüchtlingshilfe und die schweizerische volkspartei, die sonst keine übereinstimmung haben, sind in dieser hinsicht vergleichbar. denn eidgenossen sind sie alle.

lösung 5: wir sind eidgenössisch

trotz gemeinersamer wurzeln gibt es die verschiedensten sorten von eidgenossen. genau genommen gibt es nationale, internationale, und transnationale. streng national ist die eidgenössisch-demokratische union und der eidgenössische dank-, buss- und bettag. die gibt es nur bei uns. transnational sind das eidgenössische institut für schnee- und lawinenforschung und die eidgenössische sportschule in magglingen. für alles auf der welt interessieren sie sich, und von überall her haben sie ihre informationen. wirklich international ist da nur die eth, die eidgenössisch-technische hochschule, die weltweit führende schule für forschung und lehre.

es ist also immer weniger klar, was eidgenössisch heute meint. genauso wenig, wie man die heutigen zeitung in ort und zeit wirklich festmachen kann. früher gabs noch die „eidgenössische zeitung“, und man wusste bei ihr, was man in den händen hatte. da las man schon mal aus der „nationalzeitung“ und dachte stets an basel. und selber der „der bund“ hatte in der stadt bern noch etwas mehr als die paar versprengten abonnenten von heute!

lösung 6: wir sind hybrid

nahtlos sind wir damit bei den hybriden, den zeitgenossen, angelangt! die unübertrefflichste wortschöpfung ist die schweizerische eidgenossenschaft selber! genauso wie der hiesige bundesstaat seit 1848 heisst, und deshalb sinngemäss auf jedem automobil treffend mit „ch“ abgekürzt wird. das wiederum heisst confoederatio helvetica. auf gut englisch: switzerland.

swiss wiederum ist etwas anderes. das war mal unser fluggesellschaft, die swissair, die dann eine fürchterliche bruchlandung gemacht hat und seither nur noch in der kurzform rumfliegt, und der deutschen lufthansa gehört. doch die schweizerischen bundesbahnen gehören immer noch uns. ausser dass man im französischen den schweizbezug seit jeher wegliess. denn ennet der saane sind die sbb nur die cff, ausgeschrieben heissen sie aber wieder chemins de fer fédéraux suisses.

wohin unzutreffende abkürzungen führen, sieht man bei der rega; wüsste man es nicht, man käme nicht auf schweizerische rettungsflugwacht. ganz ins schleudern komme ich bei der schweizerischer gesellschaft für mikroelektronik und uhrenindustrie. wo die ist? – in biel natürlich und unter der abkürzung „smh“ bestens bekannt, auf bilingualem neubielierisch: swatch group.

ausgewogen und kompromissvoll ist da stellvertretend für alles die generaldirektion der srg. das war mal der kopf der schweizerischen rundspruchgesellschaft. heute ist daraus die schweizerische radio- und fernsehgesellschaft geworden, aber immer noch als srg vereinfacht. die ist zwischenzeitlich jedoch fast noch komplexer als die schweiz selbst: deshalb heisst sie jetzt srg ssr idée suisse.

zum verzweifeln …

ich sag da nur: übersetzen sie diesen text mal fehlerfrei ins italienische. das ist zum verzweifeln, obwohl landessprachlich!

stadtwanderer


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