station 2 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte

station 1 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „politische kulturen und politische herrschaften“

man schreibt das Jahr 1798. es ist sonntag, 5. märz. am abend marschieren französische truppen in die stadt bern ein. die bernischen truppen, leidlich unterstützt von den eidgenössischen, haben soeben den kampf um die hauptstadt der alten republik bern verloren. zwar hatte man die franzosen, die freiburg besetzt hatten, vor den toren der stadt in flamatt erfolgreich vom vorrücken abhalten können. doch das zweite heer der angreifer, das solothurn eingenommen hatte, rückte über fraubrunnen bis ins grauholz vor. dort fand es nur noch schlecht organisierte einheimische truppen, unterstützt von viel frauenvolk, die in einem kurzen gefecht überwältigt wurden.

bernische und eidgenössische uneinigkeit

im rathaus zubern hatten den schultheiss, der rat, der kriegsrat und der senat, die versammlung der alteingesessenen familien, wochenlang getagt. denn man war sich nicht einig:

die friedenspartei unter deutschsäckelmeister karl ludwig von frisching war für verhandeln, genauso wie es die freiburger patrizier in der vorwoche getan hatten. wenn man die französische herrschaft anerkennen würde, argumentierte man, könnte man sogar anspruch auf das fricktal erheben, das man 1415 und 1513 nicht erobern konnte; jetzt, wo napoléon dieses linksrheinische gebiet dem habsburger kaiser abgenommen hatte, könnte man die bernischen landen, die von coppet am lac léman bis brugg im aargauischen wasserschloss reichten, mit der französischen erwerbung abgrenzen.

von solchen überlegungen hielt niklaus friedrich von steiger gar nichts. der schultheiss der republik verkörperte die kriegspartei. nur der kampf von angesicht zu angesicht konnte nach seiner auffasung die ehre der bedrohten stadt retten. im siegesfall würde man die gleichzeitig die ideen der französischen revolution, die man ablehnte, von der bernischen republik fernhalten; im falle einer niederlage wäre man bereit, den heldentod auf dem schlachtfeld hinzunehmen. Unterwerfen wollte man sich auf keinen fall!

am samstag, den 4. märz, hatte die mehrheit des bernischen regimentes entschieden, zu kapitulieren. der schultheiss stand von seinem stuhl im saal des grossen rates auf, sah die greisen senatoren, die einst seine macht repräsentiert hatten, enttäuscht an und verliess wortlos den saal. denn er war unterlegen. und er verlor auch, was er noch verlieren konnte: den titel eines schultheissen von bern, der ihm in eine stellung, die einem herzog vorgleichbar war, gehoben hatte; er verlor auch seine ehre, denn den schlachtentod fand er im ungeordneten gewimmel auf dem grauholz nicht. er, friedrich nikolaus von steiger, flüchtete an diesem sonntagabend nach thun, setzte mit dem schiff über interlaken, dann bis brienz, ging zu fuss über den brünig nach luzern, und flüchtete von dort aus nach augsburg, wo er sich den österreichern anschloss. gut ein jahr danach verstarb er eines natürlichen todes.

die anfänge der helvetischen republik

mit dem einmarsch der französischen ging nicht nur die bernische republik unter; die truppen von general schauenburg eroberten innert monatsfrist die ganze alte eidgenossenschaft. am 12. april desselben jahres wurde die neue helvetische republik ausgrufen. bewacht von französischen bajonetten schworen man in stadt und land, in reformierten und katholischen orten, auf die neue verfassung. wirkliche unterstützung fand sie vor allem in der waadt und anderen, ehemaligen untertanengebieten, die durch die franzosen befreit wurden. ein einheitsstaat war man nun. nach französischen vorstellung räumte man auf mit der vielfalt der verbrieften rechte, den privilegien, die sich aus anciennitäten ergaben, und den unterschieden zwischen den orten. wie in paris wurde in aarau, das zur ersten hauptstadt erkoren wurden, ein direktorium eingesetzt. aus fünf mitgliedern bestand es, und es bildete die neue regierung. es konnte minister berufen, um spezielle aufgaben zu erledigen. und es stand präfekten vor, welche die schultheissen, bürgermeister und landammänner in den 13 untergegangen orten ersetzten. nach französischem vorbild wurde ein grosser rat bestimmt; er sollte wie die nationalversammlung als parlament wirken; die tagsatzung, das bisher einige eidgenössische organ, wurde durch einen senat abgelöst.

hier, wo ich jetzt stehe, stand in diesen revolutionären tagen der freiheitsbaum, – das symbol der französischen revolution! rund 770 weitere freiheitsbäume wurde in den helvetischen repubik aufgepflanzt. unterstützt wurde die helvetische revolution von den patrioten, wie sich die anhänger selber nannten. sie hatten sich schon im ancien régime zu clubs zusammengefunden, und die ideen der ideen der aufklärung und der revolution diskutiert. jetzt, wo die franzosen, die herrschaft ausübten, mobilisierten sie die bürgerlichen schichten, vor allem in den landstädten, welche das alte regime von der ausübung der herrschaft ferngehalten hatte. doch die basis, welche die helvetische republik trug, blieb schmal. vor allem die patrizier, aber auch zünfte und die landsgemeinde, die ihre einflussmöglichkeiten verloren hatten, stützten sich weiterhin auf die bauernschaft, und warteten nur auf ihre chancen.

man weiss es: der schwung, den die helvetische republik in die alte eidgenossenschaft gebracht hatte, war nicht von dauer. die französische besatzung lastete schwer und kostete viel. die wirtschaftliche entwicklung ging zurück, und die neue gesellschaftliche ordnung wollte sich nicht sofort einstellen. bald schon kam es zu staatsstreichen, die zu einer mässigung der anfänglich revolutionär geprägten politik führten. doch auch das half nichts. als die französischen truppen 1802 die helvetische republik verliessen, krachte das revolutionäre regime in sich zusammen. die meisten institutionen, die man 1798 geschaffen hatte, verschwanden.

in bern ist die erinnerung an diese zeit mit zwei momenten verbunden geblieben: dem abtransport des bernischen staatsschatzes und der abführung der bären nach paris. beides beruht auf vereinfachten vorstellungen: die bären haben in bern ihren bärengraben am bärenplatz gehabt, seit die eidgenossen 1513 in novarra den franzosen einen bären abgenommen hatten; sie haben ihn 1798 als quasi zurückgeholt. und auch der staatsschatz wurde nicht einfach in paris aufgegeben. die französischen generäle bedienten sich war, ein teil wurde in le locle eingeschmolzen und verkauft, der überwiegende teil wurde aber verwendet, um die besatzungskosten zu begleichen. er wurde als weitgehend in eigenen lande ausgegeben.

die bleibenden wirkungen

geblieben sind aber die ideen der französischen revolution: freiheit, gleichheit und brüderlichkeit! die freiheit sollte sich bald schon gegen die franzosen wenden, später aber auch gegen die österreicher, die nach dem wiener kongress den ton angaben. der freiheitswille sollte 1848 zur gründung der heute noch bestehenden schweizerischen eidgenossenschaft führen. besondere veränderungen sollte die neue vorstellung der gleichheit bringen: die vorrechte der orte, der stände, der konfessionen, der sprachen, wurden schnell abgeschafft, und 1971 durch die gleichstellung der geschlechter in allem politischen belangen abgerundet. die brüderlichkeit löste das regime der gnädigen herrschaften, die brosamen für ihre untertanen übrig liessen, ab, und entwickelte sich zum gebot des öffentlichen wohl, später zur wohlfahrt als einem der wichtigen staatsziele.

nachhaltig eingepflanzt hatte sich mit dem franzoseneinfall, wie man in der konservativen geschichtsschreibung berns die episode von 1798 noch heute gerne bezeichnet, die idee der menschenrechte. was man vorher gar nicht kannte, fand zunächst bei den untertanen, dann in den bürgerlichen schichten, und schliesslich auch bei den bauern seine unterstützung. heute ist es kaum mehr denkbar, dass sich jemand in der schweiz von den menschenrechten distanziert. mehr noch: die durchsetzung der menschenrechte wurde zu einem gebot des staates im in- und ausland, und ist auch heute noch das wichtigste, parteiübergreifende ziel der schweizerischen aussenpolitik. In der uno oder im europarat setzt sich die offizielle schweiz besonders für die weiterentwicklung und weiterverbreitung der menschenrechte ein.

ein gedanke, den die franzosen in die schweiz brachten, sollte im innern besonders einschlagen: die volksabstimmungen. 1793 hielt die revolutionäre verfassung frankreichs die möglichkeit fest, dass das volk über fragen, die es betreffen, entscheiden sollte. in der praxis hierzu sollte man in frankreich und der schweiz jedoch ganz andere wege gehen: der terror der jakobiner verschüttete die revolutionäre idee umgehend, das nachfolgende direktorium in paris interessiert sich nicht dafür, und napoléon bonaparte nutzte volksentscheidung, als er erster konsul der republik geworden war, im plebiszitären sinne: er entschied, wann und wozu das volk befragt wurde; zum beispiel, um sich selber zum lebenslangen konsul bestimmen zu lassen. Bis heute hat das in frankreich tradition, und beeinflusst auch das denken der eu. in der schweiz sollte sich jedoch ein ganz anderes verständnis von volksabstimmungen entwickeln: nicht das des plebiszites, sondern das der volksrechte! es sollte aber nochmals 30 jahre brauchen, bis die ersten kantone sie einführten, und es sollte noch fast 100 jahre brauchen, bis auch der bund sie in der heute bekannten form realisieren würde.

der vorübergehende niedergang

1802 sollte sich das rad der geschichte zunächst in die andere richtung wenden. die alten herrschaften, die patrizier mit ihren treuen bauern, sollten nämlich noch einmal zurückkehren, und die macht schrittweise, aber im alten sinne übernehmen.

wo der patriziereinfall in bern stattfand, zeige ich an meiner nächsten station.

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