station 3 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte der schweiz

station 2 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „der untergang des alten bern“
station 1 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „politische kulturen und politische herrschaften“

nachdem napoléon bonaparte auf den westeuropäischen schlachtfeldern gesiegt hatte, war grossbritannien sein grosser gegner. die entscheidung über seinen ewigen rivalen suchte er in ägypten. doch er verlor sie: zunächst in trafalgar, in der seeschlacht gegen admiral nelson, dann in akkon, der alten kreuzritterstadt, wo er sich auch auf land nicht durchsetzen konnte. danach verliess napoléon seine truppen, um direkt in paris zu intervenieren. das direktorium, das ihn gross werden liess, wurde in der kritischen situation abgesetzt. napoléon erhob sich zum ersten konsul für 10 jahre und prägte den berühmten satz: „La révolution est finie!“

der europäische krieg in der helvetischen republik

anfangs 1799 brach der zweite koalitionskrieg zwischen den monarchien österreich und russland einerseits, der republik frankreich anderseits aus. die defensiv- und offensivallianz, welche die helvetische mit der französischen republik abschliessen musste, zog das land mit in den krieg. österreichische truppen rückten von nordosten her ein, russische von süden. die franzosen stellten sich ihnen entgegen. das land war in ost- und west gespalten. die innerschweiz, 1798 militärisch zur teilnahme an der helvetischen republik gezwungen, war besonders gegen frankreich. dessen truppen eroberten jedoch die nördlichen zugänge zum gotthard zurück und leiteten so die gegenoffensive ein; die vereinigung der russischen mit den österreichischen truppen misslang.

anfangs 1800 war der europäische krieg auf helvetischem boden zu ende. doch er hatten den revolutionären schwung der helvetischen republik gebrochen. die macht der patrioten schwand. vier staatsstreiche besiegelten ihr schicksal. zuerst herrschten die gemässigten republikanern, dann begann der aufstieg der föderalisten. noch einmal versuchte man 1802 mit einer verfassungsrevision die opposition zu besänftigen.

in schwyz war man zu sturz des helvetischen regimes wild entschlossen. die änhänger der alten ordnung organisierten am 1. august 1802 landsgemeinden. sie konnten auf die unterstützung der enteigneten klöster setzten. zünfter und patrizier, die ihre privilegien verloren hatten standen ihnen ebenso zur seite. da zog napoléon bonaparte seine truppen auf druck englands, das den aufstand unterstützt hatte, aus der schweiz ab.

der helvetsiche krieg in der helvetischen republik

nun brach der bürgerkrieg, der „stecklikrieg“, aus. so genannte wurde er, weil die Landleute nur mit sägessen und heugabeln ausgerüstet waren. doch sie waren nicht allein. die alten machthaber hatten sich ihnen angeschlossen. der berner rudolf ludwig von erlach übernahm die militärische führung und trieb die volksarmee gegen seine vaterstadt. und er hatte nicht nur holzwaffen dabei. beschossen wurde die stadt bern; ein einschussloch an der vorgelagerten wache hat man als beweis bis heute stehen lassen. der „stecklikrieg“ war gar nicht so harmlos, wie man mit seinem namen bis heute glauben machen möchte.

die helvetische regierung, von aarau nach luzern, von luzern nach bern transferiert, kapitulierte jedenfalls vor dem aufgebrachten und aufgehetzten landvolk. sie zog sich ins sichere lausanne zurück. bern ging an die altgesinnten über. der krieg kam erst zwischen murten und faoug stehen; der militärische frontverlauf entsprach der sprachgrenze.

napoléon: la natur a fait votre etat fédératif

nun intervenierte napoléon erneut. als sein general brune 1798 die schweiz in drei republiken aufteilen wollte, schallte es ihm entgegen: man sei eine unteilbare republik, und république indivisible. 1802 antwortete der erste konsul: ihr seid angesichts der inneren wirren eine unsichtbare republik, une république invisible. napoléon liess die französischen truppen wieder vorrücken, und bestellte eine consulta nach paris. 70 repräsentanten der verfeindeten kriegslager sollten seine lageanalyse erfahren. dabei fiel der berühmte satz: „La nature a fait votre Etat fédératif. Vouloir la vincre, ne peut pas être d’un homme sage.”

mediation nennt man das bis heute. die kantone wurden als souveräne gliedstaaten der helvetischen republik wieder hergestellt. doch jetzt waren sie alle gleichberechtigt. die vorrechte der alten orte, der privilegierten schichten und der deutschen sprache wurden aufgehoben. den föderalisten kam der erste konsul damit mächtig entgegen, ohne jedoch die vorrevolutionären abhängigkeitsverhältnisse wieder herzustellen. mit der mediationsakte, mit der napoléon nebst den 13 alten auch 6 neue kantone schuf, trat anfangs 1803 in kraft. sie änderte den charakter der schweiz erheblich. zu den landsgemeindeorten, den städten mit zunfttraditionen und den herrschaften der patrizier kamen die kantone hinzu, die vom geist der französischen revolution geprägt waren: die waadt zuerst, der aargau danach, aber auch tessin, graubünden, st. gallen und thurgau, welche die grenze gegenüber dem monarchistischen ausland sichern sollten.

die mediationsakte sollte bis 1813, als der kaiser der franzosen besiegt nach st. helena verbannt wurde, gültigkeit behalten. danach besetzten österreichische truppen die helvetische republik, auch bern, und bereiteten die restaurierung der alten verhältnisse, die der wiener kongress 1815 legitimierte, auch in der schweiz vor.

die neuerungen napoléons

mit dem gleichheitsgebot in der mediationsakte setzte napoléon auch das prinzip der mehrsprachigkeit der schweiz durch. das war neu, denn im 15. jahrhundert, als sich die alemannen auf romanischsprachige gebiete ausdehnten, führte man die deutsche sprache des spätmittelalters für eidgenössische belange zwangsweise ein. mit dem verschwinden der untertanenverhältnisse verschwand auch das deutsche als alleinige sprache der schweiz.

doch nicht nur die anerkennung der plurikultur der schweiz geht auf napoléon zurück. seine helvetische republik führte auch den schweizer franken ein, die einheitliche flagge, mit der grün-rot-gelben trikolore. diese farben, ergänzt durch weiss und schwarz bezeichnen bis heute auch die strassenschilder der vier quartiere berns und die matte.

1803 liess napoléons mediation auch neue institutionen entstehen: den Landammann ou le landamman, auf französisch nur mit einem „n“ geschrieben. louis d’affry, ein aristokrat, dessen familie in französischen diensten unter louis XVI. gross geworden war, wurde in freiburg neuer schultheiss und in der mediatisierten helvetik zum ersten landamman. mit rudolf von wattenwyl aus bern und hans von reinhard aus zürich hatte er wesentliche grundlagen der mediationsverfassung im innern geschaffen. doch er war nur für ein jahr „König der Schweiz“, wie man ihn im ausland bezeichnete. danach musste er sein amt an einen anderen landammann, nun mit zwei „n“ weiterreichen.

um die regierungsspitze zu unterstützen schaffte napoléon zudem die eidgenössische kanzlei. anders als der landamman(n) sollte der eidgenössische kanzler nicht wechseln; er blieb auf unbestimmte zeit gewählte, musste aber mit dem wechsel des landammanns in den jeweils neuen vorort ziehen. bis 1848 sollte man das so machen.

es ist unverkennbar: der bundespräsident, die bundespräsidentin von heute, der auch nur auf 1 jahr gewählt ist, entspricht dem landamman(n), auch wenn er heute als primus inter pares in den bundesrat integriert ist. und die bundeskanzlerin, der bundeskanzler stellen die fortsetzung des eidgenössischen kanzlers dar.

schiller, der leicht zu begeisternde literat des stecklikrieges

wenn napoléon damit eine reihe zukunftsträchtiger institionen der schweiz schuf und vorbereitete, dann hat friedrich schiller den stecklikrieg in der weltliteratur verewigt. er kämpfte jedoch nicht für die andere welt, sondern verfasste, vom der kampfkraft der bauern gegen die städte beeindruckt, seinen „wilhelm tell“.

selber war er nie in der schweiz gewesen. vielmehr stützte er sich auf johannes von müllers darstellung der eidgenossenschaft, noch vor napoléons intervention im geistes des ancien régimes geschrieben, das sich von müller nach dem stecklikrieg wieder herbeiwünschte.

schillers theaterstück feierte nicht nur in weimar erfolge, es prägte unser verständnis von der tapferen bauernschaft, die sich gegen jedwede herrschaft auflehne nachhaltig.und es prägte auch das bild der schweiz, als insel, auf der sich die uhren anders, bisweilen auch rückwärts drehen!

gar nicht so harmlos, die wirkung dieses vergessenen bürgerkrieges während der helvetischen republik.

stadtwanderer


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