das berner haus der philosophen, an der junkerngasse 51 (foto: stadtwanderer, anclickbar)

station 4 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte in der schweiz

station 3 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „der gar nicht so harmlose stecklikrieg“
station 2 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „der untergang des alten bern“
station 1 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte: „politische kulturen und politische herrschaften“

„SI TACUISSES PHILOSOPHUS MANSISSES“, sagten die lateiner und meinten, einen philosophen erkenne man nicht daran, dass er sich zu allem äussere. geistesarbeit, verbunden mit vornehmer zurückhaltung, zeichne den philosophen aus, meinte der spätantike philosoph boethius, als er schreibend auf seinen tod wartete. da hielt karl marx schon mal kräftig dagegen. degegen den deutschen idealismus polemisierte er: „Die Philosophen haben die Welt nur verschiedenen interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.“ und er schritt zur tat!

das berner haus der philosophen

haus der philosophen sollte man das gebäude nennen, vor dem wir hier stehen. zwei grösses des europäischen wissenschaftslebens haben hier gewohnt. zunächst der universalgelehrt albrecht von haller, der arzt, der dichter, der botaniker und der politiker. in bern wird er nie professor, in göttingen schon. denn von haller besingt nicht nur als erster die alpen, sondern kritisiert auch das unaufgeklärte regime der patrizier in seiner vaterstadt. zum schweigen hat man ihn in bern gebracht, – mit einer administratorenstelle im gesundheitswesen hat man den heimkehrer aus göttingen abgespiesen.

nur 16 jahre nach von hallers tod im jahre 1777 zieht der junge georg friedrich hegel ins gleiche haus ein. er ist hauslehrer der familie steiger. eben erst hat er das studium abgeschlossen, und noch niemand ahnt, dass er an der humboldtschen universität zu berlin seine karriere krönen werde. nach bern kommt er, weil die steigers eine der besten privatbibliotheken mit historischen, politischen und philosophischen werken haben. nach drei jahren geht er, doktoriert er, und wird er professor für philosophie in jena. dort zwinmgen ihn die französischen truppen zur flucht; er äussert sich als journalist und publizist, bis er wieder in die akademia aufgenommen wird, und zum verkünder der ankunft des weltgeistes im preussischen staat wird.

philosophieprofessoren gab es in diesen gassen berns noch mehrere. zwei sollen uns beschäftigen. beide, die mich hier interessieren, waren professor am politischen institut der akademie, – einer gründung von schultheiss niklaus friedrich von steiger, um die söhne der berner patrizier zu erziehen. was für unterschiedlichste ziele sie dabei verfolgten!, will ich hier erzählen. ich lasse mich dabei von hegels geschichtsinterpretation leiten: zuerst die thesen, dann die antithese, und aus beidem die synthese!

die these

philipp albert stapfer ist pfarrerssohn. sein vater wirkt am münster, und er lässt philipp an der berner akademie theologie studieren. danach bildet sich stapfer in deutschland einige semester in philosophie weiter. nach bern zurückgekehrt, wird er professor am politischen institut. von immanuel kant, seiner kritik der reinen vernunft, ist er, der theologe, stark beeinfluss.

in bern versteht man das nicht. stapfer gilt als franzosenfreund. das kommt gelegen, als die französischen truppen einmarschieren. zum wichtigsten vermittler zwischen den besatzern und den besetzten macht man ihn jetzt. die helvetisch regierung ernennt ihn gar zum ersten kulturminister der schweiz. für kirchen, schulen, öffentliche gebäude und brücken ist er zuständig.

am meisten liegt ihm das schulwesen am herzen. denn er weiss: einen neuen staat wird man ohne ein gebildetes volk nicht schaffen. als erster führt philipp albert stapfer eine gesamtschweizerische befragung durch. alle helvetischen schulbehörden werden sondiert. sein büro für nationalkultur leistet die arbeit. keine geringeren als heinrich pestalozzi, heinrich zschokke und franz-xaver bronner sind seine mitarbeiter.

niederschmetternd ist ihr bericht. viele gemeinden haben keine schulen. wo es solche gibt, werden sie nur schlecht besucht. wo es sich lohnt, den besuch zu erwähnen, sind die lehrer miserabel bezahlt. und wo das gehalt ausreicht um zu überleben, hat man keine erbaulichen lehrmittel. diese diagnose ruft nach einem politischen reformprogramm. das erste schweizerische schulgesetz entsteht. der grosse rat berät es, der senat versenkt es.

enttäuscht ist der desavourierte professor, ob so viel wiederstand aus der praktischen politik. seinen posten quittiert er, und nach paris geht er. dort betraut ihn die helvetische regierung mit dem posten des ersten diplomaten beim ersten konsul, napoléon bonaparte, betraut. noch einmal kämpf er, diplomatisch genug, für seine patriotischen ziel, bis ihn napolöon zum liquidator der helvetik bestimmt.

frustiert is stapfer nun; von politik und philosophie wendet er sich ab. mit seiner frau, einer französin , bezieht er ein landgut ausserhalb der grossstadt paris, und widmete sich theologischen fragen. die franzosen versucht er noch vom protestantismus helvetischer prägung zu überzeugen, fast so sinnlos ist dieses unterfangen, wie der versuch, das erhwürdige berner zu revolutionieren.

1803 ist stapfer letztmals in bern. dafür kehren die alten eliten sukzessive hierher zurück. mit ihnen bezieht die ganze reaktion die alten posten neu. die säkularisierten klöster werden wieder hort des katholizismus, die abgesetzten zünfter regieren die reformierten städte der ostschweiz und die verbannten patrizier erobern die macht schritt für schritt für sich zurück.

die antithese

mit der reaktion kehrte auch karl ludwig von haller nach bern zurück, den zweiten politisierenden philosophen, der uns hier interessieren soll. auch er ist ein zeitgenosse der französischen revolution. dcoh anders als stapfer versucht er nicht, den geist der revolution in bern wirken zu lassen. nein! sein werk ist es, das wenige, was davon geglückt ist, wieder rückgängig zu machen. mit ihm zieht der geist der restauration in bern ein.

karl ludwig von haller ist ein enkel des bereits erwähnten albrecht von haller. er besucht die berner akademie und trit danach gleich in dienste des bernischen staates ein. 1797 lernt er auf diplomatischer mission general bonaparte in oberitalien kennen, und ihm folgt er nach rastatt, als der feldherr mit federstrich das militärisch besiegte heilige römische reiches deutsch nation reorganisert.

wiederstrebt hat es von haller, dass napoléons truppen bald danach auch in bern einfallen. sofort gründet er die helvetischen annalen, die sich zur führenden kampfschrift gegen das helvetische direktorium und seine revolutionären minister entwickelt. verboten wird seine zeitschrift, und das land muss von haller vorübergehend verlassen.

1805 wird der rückkehrer professor für philosophie an der neu gegründeten berner akademie. rasch steigt er bis in die obersten chargen der berner wissenschaft auf. sein prestige, das er so entwickelt, nutzt er für eine politsiche karriere. in die reaktionäre berner politik mischt er sich nun ein, avanciert über den grossen rat bis in den kleinen stadtrat. mitglied einer regierung is auch er.

10 jahre danach zieht ihn der wiener kongress in seinen bann. schluss machen muss man mit den ideen der revolution. die natur, die tradition, das gewachsene soll überallhin zurückkehren. rousseau, diesen teufel der aufklärung, erteilt von haller eine gründliche absage. denn dessen vorstellungen von gleichheit und freiheit sind ihm zu tiefst zu wider. herrschaft, legitime herrschaft, der dazu von gott berufenen, wird sein politphilosophisches programm.

nur ein jahr nach dem wiener kongress veröffentlicht von haller den ersten band seines dreiteiligen lebenswerkes: „die restauration der staatswissenschaft“. der epoche, die 1815 beginnt und 1848 enden wird, sollte es den bis heute gültigen namen geben. nicht mehr von revolution ist die rede. nur noch von restauration.

selbst bei der restauration seiner persönlichen verhältnisse kennt karl ludwig von haller keine grenze. 1820 tritt er, der späte nachfahre der berner reformators berchtold haller, zum katholizimus über. nicht einmal ein jahr danach wird der skandal publik. seiner ämter in politik und wissenschaft berns wird er umgehend enthoben.

von bern enttäuscht wendte sich nun auch karl ludwig von haller ab. und genau so wie philipp albert stapfer emigriert er nach paris. dort schliest er jedoch noch dem mouvement protestantes an. sondern ultrakonservativen kreisen. royalistisch geprägte schriften aller art erscheinen, und den zweiten und dritten band seiner restauration der staatswissenschaften lieferte er in paris nach. eine grosse ausstrahlung auf das europäische geistesleben entwickelt das werk in seiner zeit. bis heute ist es eine standardreferenz der entwicklung konservativen denken.

anders als stapfer würde von haller aber gerne nach bern zurück kehren. verboten hat man es ihm, sodass er schliesslich nach solothurn ausweicht. dort politisiert er wieder im grossen rat und wird zum vordenker der katholisch-konservativen bewegung. die niederlage seiner anhänger im sonderbundskrieg erlebt er noch. frustiert nimmt er, nur wenig vor seinem tod, die gründung des bundesstaates zur kenntnis, der seine vaterstadt gar zum zentrum des politischen lebens der liberalen schweiz erheben sollte.

die synthese

ob stapfer und von haller philosophen waren, kann man bezweifeln. an sokrates, platon und aristoteles reichen sie nicht herans. ihre ideen der philosophie haben sie aber aufgenommen. von haller wäre gerne ein philosophenkönig gewesen wie platon es gefordert hatte. und stapfer traute sich, wie aristoteles, den gedanken zu wagen, dass ein erzogenes volk in der lage ist, selber vernünftige entscheidung zu treffen.

der eine, von haller, wird so zum politischen theoretiker seiner zeit, der auch in berns und solothurns politik mitmischt. normative politiktheorie nennt man das in der politologie heute, selbst wenn man in der reine lehre ziemlich skeptisch ist, wenn einer, wie von haller, seine eigene politische praxis sucht.

der andere, stapfer, wird zum sozialforscher, der seine enqueten gebraucht, um die politik zu beeinflussen. empirische politikforschung nennt man das in der politikwissenschaft von heute, selbst wenn man in der angewandten wissenschaft deutlicher davor zurückschreckt, wie stapfer, eine eigene politische praxis zu entwickeln.

privilegiert sind die politischen wissenschaften heute. so privilegiert, wie stapfer und von haller nicht war, die vom den ereignissen ihrer zeit voll erfasst wurden, und als politische philosophen ganz unterschiedliche interpretationen lieferten. selbst verändern wollten beide die welt. anders als es georg friedrich hegel noch formulieren sollte. die philosophen sollen die welt nicht verändern, sondern interpretieren, wird er sagen. dass man dabei immer und überall schweigen muss, ist eine auffassung, die im wissenschaftbetrieb wieder beliebt ist, der stadtwanderer aber ganz und gar nicht teilt, – schon gar nicht vor dem schönen haus der philosophen, vor dem wir stehen!

stadtwanderer


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind