station 6 meiner stadtwanderung zur demokratiegeschichte in der schweiz

station 5: „der liberale umschwung“
station 4: „politisierte philosophen“
station 3: „der gar nicht so harmlose stecklikrieg“
station 2: „der untergang des alten bern“
station 1: „politische kulturen und politische herrschaften“

in berns neuerer geschichte gibt es die gebrüder schnell und die gebrüder snell. doch darf man sie nicht verwechseln! die schnells waren einheimische, burgdorfer. die snells waren fremde, deutsche.

die schnells waren früher: samuel schnell wirkte ab 1805 als rechtsgelehrter an der akademie; er sollte der grosse gegenspieler von karl ludwig haller werden. er sollte in der restaurativen zeit die gemässigt-konservativen stimmen beraten, und er sollte, mit seinen vettern, 1830, beim sturz des patriziates eine entscheidende rolle bei der begründung der bernisch-liberalen bewegung spielen. doch dann kam die zeit der späteren snells, ludwig und wilhelm, hiessen sie. sie waren ebenfalls rechtsgelehrte, philosophen, – und politisierende flüchtlinge. sie waren die begründer der nationalpartei, deren ziel es war, die prinzipien der gleichheit mit jenes des nationalstaates zu verbinden. sie wirkten als radikale zwischen 1830 und 1848 massgeblich am aufbau der schweizerischen eidgenossenschaft, dem bundesstaat von heute, mit.

die deutschen flüchtlinge in der schweiz

ludwig und wilhelm snell stammten aus dem bildungsbürgertum von nassau. ludwig, der ältere, wurde 1785 geboren, wilhelm, der jüngere bruder, 1789. beider konnten sie studieren, die philosophie der ältere, und die rechte der jüngere. beide sollten sie dabei politisiert werden: gegen den rheinbund waren sie, diesem von napoléon geschaffenen, unwürdigen krüppel zwischen reich und nation. einen deutschen nationalstaat wollten die beiden schaffen! da das nicht ohne das starke preussen möglich war, galt man, als anhänger dieser bewegung, bald als preussenfreund, und ausserhalb preussens als staatsfeind.

wilhelm erschwischte es zuerst. er war zwar ein angesehener kriminalist, doch wurde er wegen der angehörigkeit zu deutschnationalen bewegung ausgewiesen. Der versuch, sich nach russland abzusetzen, misslang. und so flüchtete er nach chur, von dort nach basel, wo man dem talentierten juristen eine stelle als rechtsprofessor an der universität anbot. danach traf es auch ludwig. er musste seinen posten als gymnalsialdirektor in wetzlar wegen der sog. demagogenhetze, die ihn traf, verlassen. er emigrierte zuerst nach london, dann zu seinem bruder nach basel. dieser ermöglichte ihm eine anstellung an der hochschule, wo er sich in philosophie habilitierte. Doch war er seit den zeiten in london schwer erkrankt, sodass er auf eine feste anstellung als professor in basel verzichtete.

die anfänge einer nationalpartei

1830, als die juli-revolution in frankreich ausbrach, war man mit anderen national gesinnunten kommilitonen auf der rigi. Man debattierte die politische lage. die veränderungen in paris wurden sofort begrüsst. Die stunde der national gesinnten akademiker schien gekommen. die revolution sollte im kleinen beginnen, und zu einem flächenbrand ausufern.

wilhelm ging, angestachelt, von der rigi nach basel zurück, ludwig nach zürich. wilhelm schloss sich sofort der bewegung von liestal an, die eine abtrennung des landes von der stadt verlangte, da diese die gleichstellung aller bürger verweigerte. der erfolgreiche kampf gegen die stadt kostete wilhelm jedoch seine anstellung an der basler hochschule.

nun folgte wilhelm seinem bruder nach zürich. dieser hatte freisinnige vertreter von stadt und land um sich versammelt und sie überzeugt, sich für die gleichstellung aller regionen und bürger im kanton stark zu machen. die vorrechte der stadt sollten auch hier gestürzt werden, und waren schon 1831 erfolgreich. bruder wilhelm verschaffte ludwig 1833 eine anstellung als rechtsprofessor an hiesigen hochschule, und gemeinsam arbeitete man nun an einer freisinnig geprägte politik für den kanton zürich.

philosophisch stützten sich die snells auf rousseau und kant, mit denen man das naturrecht der menschen auf gleichheit begründete. politisch verfocht man die prinzipien der repräsentativen demokratie, und kommunikativ hatte man eigene schriften, wie den „republikaner“, mit dem man die öffentliche diskussion rasch vorantrieb.

die snells im kanton bern

1834 eröffnete der liberale kanton bern den snells die möglichkeit, sich in bern niederzulassen. wilhelm liess sich nicht lange bitte, und akzeptierte eine stelle als rechtsprofessor an der neu gegründeten berner hochschule. er stieg auch gleich zu ihrem ersten rektor auf. ludwig folgte ihm, und nahm einen posten eines professors für geschichte der philosophie an der gleichen hochschule an. Jetzt war sie ganz unter radikaler führung.

anders als die liberalen bewegungen, die sich gegen die vorherrschaft der jeweiligen städter wandten, verstanden sich die deutschen snells nicht als basler, nicht als zürcher, nicht als berner! um die schaffung einer nation ging es ihnen. die kleinstaaterei, die nicht nur in deutschland, sondern auch in der schweiz herrschte, sollte endgltig überwunden werden. man wollte eine grosse nation werden, so wie frankreich auch!

speerspitze der nationalpartei, die man anstrebte, sollten national gesinnte juristen werden. eine ganze generation von rechtsgelehrten prägten die snells. sie alle gingen zu ihnen in die vorlesungen. sie alle lernten, wie die snells politisch zu denken, und sie alle wirkten nach dem studium an gericht, bei den medien und in der politik. ulrich ochsenbein und jakob stämpfli waren das muster dieser neuen, radikal handelnden bewegung.

die ausweisungen der snells aus dem kanton bern

das treiben der „jungen rechtsschule“, wie das alles genannt wurde, fand indessen nicht überall zustimmung. die einheimischen liberalen polemisierten gegen die fremdbeeinflussten radikalen. und die deutsche diplomatie bezichtigte die flüchtlinge der agitation und der verherrlichung von gewalt. ludwig sah sich 1836 gezwungen, seinen professur niederzulegen, und die liberale regierung verbannte ihn gar vom kantonsgebiet.

in der folge lebte luwig in zürich, luzern und in küsnacht. hier hatte er sich auch einbürgern lassen. die zeit in der emigration der emigration nutzte er, um schriftstellerisch tätig zu werden. zwischen 1839 und 1845 entstand das handbuch des schweizerischen staatsrechts, das im radikalen geist verfasst war, und auf die schaffung eines nationalstaates mit zeitgemässen, einheitlichen rechtsprinzipien zielte.

1845 stand die schweiz in einem bürgerkriegsähnlichen zustand. die radikalen waren in der französischsprachigen schweiz erfolgreich, und es gelang ihnen, die liberalen in ihrem sinne umzupolen. doch das mobilisierte die ängste der förderalisten, namentlich in den katholisch-konervativen kantonen. zu einem sonderbund schloss man sich zusammen, und in luzern, dem führenden ort, setzte der papst die jesuiten als erfolgreich prediger wider als neue ein.

zu stürmen versuchten die radikalen nun luzern, die ultramontanen, die die papstgänger hiessen, und die jesuitenkirche. misslungen ist der spontane versuch, politik kantonsübergreifend mit waffen zu führen.

der kanton bern wollte jetzt nichts mehr zu tun haben, mit der unfreundlichem attacke gegen den nachbar. die regierung distanzierte sich vom freischarenzug, und bezeichnete den hauptschuldigen: professor wilhelm snell. Auch er wurde seiner professur enthoben. er begab sich nach liestal, wo er sofort landrat wurde und in liestal freie vorlesungen hielt.

der sieg der radikalen in bern

in bern stachelte die ausweisung wilhelm snells die radikalen nur noch an. die herrschaft der liberalen sollte nun gestürzt werden. eine neue verfassung wurde ausgearbeitet, und vor den wahlen von 1846 der öffentlichkeit präsentiert. gewonnen haben die radikalen diese wahlen. im grossen rat hatten sie nun eine mehrheit, die sie auf die regierung übertrugen. eine neue verfassung, eine radikale, wurde jetzt in bern eingeführt. und professor wilhelm snell durfte an seinen alten arbeitsort in bern zurückkehren.

seine schüler jakob stämpfli und ulrich ochsenbein waren die starken politiker in der radikalen regierung. bern war 1846 auch vorort der tagsatzung, und so kam es, dass ausgerechnet ein radikaler das förderalistisch ausgerichtete organ der schweiz, das der wiener kongress bestimmt hatte, in ihre hände fiel. den sonderbund der katholisch konservativen löste man umgehend auf, und als sich diese weigerten, setzte man den entscheid militärisch durch.

1847 war krieg.
bürgerkrieg.

er endete mit dem sieg der national gesinnten kräfte. sie sollten 1848 einen souveränen staat auf der taufe heben. kein kaiser, kein fürst erliess seine verfassung. vielmehr beschloss man, als neue quelle der politischen legitimation, das volk – die bauern, die handwerker, die bürger, und auch die altgesinnten – über die neue verfassung abzustimmen. das prinzip der demokratie hatte erstmals auf nationaler ebene gesiegt!

nachwort: wer hat alles platz im bundesstaat?

man hat viel darüber diskutiert, wo die radikalen ideen entstanden sind. küsnacht spielt sicher einer rolle. ludwig snell wirkte nach seiner vertreibung mit seinem handbuch des schweizerischen staatsrechtes von dort aus. wilhelm snell lebte seit 1834 mit dem kurzen unterbruch in bern.

sein bevorzugter treffpunkt war das wirtshaus. nicht irgendeines, sondern das zimmermania. hier debattierte mit studenten. hier debattierte man das, was später in der berner zeitung stand, und hier hat man wohl auch die radikalen ideen in eine verfassung gebracht, die zum bundesstaat führte.

der bot zentralisten und föderalisten platz. schnellen und snellen, einheimischen und flüchtlingen!

stadtwanderer


Comments

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind