2007 ist täuferjahr. – doch was weiss man als nicht-täufer über „die täufer“? dass sie eine sekte seine, dass sie verfolgt wurden, dass viele ausgewandert sind, dass andere im emmental leben, dass sie freikirchen bilden, oder dass sie politisch der evp resp. der edu nahe stehen würden?


veranstaltung zum täuferjahre auf dem berner münsterplatz: reformierte landeskirche und freikirche der täufer driften weiterhin auseinander (fotos: stadtwanderer)

dass man den münsterplatz für ein treffen der reformierten landeskirche und der täuferfreikirche gewählt hatte, zog meine aufmerksamkeit auf. das muss ich sehen. ich wollte wissen, wie es ist, wenn moses mit seinen gesetzestafeln aus dem alten testament auf diskussionen über die auslegung des neuen testamentes schaut. ich wollte sehen, was passiert, wenn christen verschiedenster richtungen vor der heutigen volkswirtschaftsdirektion zusammenkommen, wo einst der sitz des deutschordens war, der den kaiserlichen geförderten katholizismus nach bern brachte. und ich war gespannt, wie man angesichts des berner münsters zwischen ehemals radikalen und gemässten reformierten debattieren würde.

in der tat: filme, wie der einfühlsame von peter von gunten über die ausgewanderten täufer wurden gezeigt; ein podium mit vertreterInnen der verschiedenen kirchen wurden geboten, informationsmöglichkeiten, verkaufstische und missionsstände hatte es, und selbst zu essen und zu trinken gabs für gross und klein. wer ganz zur täufergemeinde gehört, war auch für den vespergottesdienst im berner münster geladen!

die entstehung des täufertums

die entstehung des täufertums ist eng mit der reformation verbunden. in den 1520er jahren zerfiel die katholischen kirche an vielen orten und in viele richtungen. wittenberg und luther sind nur eine, wenn auch die erfolgreichste erscheinung der reformation. zwinglis zürich gehört ebenso dazu wie auch das täufertum.

anfänglich studierte man gemeinsam die bibel, und man diskutierte miteinander das richtige christentum. die gründung einer neuen kirche stand nicht im vordergrund; die refom der katholischen indessen schon.

doch schon bald kam die trennung. die reformatoren, an die wir uns heute erinnern, wollten einen neuen staat bauen und wiesen ihm und der kirche neue aufgaben zu. die täufer hingegen suchten die erneuerung der kirchgemeinden. sie waren volksfrömmig, nicht staatsfrömmig. sie lehnten kirchen mit pfarrern, hierarchien mit priestern ab. jedes mitglied der gemeinde sollte das christentum verkünden und aus der bibel vorlesen dürfen. voraussetzung war jedoch das individuelle bekenntnis zu jesus christus. aus dem folgerte man die erwachsenentaufe. einzeln oder in gruppen ging man hinaus in die natur, und liess man sich durch unter- und auftauchen in flüssen oder see in die gemeinschaft der christen aufnehmen.

die verfolgung des täufertums

leute wie zwingli begannen 1525 die täufer, die einer radikalen reformation anhingen, zu verfolgen; schon wurden die erste täufer als ketzer verurteilt und gerichtet. in der limmat ertränkte man führende täufer, andere wurden auf dem richtplatz geköpft.

1527 organisierten sich die verschiedenen täufer gemeinsam. in schleitheim bei schaffhausen erliessen sie ihre sieben artikel, welche die grundsätze des täufertums festlegten. die formierung zur eigenen kirche, mit eigene grundsätzen war angelegt, bevor sich die reformation in der eidgenossenschaft über zürich hinaus hatte ausbreiten können.

1534 eroberten militante deutsch täufer die stadt müster und hielten sie monatelang besetzt. hart griff die katholische kirche hier durch, schlug den aufstand nieder und brachte die rebellierenden allesamt um. Am kirchturm wurden die leichen der besiegten gezeigt! innerhalb der täuferbewegung führte das zur sammlung hinter dem niederländer prediger menno simons, der die täufer auf die gewaltlosigkeit verpflichtete.

dass die täufer keinen eid ablegen wollten, dass sie den kriegsdienst verweigerten und dass sie weltliche gerichte nicht anerkannten, machten sie für den bernischen obrigkeitsstaat, der im 16. jahrhundert entstand, zu eigentlichen staatsfeinden. kaum hatte die reformation in bern gesiegt, erliess man mandate gegen die einstigen mitstreiter. zwischen 1529 und 1571 wurden in bern zahlreiche todesurteile gegen täufer ausgesprochen und vollstreckt.

der aufschwung der täufer nach dem schweizerischen bauernkrieg liess die repression durch den obrigkeitsstaat wieder zunehmen. 1659 wurde die bernischen täuferkammer begründet, welche jagd auf täufer und ihre sympathisanten machte. geheime spitzel heuerte man an, die bis 1743 gegen kopfgeld die verdächtigen gemeinden aushorchten. Das zwang die täufer zu inneren emigration, bald auch zur äusseren! in mehreren schüben verliessen seit 1669 täufer bern, um in die pfalz, in die niederlande und in die neue welt zu gehen. dauerhaft blieben die täufer nur im emmental, und im jura, das noch zum fürstbistum basel zählte.

die absonderung des täufertums

unter dem einfluss des pietismus bewegten reformierte pfarrherren am ende des 17. jahrhundert die täufer zu einer annäherung an den reformierten glauben. das führt zu einer spaltung der täufergemeinden. die traditionalisten spalten sich unter dem ältesten jakob ammann von den mennoniten ab; sie werden die gemeinschaft der amische begründen.

die verfolgung, die auswanderung, die spaltung haben das täufertum nachhaltig geprägt. die rückkehr in die gesellschaft misslang auch nach dem sturz der patrizier mit ihrem orthodoxen protestantismus. selbst zur ähnlich gesinnten erweckungsbewegung der 1820er jahre, die in der französischsprachigen schweiz ihren ursprung hatte und in den bernisch gewordenen jura ausstrahlte, fand man den anschluss nicht. die liberale verfassung des kantons von 1831 nützen die täufer, um sich ziemlich unverändert als freikirche zu etablieren. Was 300 jahren zuvor geschehen war, wirkte unvermittelt nach!

das podiums auf dem münsterplatz

für das täuferjahr 2007, das kein jubiläum für nichts ist, hat man seitens der kirchen versöhnung angesagt. die reformierten pfarrerinnen auf dem münsterplatz geben sich offen für neue gläubige. doch die drei vertreter der täufer reagieren zurückhalten. die erwachsenentaufe bleibt das kernstück des glaubensbekenntnis in der täufergemeinden; und sie passt bis heute nicht ins weltbild der landeskirche. Seitens der täufer kritisiert man an ihr die hierarchie, die verstaatliche kirche, das delegierte bekenntnis. gelobt werden die täufer heute für ihren gewaltverzicht. die reformierten theologinnen anerkennen, das hier eine wichtige forderung für die friedensarbeit der landeskrichen gerade in freikirchen lange besser aufgehoben gewesen sei, – selbst wenn sich heute eine minderheit der täufer mit staat und armee längst arrangiert hat.

alles in allen ist man an diesem abend brav. die entscheidende frage stellte man nicht: sollen die täufer, die über lange zeit enteignet worden sind, entschädigt werden? wann wird dieser teil der geschichte aufgearbeitet, und wann wir man wissen, welche reformierte kirche im kanton bern mit geld der vertriebenen täufer gebaut worden ist? darauf hätte man eigentlich antworten erwartet, an diesem abend und vor dem münster!

mein und gottes wort zum samstag!

pepita habe ich schon lange nicht mehr getrunken. doch der verpflgungsstand der täufer auf dem münsterplatz bot das an, und ich habe zugegriffen. geschmeckt hat es nicht schlecht; es erinnerte mich aber an themen der jugendzeit seit meiner maturalektüre, die lessings „nathan er weise“ umfasste, liegen mir diese ziemlich fern. Auch wenn versöhnung angesagt war, die religiösen standpunkte blieben aus vergangenen gründen ziemlich unversöhnlich. wer sich so verhält, wird all die reformationen der kirche nie verdauen!

dass das am samstag nicht bis bis in alle nächte debattiert, hatte einen einfachen grund: das zu lang geratene podium wurde pünktlich um acht durch das glockengeläut aus dem münsterturm unüberhörbar unterbrochen! etwas schmunzeln musste ich schon …

stadtwanderer


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