der rebell

Juni 13, 2007 | 5 Comments

schuld an allem ist rebell.tv, der unkonventionellste blog, den ich kenne!


der jungbrunnen der politischen regeneration, der eigentlich überall in der schweiz stehen sollte (foto: stadtwanderer, anclickbar)

***

schon in der bahnhofunterführung geht es um freiheit: “free erdogan” ist
erste politische botschaft beim eintritt ins dorf.

auch die ortsgeschichte fakelt nicht lange: die römerbrücke aus dem 2. jahrhundert erwähnt sie, um dann gleich ist 9. jahrhundert zu springen: dem nahe gelegenen kloster sei man geschenkt worden. danach scheint es in der abhängigkeit nichts mehr erwähnenswertes zu geben, – bis 1798, dem jahr der befreiung von der lokalen aristokratie.

rebellisch war man hier, als die franzosen in die schweiz einmarschierten. begrüsst hat man sie mit dem aufgestellten freiheitsbaum!

damals wusste man, warum man politisierte: die zeit der untertanenverhältnisse sollte so schnell wie möglich vorbei sein. keine abgaben mehr wollte man mehr leisten. nicht mehr ausgeschlossen wollte man sein von entscheidungen.

die freiheit war es, wonach man dürstete.

***

ich bin zum vortrag eingeladen. über die wahlen 2007 soll ich sprechen. ich rede vom kommende ende der bi-polarisierung. nur gegen rot-grün zu sein, um svp zu wählen, verfängt nicht mehr im gleichen masse, analysiere ich. und nur gegen christoph blocher zu sein, um für eine stimme der sp zu werben, ist heute auch zu wenig. abgrenzen reicht nicht mehr, ist meine botschaft! man wolle wieder vermehrt wissen, wofür sich die kandidaten einsetzen, für was die politischen parteien stehen.

die anwesenden im restaurant traube – die meisten sind lokale unternehmer, gewerbler, angestellte der öffentlichen verwaltung – schauen gebannt auf den 21. oktober 2007:

wer wird gewinnen, wollen sie wissen.
ob christoph blocher bleiben wird, interessiert sie.
wie das wirtschaftswachstum das wahlverhalten beeinflusst, fragen sie nach.
und wo sich neue politische nischen öffnen, möchten sie an diesem vorabend erfahren.

schliesslich kommt man zu wesentlichen: dem faktor mensch in politischen entscheidungen: welche rolle spielt der kandidat bei parteientscheidungen?

ich weiss, das ist hier entscheidend. der kanton ist gross genug, dass sich ein pluralistisches parteiensystem etabliert hat. das ist gut! denn es gibt verschiedenartigen menschen eine wahlchance. der kanton ist aber nicht so gross, dass man die übersicht über die bewerbungen für den nationalrat verliert. auch das ist gut, denn sonst spielt nur der mitteleinsatz in der imagebildung eine rolle.

ich rede, so gut ich kann. ich gebe, soviel ich weiss. aber ich bin abgelenkt, im versammlungslokal des restaurants traube.

***

mein blick wandert zum fenster, auf den rathausplatz! denn ich glaube, seine stimme zu hören. es ist der 21. oktober 1830. es muss schrecklich gegärt haben im ort. die jahrhunderte dauernde leere der geschichte auf der ortstafel verdichtete sich an diesem abend zur rebellion.

aufgebracht war man!
veränderungen wollte man!

fragen gabe es auch damals viel, aber man stellte sie nicht mehr. man war bereit zu handeln!

***

ich rede davon, dass die voreingenommenheit der politik und der medien sei zu ende. vielleicht ist es auch nur ein hoffnung, aber die stirbt bekanntlich zuletzt.

die leute seien wieder offener, zuversichtlicher, sage ich. sie wüssten um die probleme der gegenwart. und sie wollten hierzu von der politik lösungen bekommen haben.

emotionen seien in der ausländer- und in der ökologiefrage angesagt; da wisse eindeutig man, wenn man wählen wolle. grün oder svp.

doch habe man gelernt, dass das wenig bringt, wenn es um soziale sicherheit, bekämpfung der arbeitslosigkeit und kosten im gesundheitswesen geht. schwarz – weiss versage da. vielmehr wolle man die parteien hören, und dann wolle man von ihnen zusammenarbeit. kooperationsfäöhigkeit, nicht abgrenzungswille seien in der kommenden legislatur gefragt. denn niemand hat in diesem fragen alleine überzeugt!

in sachfragen habe die liberale wende schon längst stattgefunden, fahre ich fort. die schweiz habe 2005 in einer volksabstimmung dem liberalsten stammzellenforschungsgesetz europas zugestimmt; weil man aufeinander zugegangen sei, einwände gehört und berücksichtigt habe, ohne das ziel aus den augen zu verlieren. das sei die lösung.

die liberale wende werde im herbst keiner partei alleine nützen. liberale gäbe es vielerorts. heute differenziere sich das liberale lager in ein sozialliberales zentrum, in eine rechtsliberale und eine ökoliberale strömung. gerade die umweltfrage werden unter liberalen kontrovers diskutiert, genauso wie die öffnung zum globalen markt! man vertraue aber gemeinsam in die weisheit von lösungen, die zivilgesellschaft erarbeitet und getragen würden.


erinnerung an den held der weinfelder geschichte: thomas bornhauser, pfarrherr (foto: stadtwanderer, anclickbar)

***

er hatte handfestere probleme vor augen, als er erstmals seit der französischen besatzung von 1798 das volk zwischen rathaus und traube versammelte. er selber war an diesem oktobertag 1830 31jährig. und er war ausgebildeter theologe.

seine familie war zwar angesehen, aber verarmt. das geld für ein studium hätte nie gereicht. zusammengestanden sei man im dorf. die wenigen wohlhabenderen bürger hätten die studiengebühr gemeinsam aufgebracht; örtliche selbsthilfe wies ihm den weg ans carolinum in zürich.

als pfarrer wirkte er in einer anderen gemeinde. aber die beziehungen zu seinem heimatort gab er nie auf. er kannt den alemannischen dialekt, den man hier sprach. er kannte auch die sprache des volkes, zu dem er gehört hatte. und er brachte dieses weltbild in eine lokale zeitung. selbst volkstheater schrieb der pfarrer, um mit den bauern zu kommunizieren, um sie zu von seinem programm zu überzeugen, um sie für die rebellion zu gewinnen!

***

jetzt wird es tumultös. es bricht der 22. oktober an. nicht der von 2007, sondern der von 1830.

die ideen der zweiten französischen revolution, der liberalen, die im juli des jahres in paris ausgebrochen war, erfasst das ganze dorf. die menge auf dem rathausplatz wird zum politischen faktor!

öffentlichkeit will man; keine geheimräte mehr.
gewaltentrennung verlangt man; von den dorfkönigen auf ihren pfründen hat man genug.
direkte wahlen, in denen sich der volkswille äussern kann, erhebt man zum neuen prinzip; denn die ernennung von politikern sicherte immer nur die alte macht.
auch das petitionsrecht erkämpft man sich, um den behörden, die man selber bestellen wird, vorzugeben, was das politische programm sei.

“über die verbesserung der staatsverfassung” ist das traktat betitelt, das hier entstand und die rebellische volksbewegung inspirierte.

zum ehrenmitglied des grossen rates erhob ihn das volk deshalb – und die aristokratie gab nach! dass pfarrherren im parlament gar nicht zugelassen waren, scherte niemanden mehr. man war jetzt ganz auf erneuerung aus. regeneriert werden sollte die sklerotische politik.

doch sein weg in die politik war hart. es wurde missachtet, man drohte ihm. sogar nach dem leben trachtete man ihm!

das aber war definitiv zuviel. jetzt redigierte das volk erstmals selber seine verfassung! es wartete nicht mehr auf einen befeier wie napoléon. es brauchte auch keine tanzenden diplomaten, wie jene bei metternich, die politik nur deshalb betrieben, weil sie so ihre privilegien schützen wollten.

jetzt wollte man freiheit! das volk sollte definitiv aus der knechtschaft entlassen werden. dafür war man revolutionär!

aber nicht doktrinär. offen für neues war man, offen für veränderungen wollte man werden, offen für den fortschritt, der allen zu gute kommen sollte.

man setzte die eigene verfassung, die von ihm in diesem geist geschrieben worden war, in kraft!

***

ich werde verdankt. der vortrag scheint gefallen zu haben. ich erhalte einen blauburgunder aus der region, das gefällt. und ich bekommene ein käse, “bonaparte” steht oben drauf. weiter so, denke ich mir!

beides schmeckt noch am gleichen abend gut, an dem ich über geschichte und gegenwart nachdenke …

***

zwischen der traube und dem rathaus steht heute ein brunnen. das wasser fliesst ununterbrochen, als wollte es sagen: “ich bin der ewige jungbrunnen!” darauf steht heute eine statue aus stein, als wollte sie sagen: “und ich bin der garant für die dauerhafte erneuerung!”

ganz unten ist eine tafel angebracht, mit der man ihm für seine grossartige tat in weinfelden dankt: ihm, thomas bornhauser!


der stadtwanderer in ungewohnter umgebung in voller aktion (foto: stadtwanderer, anclickbar)

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ich wiederum, danke den veranstaltern, mich eingeladen zu haben, – und ich danke rebell.tv, mich an die geschichte von thomas bornhauser, den grossen politiker aus dem thurgauerdorf, erinnert zu haben.

es machte spass, gleichzeitig zu arbeiten und zu sinnieren!

stadtwanderer
(im thurgau)

die sichtweise des thurgauer tagblattes


Comments

5 Comments so far

  1. stadtwanderer on Juni 14, 2007 07:58

    lieber wanderkollege,
    herzlichen dank für deine netten worte. sinniere ruhig weiter …

  2. Wanderer von Arlesheim on Juni 13, 2007 22:26

    Ein grandios gestrickter Beitrag. – Es macht Spass, hier zu lesen und sich zum Sinnieren verleiten zu lassen (um zu zitieren ..)! Man dankt!

  3. /sms ;-) on Juni 14, 2007 08:55

    zu viel der ehre. ich beantrage eine zweite begegnung vor der kamera ;-) stand letzte woche vor deiner tür. habe aber einen stock über dir geläutet: http://blog.rebell.tv/p4221.html

  4. stadtwanderer on Juni 19, 2007 21:18

    danke,litscher, für die ergänzung. es war mit schon bewusst, dass thomas b. anderswo pfarrer war! dennoch, die liberale volksbewegung hat er in seiner heimatstadt weinfelden ausgelöst.

  5. litscher on Juni 16, 2007 20:26

    Kleine Ergänzung: Als Pfarrer wirkte Bornhauser u.a. in Arbon TG. Vor der reformierten Kirche auf dem Bergli wurde ihm ein stattliches Denkmal errichtet: http://flickr.com/photos/litscher/557464236/ (Photo). Gleich daneben wurde sogar eine Strasse nach ihm benannt: http://flickr.com/photos/litscher/557464246/ (Photo).

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