er war der unüblichste stadtadelige berns. vielleicht ist er deswegen hierzulande in vergessenheit geraten. ganz zuunrecht, denn er ist der zweite gründer der stadt an der aare!


peter, earl of richmond, graf von savoyen (1203-1268), berns letzter schlossherr auf der nydegg

pierre de savoie

der kleine pietro wurde 1203 im lombardischen susa geboren. beatrice, seine mutter, war aus genf, thomas, sein vater, war aus chambery und graf von savoyen. pierre war ihr fünftes kind, und der hatte mehrere ältere brüder. deshalb wurde der junge nicht auf karriere am grafensitz vorbereitet, sondern nach lausanne in eine klerikerausbildung gesteckt.

bis zu seinem 31 lebensjahr verläuft pierre leben unspektakulär. doch dann kommt es zum grossen bruch: 1234 heiratet pierre agnès de fauciny, die einzige erbin des letzten freiherrn, der den savoyern südlich des lac lémans widerstehen konnte. eine erste empfehlung für den grafentitel hätte er damit geschaffen. die zweite weit wichtigere folgte 1240. der englische könig henry III. nutzte die rasch bröckelnde herrschaft im unteren rhonetal, um sich festzusetzen. auf der suche nach verbündeten auf seinem weg nach rom, steiss er auf den unüblichen piiter, den er nach london einlud. der savoyer entschied sich, als einer der drei wichtigsten berater in die dienste englands zu treten, und wurde umgehend zum earl of richmond gemacht, was ihm ein grosses vermögen bescherte.

das viele geld, der er im englischen richmond gemacht hatte, investierte pierre nun dort, wo er einst als kleriker gewirkt hatte: in den pays de vaud. bis heute dürfte er der grösste wirtschaftsförderer auf dem waadtländer plateau gewesen sein. zajlreiche burgen wurden gebaut und mehrere städte entstanden. pierre selber residierte in dieser zeit in moudon, das er zum zentrum für militär und verwaltung des waadtlandes erhob. sein eigentliches prunkstück ist die stadt yverdon, mit dem mächtigen schloss, das pierre durch englische architekten erbauen liess. damit signalisierte auch seine absicht: denn von yverdon aus konnte man direkt auf der wasserstrasse nach london fahren.

berns zweiter stadtgründer

1250 starb kaiser friedrich ii., 5 jahre zuvor, war er vom papst aus der kirche gebannt worden. der zerfall des reiches im rhonetal war fortgeschritten, und wirkte sich nun auch auf das mittelland aus. pierre im westen und die kyburger grafen im osten übernahmen des szepter vor ort. dreh- und angelpunkt wurde die herrschaft über bern. das hatte pierre, der aufgrund seiner englischen erfahrung stark in territorialen kategorien dachte, sofort begriffen. die aversion der reichsstadt im ehemaligen burgundischen königreich gegen die südschwäbischen grafen von kyburg nutzend, erhob er sich 1255 zum neuen stadtherrn von bern.

sofort machte sich pierre, earl von richmond und seignieur de moudon an die erweiterung der kleinstadt. der raum zwischen dem heutigen zytgloggenturm und dem jetzigen käfigtrum wurde der stadt erschlossen. pierre liess auch erste stadtmauern bauen, – eine idee, welche die zähringerhändler nie gegehabt haben. und er baute die fähre an der nydegg zur ersten brücke der stadt an der aare aus. selber residierte er eine weile auf schloss nydegg, an der stelle, wo heute die nydeggkriche steht und wo erchtold von zähringen, der erste stadtgründer, vorübergehend gelebt hatte.


die grafschaft savoyen zu zeiten peters im 13. jahrhundert: territorial erstreckte sich savoyen nie bis bern, herrschaftlich schon! (anclickbar)

graf von savoyen und stellvertreter von könig richard im reich

die geschichtsschreibung behandelt dies zeit nach 1254 im gefolge friedrich schillers gerne als die schreckliche, die kaiserlose. das trifft nicht ganz zu. das reich hatte stehts einen könig, seit 1237 sogar zwei oder drei. doch stammten sie nicht aus dem einheimischen adel, sondern aus holland, aus kastilien oder aus england. 1257 wurde richard von cornwall, der bruder des englischen königs, deutscher könig. häufig hier er sich nicht im reich auf, was jedoch nichts besondere war: auch friedrich II. war selten meist in sizilien oder sonst wo im mittelmeerraum gewesen.

zu den wichtigsten vertretern richards im südöstlichen raum des reiches avancierten nun die savoyer, und pierre ganz besonders. 1263 verliess pierre england definitiv, um als 60jähriger die nachfolge seiner verstorbenen neffen bonifatius als graf von savoyen anzutreten. bis zu seinem tod am 17. mai 1268 war er es, der zwischen turin, bern, bresse und champery den ton angab.

le petit charlemagne

die völlig ungewohnte karriere, die ihn vom kleriker zum grafen, vom kirchlichen stellvertreter zum militärischen machtmenschen führte, trug comte pierre II. de savoie den übernamen ‚le petit charlemagne‘ ein. wie karl der grosse schuf er in einem leben ein reich, das auf militär und kirche basierte. wie der kaiser im 9.jahrhundert, realisierte auch pierre im 13. jahrhundert eine straffe reform seines reiches. die adelige sammelsurium aus selbständigen seignieurs unter einem grafen und einem kaiser ersetzte er durch sein system, mit einem vogt in moudon und kastlanen an den wichtigen orten, die, von ihm bestimmt, und von ihm auch absetzbar, die macht ausübten. und wie der grosse karolinger in europa, so begründete der kleine savoyer in der waadt ein gemeinsames bewusstsein. die aufstrebende wirtschaft, der bau von schlössern und städten rund herum liessen den hinterhof des arc lémanique zum begehrten durchgangsgebiet zwischen rhone und rhein werden.

wie auch bei karl gelang die institutionalisierung der macht, die vom charismatischen gründer ausging, nicht vollständig. pierre jüngerer bruder, philipp, nachfolger im grafenamt, hatte nicht das gleiche format wie der kleine karl der grosse. er hielt sich bis 1285 nur knapp im waadtland, und musste die habsburger bis nach payerne vordringen lassen. nach seinem tod verselbständigten die savoyer die waadt gar zu einer eigenen grafschaft. die berner schüttelten in dieser zeit die herrschaft savoyens über ihre stadt ab. als sichtbares zeichen dafür demolierten sie die burg nydegg, auf der die zähringer und er savoyer residiert hatten, und bauten damit die stadtmauern fertig.

pierre war also nicht nur der zweite stadtgründer berns. er war auch der letzte schlossherr in der stadt an der aare. in verschiedenen schritten, 1339 in laupen, 1476 in murten und 1536 in lausanne sollten die berner das werk, das pierre in der waadt aufgebaut hatte, übernehmen, bis auch sie 1798 von napoléon gestürzt wurden, und pierre de savoie neben der guten königen berta von burgund zu der vorbildfigur des jungen kantons waadt erhoben wurde. anders als in bern denkt man auf dem waadtländer plateau noch heute an den ganz unüblichen kirchenmann, feldherrn und savoyer grafen.

stadtwanderer

Quelle: Pierre II de Savoie. „Le petit Charlemagne“, Etudes publiées par B. Andenmatten, A. Paravincini Bagliani und E. Pitbiri, Lausanne 2000


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