statt augen

August 13, 2007 | 6 Comments

zu den üblichen kennzeichen einer stadt zählt ihre anonymität. im dorf kennt jede(r) jede(n). in der stadt hingegen kann man nicht sein, ohne jemanden zu kennen oder ohne erkannt zu werden.

glaubt man jedenfalls. in der stadt erkennt man einen, auch wenn man einen nicht kennt. die augen sind auf einen gerichtet, unscharf, unbewusst, doch nicht unbedarft. ich weiss darum.


augen einer stadt 1 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

wir glauben in der stadt unerkannt zu bleiben, unter anderem weil wir annehmen, unerkannt zu sein. unsere augen sind weniger deutlich auf andere gerichtet, die uns beobachten könnten. es funktioniert der mechano, der automatischen kontrolle, die am rande unseres bewusstseins ist.

wenn man eine gute weile ausserhalb einer jeden stadt war, wird einem erst wieder bewusst, wie unsere eigene einstellung, dass man uns in der stadt nicht erkennt, trügerisch ist. die automatisierte gewohnheit ist verschwunden, und man reagiert wieder viel sensibler auf jedes auge. da macht einem bewusst, wie oft man beobachtet wird.


augen einer stadt 2 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

doch sind es nicht nur die augen der lebenden, die uns beobachten. es sind auch die augen derjenigen, die nicht leben, die uns beobachten.

die augen der bilder.
die augen der plakate.
die augen der werbung.
die augen der fotos.
und die augen der kunst.


augen einer stadt 3 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

sie sind bisweilen direkt auf uns gerichtet. es hat augen, die fixieren einem förmlich. andere wiederum locken sie, machen an, sind sie verführerisch. schliesslich hat es ausgesprochen diskrete blicke, die man fast übersehen würde. frauen, männer, kinder, tiere, sie alle schauen uns die ganze zeit an.

einladend.
herzhaft.
kampfbereit.
verträumt.
liebevoll.
eindringlich.
scheu.
fordernd.
aufmerksam.
frech.
weltschmerzend.
unverbindlich.
dominant.
fragend.
kontrollierend.
wachend.
entgegnend.
beschützend.

die augen, die nicht leben, können sich nicht bewegen. das stimmt, und trifft ihre wirkung doch nicht ganz. gerade in der city hat so viele augen, die nicht leben, sodass man den eindruck hat, stets von jemand anderem beobachtet zu werden. es ist immer jemand da, und es ist immer ein anderer blick, der uns erreicht.


augen einer stadt 4 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

da ist man gerade froh, wenn man das gesicht auf dem bild erkennt. das hilft, die täuschungen zu sortieren. aha, das sind die augen von albert einstein, von che guevara, von buddha. oder von thomas, meinen früheren berufskollegen, der jetzt für erdgas wirbt. oder von naomi campbell, claudia schiffer oder michelle hunziker. selbst die werbung der mode- und parfümmarken bringt es fertig, eine bestimmte botschaft des auges, das nicht lebt, zu vermitteln. ich kann zwischenzeitlich den blick von chanel von jenem anderer düfte unterscheiden.

ich bin froh, dass diese augen nur vorgeben, etwas zu sehen, letztlich aber blind sind. sie merken sich nichts. deshalb wenden sie sich, wenn wir vorbei sind, auch an niemanden. sie erzählen nichts weiter. sie sind nur illusionen. sie sind die vermenschlichung der öffentlichkeit, die personalisierung der urbanen anonymität.


augen einer stadt 5 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

in ein paar tagen werde ich sie wieder kaum mehr merken, wenn ich bern spazieren gehe. ich werde um sie wissen, einzelne wahrnehmen, andere ausblenden. meine internen verdrängungsmechanismen werden wieder funktionieren. anders als jetzt,wo ich sensibilisierter bin, werde ich sie wieder ins unbewusste verdrängt haben.

doch dieser tage sind die symbolisierten augen meine nicht lebenden begleiterinnen in der stadt. es sind die stattaugen, die mich gegenwärtig beschäftigen, anstatt die augen.

stadtwanderer


Comments

6 Comments so far

  1. Herbert on August 13, 2007 11:06

    Das ist ganz spannend! Ich glaube auch, dass man abstumpft, wenn man überall beäugt wird. Das ist doch ganz natürlich. Ich werde mich das nächste Mal nach den Ferien achten, ob der Mechanismus funktioniert, den Du beschriebst.

  2. walter r. kopp on August 13, 2007 15:18

    augenblicke der stille
    kein wort fiel
    als sich ihre blicke trafen
    allein ihre augen
    eine augenweide
    sprachen tausend worte

    augen teilen mit, geben auskunft, erzählen geschichten,
    augen beschreiben unendlich lange kapitel aus den wesenheiten der menschen.
    selbst die augen, welche von plakatwänden blicken, sind sprache, kommunikation zwischen model und fotografInnen.

    augen können nicht schweigen, sie geben einblicke, lassen tief hineinschauen ins stimmungsbild eines jeden und wer nicht reden will, weil er seine aussage verweigert, seine augen sprechen weiter, reagieren, interagieren.

    augenpaare
    gesichter
    persönlichkeiten
    mitmenschen

    danke dem stadtwanderer für seine „augenvolle“ inspirationsquelle.

    p.s. dem interessierten leser sei der link adrian von bubenberg auf diesem blog empfohlen

  3. Marie-Anne on August 14, 2007 08:24

    Sehr einfühlsam, merci vielmals!

  4. Therese on August 18, 2007 08:32

    oooh, die auswahl der augen ist gut gelungen … von einigen bildern weiss ich sogar wo sie stehen. doch deer junge schnüssel in der mitte der vierten reihe ist mir ganz unbekannt.
    kann mir jemand helfen?

  5. Röstigraber on August 18, 2007 15:21

    Rutschiges

    Dramatisches hat sich in den letzten Tagen zugetragen. Die Bahnstrecke zwischen Bern und Fribourg ist unterbrochen, der Damm ist in den Röstigraben gerutscht. Die Titelseiten der Zeitungen waren voll von diesem epochalen Ereignis. Die Politik meldet sich zu Wort, das Wort Katastrophe fiel, auch die Wirtschaft leidet anscheinend, d.h. Kurse kommen ins rutschen und sogar der Humor kam gemäss diversen Zeitungsberichten an den Galgen.
    Doch seit kurzem Entwarnung. Allgemeine Erleichterung, die seit gut einer Woche unterbrochene Bahnlinie ist im Laufe der nächsten Woche wieder offen.
    Dem Röstigraben sei Dank, die abgerutschte Mergelschicht konnte darin stabilisiert werden. Auch den Politikern gebührt ein „merci“ für ihre Katastrophenwarnung, die verhindert hat, dass das eidgenössiche Gleichgewicht (l’équilibre conféderal) in den Röstigraben rutschte und dort für längere Zeit liegen blieb.
    Allerdings, aus der Sicht des Grabens hat der Rutsch durchaus auch positive Seiten. Plötzlich transportieren Busse aus Bern, Freiburg, Thun und Solothurn im Auftrag der SBB unter der Regie der Freiburger Transportbetriebe (TPF) die Bahnkunden über den Röstigraben. Die Chauffeure leisten einen enormen Effort, sie sind für diesen Einsatz bereit, die Kunden bestmöglich zufriedenzustellen. Der eine gab seinen freien Tag und kam zur Arbeit, der andere verlängerte seinen Einsatz, und so erreichten die meisten Kunden sicher ihr Ziel. Man spürt eine grosse Solidarität, auch unter den diversen Transportunternehmungen, die dem öffentlichen Verkehr beistehen, erklärte heute in der grössten bernischen Zeitung, Armin Poffet von den TPF.
    Was ein Rutsch doch so alles auslösen kann! In dem Sinne hoffe ich, dass die Augen des Stadtwanderers nach seinen lebendigen, bilderreichen Betrachtungen von Bern (ein Hochgenuss) ebenso genüsslich wieder einmal nach Fribourg rutschen bzw. schauen.

  6. stadtwanderer on August 18, 2007 22:59

    an therese
    jaja, den sieht man nicht auf anhieb. doch achte dich mal auf das plakat der antiraucherkampagne \\\\\\\"bravo\\\\\\\", die momentan über hängen. im linken teil des plakates hat es verschiedene porträts. der schnüggel ist eines davon.

    an röstigraber
    uiui, ist das eine einladung nach fribourg, ausschlagen könnte ich die natürlich nicht … ich hätte das sogar ein wunderschönes bilderbuch über den röschtigraben ausgegraben, das wir uns mal ansehen könnten!

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