also, ich war auf schloss tarasp. schon bei der anfahrt durchs unterengadin fängt es jeden blick durchs tal unübersehbar ein. und wenn man im schlossgarten steht, ist man überwältigt: hoch oben auf dem fels steht eines der schönsten schlösser der schweiz!

das tor ist rot-weiss gehalten. doch das sind nicht die farben der schweiz. es sind jene des östlichen nachbarn. der reichsadler über dem eingang verrät geschichte. und wer die nicht versteht, wird spätestens beim spruch im schloss „hie estereich“ aufgeklärt.

tarasp, schloss und gemeinde, kamen erst 1803 zum neu gegründeten kanton graubünden und damit zur eidgenossenschaft. die neue zugehörigkeit bekam dem schloss indessen schlecht. zu beginn des 20. jahrhundert war es herunter gekommen wie noch nie. dass es heute neu aufgebaut und ausgestattet vor uns steht, verdankt es im wesentlichen karl august ligner, einem genialen verkäufer von gesundheitsprodukten, der mit odol bekannt und reich geworden war und sein vermögen ins marode schloss tarasp investierte. nach seinem kinderlosen tod vermachte er es der adelsfamilie von hessen. doch die möchte das schloss baldmöglichst loswerden.

wer im schlosshof steht, gibt sich nicht mit der karl-august-ligner ausstellung zufrieden. es ist zur amüsant, dass ausgerechnet ein führendes mitglied des adac in einem gebiet ein schloss erwarb, wo das autofahren noch nicht erlaubt war. mit pferden hat man sein auto gezogen, weil es nicht erlaubt war, auf öffentlichen strassen benzinkarrossen zu starten. das belustigt den besucher, befriedigt ihn aber nicht. mehr will man sehen, am besten alles.

der eingang im schlosshof links führt an der mächtigen küche im hintergrund vorbei in den ersten stock. dort ist die ganze besitzergeschichte von 1040 bis 1916 festgehalten. wer voranschreitet, kommt in einen schönen saal, herrlich mit holz ausgeschmückt. die soldaten sollen sich früher hier ausgeruht und verpflegt haben. heute nimmt man hier eher ein gediegenes festessen ein. dahinter ist der burgfried, der älteste schlossteil, der aus dem 11. jahrhundert stammt. der fels ragt bis unmittelbar unter den fussboden. musikzimmer nennt man den raum heute, denn ligner hat hier eine orgel mit pfeiffen vom boden bis unters dach einbauen lassen, die, wenn man sie spielt, schon mal das ganze schloss erschwingen lässt. schade nur, dass die decke so schwer drückt. sonst würde man sich beim orgelspiel bald schon dem himmel nahe fühlen.

die dame des hauses, genauso wie der herr, hat nebenan ihre eigenen gemächer mit ausgebauten badezimmern und mit himmelbett. nur schon die kacheln an den wänden der waschräume sind ein vermögen wert. vom rest ganz zu schweigen. im frauenzimmer, das höher gelegen ist, werden die tugenden, die eine dame von rang haben muss, in der decke festgehalten. beim männerzimmer, tiefer liegend, fehlt das ganz. entweder hatten sie gar keine, oder man war sich nicht einig, was für die herrschaften wichtig war!

das alles ist aber erst nachträglich so prachtvoll, wie man es heute sieht, ausgebaut worden. denn das schloss diente nur in seinen anfängen als wirklicher sitz eines freiherrn. seit dem 12. jahrhundert hatte es eine aufgabe: eine wehrburg sollte das schloss sein. gegen unliebsame passanten im engadin, aber auch gegen die rätoromanische bevölkerung. man wandte sich hier schon mal gegen die churer bischöfe, die seit dem 6. jahrhundert im glauben lebten, einem gottesstaat ohne herrschaftsteilung vorzustehen, genauso wie man im schloss gegen die reformation und die täufer war, die gerade im engadin eines ihrer zentren hatte.

„unser schloss“, sagt uns der schlosswirt rudolf pazeller in sparsels, der uns in seinem chaste vorzüglich bekocht hatte, also er uns sein haus gezeigt hatte und sich vor der tür von uns verabschiedete. mit blick hinauf auf das schloss, verbesserte er sich: gehören würde es nicht uns selber, aber mit tarasp sei es seit menschengedenken verbunden. „die prinzen“, wie er die eigentümer in darmstadt fast schon nachbarschaftlich nennt, wollten ursprünglich 60 millionen für das schloss. das letzte angebot, nach langem zögern, steht immer noch bei 15 millionen.

aber auch die will niemand aus der gegend zahlen: der kanton nicht, der tourismus nicht und auch die bürger von tarasp nicht. die angst, es könnten russische magnaten das geld hierfür ausgeben, geht spürbar um in tarasp.

deshalb will nun eine stiftung das schloss übernehmen. stifter soll das schweizer volk werden. bald schon wird man jeden von ihm fragen: „hesch mer en föifliber!“ zusammen ergäbe diese bettelaktion die kaufsumme locker.

„ausgerechnet“, denke ich mit da. soll das steuergeplagte schweizer volk ein ehemaliges habsburger schloss erwerben? das will mir nicht so recht in den kopf!

werde mal rechnen, ob ich da in die bresche springen will und scheller als diese werbeaktion steht, zum abschluss kommen will, denn das wochenende im und ums schloss tarasp war wirklich wunderbar!

stadtwanderer

infos für interessenten am kauf oder an kultur


Comments

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  1. Walter R. Kopp on September 11, 2007 16:47

    Dem Grischun-Wanderer ein herzliches Dankeschön für seine originelle Wegleitung an heimliche Orte, wo er die Herumsuchenden mit virtuosem Geist und kundigem Blick auf historische und kulturelle Kleinode/Grosswerke hinzuweisen verstand.

    Eines bleibt noch nachzumerken: Obwohl von \\\\\\\"Google\\\\\\\" und \\\\\\\"Wiki\\\\\\\" assistiert, das \\\\\\\"öde Land\\\\\\\" gab sein Italo-Pseudonym nicht preis und mich ärgert noch heute, dass ich meinen \\\\\\\"Italienisch-Unterricht\\\\\\\" nur bei Signora Schruppatelli (Birgit Steinegger) belegt hatte.
    Vielleicht kann hier Signor stadtwanderer aushelfen. Gracie mille.

    P.S.
    Eine kleine Einführung ins Vallader:
    Unterengadinisch, Vallader: La vuolp d\\\\\\\’eira darcheu üna jada fomantada. Qua ha\\\\\\\’la vis sün ün pin ün corv chi tgnaiva ün toc chaschöl in seis pical. Quai am gustess, ha\\\\\\\’la pensà , ed ha clomà al corv: \\\\\\\"Che bel cha tü est! Scha teis chant es uschè bel sco tia apparentscha, lura est tü il plü bel utschè da tuots\\\\\\\".

    Rumantsch Grischun: La vulp era puspè ina giada fomentada. Qua ha ella vis sin in pign in corv che tegneva in toc chaschiel en ses pichel. Quai ma gustass, ha ella pensà , ed ha clamà al corv:\\\\\\\"Tge bel che ti es! Sche tes chant è uschè bel sco tia parita, lura es ti il pli bel utschè da tuts\\\\\\\".

    Deutsch: Der Fuchs war wieder einmal hungrig. Da sah er auf einer Tanne einen Raben, der ein Stück Käse in seinem Schnabel hielt. Das würde mir schmecken, dachte er, und rief dem Raben zu:\\\\\\\"Wie schön du bist! Wenn dein Gesang ebenso schön ist wie dein Aussehen, dann bist du der schönste von allen Vögeln\\\\\\\".

    Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Unterengadinische_Sprache“

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