bern, nydegg-brücke: auf der östlichen seite befindet sich das von werdt-denkmal, auf der westlichen das einschussloch einer kanonenkugel in ein haus. das alles erinnert an ein krieg, an einen bürgerkrieg, der heute vor 205 jahren sein vorläufiges ende nahm.


zweimal stecklikrieg: links das von werdt-denkmal, der erinnerungsort der konservativen deutung auf der ostseite der nydegg-brücke, rechts das einschussloch (rechte obere ecke) der kanonade von bern, mit der progressiven deutung auf der westseite derselben brücke (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

1798 besetzten die französischen truppen die alte eidgenossenschaft. in einem kurzen, aber heftigen krieg, der im wesentlichen in bern und in der innerschweiz ausgetragen worden war, räumten sie mit den alten oligarchien in den verschiedenen orten auf. die franzosenfreunde, die sich patrioten nannten, kamen an die macht. doch sie hielten sich nur so lange, wie die französischen truppen sie und die neu geschaffenen institutionen schützten.

auf betreiben englands zog napoléon bonaparte nach der unterzeichnung des friedens von lunnéville 1802 seine truppen aus der helvetischen republik ab. die hoffnung, hier eine musterrepublik nach seinen vorstellungen schaffen zu können, hatte er längst aufgegeben. zu zäh erwiesen sich die beharrenden kräfte, zu schwach die revolutionären.

der re-aktionäre aufstand gegen die franzosen-herrschaft

im august 1802 erhoben sich die alten landsgemeindeorte der innerschweiz gegen die franzosenfreunde. der versuch, sie durch eigene truppen millitärisch zu bezwingen, scheiterte kläglich. die nidwalder siegten. die schlecht motivierten helvetischen truppen versuchten in der folge, das ebenso aufständische zürich zu bekämpfen. doch damit hatten sie kaum mehr erfolg als in der innerschweiz. vielmehr mobilisierten sie die föderalisten im halben mittelland. die marschierten jedoch nicht auf zürich, sondern gegen bern. auf der schosshalde bezogen sie stellung: zuvorderst die bauern, dahinter die patrizier, und zuhinterst die englischen agenten.

am 18. september 1802 kam es zur militärischen entscheidung bei der nydegg-brücke. die stadt wurde von den aufständischen mit kanonen beschossen. die helvetische regierung wankte. die heissporne auf der anderen aareseite stetzen zum sturm auf die stadt an, doch stiessen sie auf gegenwehr.

im darauf folgenden gefecht sollten schliesslich die aufständischen siegen, wenn auch nicht bedingungslos. die helvetische regierung signiert am gleichen abend eine militärische kapitualtion. man erreichte jedoch eine geschützten abzug des helvetischen direktoriums nach lausanne, wohin sich auch die franzosentreuen fribourger und waadtländer zur verteidigung der helvetischen republik zurückgezogen hatten.

die macht östlich von und in bern übernahmen mitte september wiedere die altgesinnten. überall formierten sich landsgemeinden, welche die alten vorrechte beschworen und die 1798 abgesetzten kantonsregierungen wieder einsetzen. sie wiederum versammelte der schwyzer landammann alois von reding, der die abgeschaffte tagsatzung nach altem vorbild neu begründete.

die innere polarisierung des landes

schwyz und lausanne, das waren im herbst 1802 die orte, von denen aus die polarisierung der untergehenden helvetischen republik vorangetrieben wurde:

alt- und neugesinnte standen sich gegenüber.
föderalisten bekämpften zentralisten.
das land stand gegenüber der stadt.
und deutschschweizer bekämpften die romands.

just an der sprachgrenzen trafen ihre truppen anfang oktober nochmals aufeinander. zwischen murten und pfauen für deutschsprachige, entre morat et faoug pour les romands, setzte es die definitive entscheidung ab, welche die föderalisten für sich gewannen!

zwei gegensätze erinnerungsorte in bern

in bern gedenkt man auf zwei arten diesem bürgerkrieg. aus konservativen sicht: die abgesetzten patrizier, die in sukzessive in die stadt zurückkehrten, setzten rudolf von werdt, dem jungen leutnant, der beim angriff auf bern sein leben verlor, ein denkmal. es steht östlich der nydegg-brücke. sie waren es auch, die dem bürgerkrieg nachträglich den verharmlosenden namen „stäcklikrieg“, „guerre des batons“ gaben, was suggerieren sollte, man habe das helvetische direktorium nur mit heugabeln ausgerüstet, gestürzt. die progressiven wiederum, ganz auf der seite der franzosen, deren sympathisanten ihrerseits abgesetzt worden waren, beliessen die einschüsse in die wache am unmittelbaren westende derselben nydegg-brücke. selbst bei der hausrenovation in den 50er jahren des 20. jahrhundert verdeckte man ein einschussloch nicht. bis heute kommuniziert es, dass der stecklikrieg nicht nur mit holzknüppeln als waffen geführt wurde.

wer auf der nydegg-brücke über die aare geht, wird so daran erinnert, dass die geschichte der sieger nicht die der verlierer ist. das hat beispielsweise friedrich schillers in seinen schweizbetrachtungen übersehen. denn der weimarer literat, der nie in der schweiz war, liess sich einseitig von der kraft der konservativen aufständischen beeindrucken, als er in ihrem sinne seinen „wilhelm tell“ verfasste.

ich halte mich da lieber an den unverklärten begriff „bürgerkrieg“ den es kämpften eidgenossen gegen eidgenossen. und ich vergesse nicht, dass man in zwei richtungen über die nydegg-brücke wandern kann.

von west nach ost zum von werdt-denkmal, und
von ost nach west zu kanonierten wache.

so ändert sich auch die jeweilige perspektive auf die auseinandersetzung, die in bern am 18. september 1802 ihr ende nahm.

stadtwanderer
18. september 2007


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