niklaus friedrich von steiger war der letzte schultheiss der augsburg. da er tapfer auf englischer seite gestanden hatte, liess der geheimdienst des englischen könig jetzt auch noch sein privatarchiv konfiszieren. bern, seine vaterstadt, hatte gar nichts mehr von ihm, dem einst so wichtigen und stolzen avoyer!

1803 musste napoléon bonaparte persönlich zwischen den neu- und altgesinnten, den französischen patrioten und den englischen royalisten in seiner helvetischen republik vermitteln. der konflikt liess sich zwar noch einmal von oben mediatisieren. doch hatte das seinen preis: die patrizier konnten in ihre städte und dort in ihre alte stellungen zurückkehre.

selbst der tote niklaus von steiger, der ein leben lang für das alte bern gestanden war, wurde repatriiert.


quelle: kurt von steiger: schultheiss niklaus friedrich von steiger (1729-1799). ein leben für das alte bern, bern 1976

die grossdemonstration in der berner altstadt

es war der 17. april 1805. auf antrag der stadt bern war niklaus friedrich von steiger gut fünf jahre nach seinem tod in augsburg exhumiert worden. mit grossem aufwand hatte man ihn nach bern transportiert, wo er erneut beigesetzt werden sollte. die schultheissengruft, seit dem 15. jahrhundert die letzte ruhestädte von adrian von bubenberg, dem stolzen schlachtensieger in murten, wurde dafür sogar geleert. sie sollte hinfort (und bis heute) dem schlachtenverlierer von steiger gehören.

ein grosser umzug durch die stadt formierte sich an diesem tag. über 900 personen, ein zehntel der damaligen stadtbevölkerung nahm am letzten geleit für den toten schultheiss teil.

selbst eine menge landvolk war an diesem tag in die stadt gekommen. deputierte der benachbarten kantone waren geladen, und die würdenträger thuns hatten sich mit ihnen auf dem theaterplatz aufgestellt. sie alle wollten dabei sein, wenn man den sarg mit den verwesenden überresten des grossen vorbildes ins münster tragen sollte.

vom theaterplatz zum münster

um 10 uhr setzte sich der zug vom gesellschaftshaus ober-gerwern am theaterplazt in bewegung. voraus liefen die offiziellen. die trugen die traditionsreichen standesfarben, – und sorgten für respekt auf berns gassen. ihnen folgten die kleinen knaben aus den besseren familien samt ihren lehrern aus den erziehungsanstalten. sie umgaben der sarg, getragen von 24 asugewählten jünglingen der stadt. danach schritt die verwandtschaft durch bern, gefolgt von der geistlichkeit aus der stadt und vom lande. den abschluss des offiziellen teils bildet das offizierskorps, zusammengestellt aus den befehlshabern aller gattungen.

wer darüber hinaus mit der familie von steiger verbunden gewesen war, schloss sich nun dem trauerzug an. wiederum kannte man eine strenge ordnung: die burger zuerst, die einwohner danach, und taglöhner der familie zuletzt.

vom theaterplatz ging es beim zytgloggenturm vorbei die obere gasse hinunter. bei der kreuzgasse bog man nach rechts ab. und vor dem münster wandte sich der ganze zug nochmals nach rechts. erst auf dem münsterplatz wandte man sich nach links, denn dort wartete der stadtrat, um die imposante gesellschaft in empfang zu nehmen.

noch war das münster geschlossen, fast so, als wollte es sagen, wie lange und sehnlichst es auf seinen verstorbenen sohn hatte waren müssen.

als sich die türen des münsters öffneten, waren die frauen gehalten, die bänke in der mitte einzunehmen. die männer füllten die seitenschiffe und die kappellen der stifter aus dem 15. jahrhundert.


der weg des trauerzuges für den schultheissen niklaus friedrich von steiger, teil 1 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

das politische am begräbnis von steigers in bern

als letztes wurde der sarg ins münster getragen. langsamen schrittes ging man durch die mitte der kirche auf den chor zu. ganz vorne, auf einem katafalk, der mit leuchtern erhellt war, wurde der letzte schultheiss aufgebahrt. alle, die im münster waren, sollten seinen sarg ein letztes mal sehen und bewundern können!

dann ertönte requiem von mozart; es füllte das münster mit emotionen. die eifrigsten sänger und sängerinnen der stadt stimmten ein, um den grossen raum mit ihrer stimme zu füllen. ein würde- und kraftvoller war diese rückkehr des schultheissen auf seines vaters erde.

heute würde man sagen, das sei eine poltische manifestation erster güte gewesen. damals getraute sich aber kaum jemand mehr das im bern auszusprechen. denn tout berne, das altgesinnt geblieben war, holte 1805 zum grossen gegenschlag aus. die aktionen der revolutionäre in der stadt, die seit 1798 im französischen geiste den ton angegeben hatten, sollten nun definitiv der vergangenheit angehören.

die reaktionäre sollte wieder regieren!
die freiheit der privilegierten sollte wieder ihre gültigkeit haben! die gleichheit sollte wieder auf die jene mit herkunft beschränkt werden!
und auf brüderlichkeit, wie es die pariser revolution gefordert hatte, sollte man ab sofort wieder ganz verzichten!

macht vor recht! kraft vor rücksicht! einheit vor vielfalt!, das alles sollte die neuen losungen sein, welche die geschicke der stadt und des cantons bern prägen sollten.

doch der letzte aufklärer spielt nicht mit

doch einer hatte das ganze durchschaut: johannes ith, ein aufgeklärter theologe, der geistige vater der patrioten im französischen sinne, war immer noch dekan der akademie. und an ihm war es traditionsgemäss, die lobrede für den verstorbenen zu halten.

ith wusste, dass das hier kein normales leichenbegräbnis war, auch nicht das eines der vielen stadtherren. ihm war klar, dass das die politische wende in seiner stadt symbolisieren würde!

doch er blieb standhaft. er verleugnete seine ideal trotz des überwältigenden druckes in der bevölkerung nicht. er hielt mit kritik an der wieder erstarrten stadt in seiner lobrede auf den zurückgekehrten schultheissen nicht zurück. diesen verabschiedete er zwar in ehren, aber auch als repräsentant eine zeit, die keine zukunft haben würde.

die trauerschäfchen waren geschockt. einer, der durch sie zu amt und würden gekommen war, sollte sie ausgerechnet in dieser stunde der rückbesinnung verraten!

unmut kam in dem zum bersten gefüllten münster auf. trotz strengsten vorschriften zum verhalten während der trauerfeier standen die ersten auf, um sich zu empören. einzeln verliessen gar die kirche, um vor den türen über den dekan schimpfen. viel zu viel habe der akademiker gesagt! viel zu lange habe der professor gesprochen! und stillos sei der revoluzzer gewesen, hörte man auf dem münsterplatz.

den staatsakt für die verbreitung seiner politischen botschaft missbraucht zu haben, das haftete johannes ith nach diesem tag in seiner stadt unwiderruflich an.


der weg des trauerzuges für den schultheissen niklaus friedrich von steiger, teil 2 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

die lange dauernden folgen der demonstration

johannes ith sollte recht bekommen. 1805 kehrte mit dem toten schultheissen der geist der vorrevolutionären gesinnungen nach bern zurück.

karl ludwig haller, der reaktionär und royalistisch gesinnte denker der stadt, gleichzeitig auch der indirekte nachfolger iths an der neu begründeten akademie, sollte der europäischen epoche von 1815 sogar den bis heute gültigen namen geben. die zeit, die die erst im revolutionären 1848 endete, heisst unverändert „restauration“.

genau die restauration, deren geist am 17. april 1805 in der berner altstadt ihren anfang nahm.

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. H. Anna on Oktober 5, 2007 22:12

    Ja, die Restauration kehrt auch heute wieder überall zurück. Es ist mir fast schon unheimlich in Bern, in der Schweiz!

  2. Adelheid on Oktober 6, 2007 18:58

    Hm… liebe/r H.Anna das kommt mir auch so vor. Die gerufenen Geister kommen. Wer ruft wem… wem nützt es am meisten… wem schadet es… wer durchschaut das \\\"6.oktober07spiel\\\" … gibt es einen Geheimplan?

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