was für eine reihenfolge:

„Urs R. Behnisch über das Bundesgerichtsurteil zum degressiven Steuertarif –
Bundesanwalt Erwin Beyeler über die Veröffentlichung der GPK-Protokolle –
Claude Longchamp verdingt sich als Fremdenführer im Dienste der helvetischen PR-Agentur Präsenz Schweiz“,

titelte die „weltwoche“ in ihrer personenrubrik.

verwiesen wurde dabei auf meinen letzten ordentliche spaziergang als berner stadtwanderer im wahljahr. organisiert war sie von präsenz schweiz und der schweizer botschaft in wien. ziel war es, 10 führenden journalistInnen, zwei wochen vor der wahl einblick ins wahlgeschehen zu geben. um nicht nur bei der aktualität zu verweilen, wurde den gästen auch eine meiner demokratietouren als abendrundgang durch bern angeboten.

doch auch wir wurden von der aktualität eingeholt: „es sei ein schwarzer tag für die demokratie gewesen“, hatte ueli maurer am samstag davor den svp-umzug durch bern, der in den krawallen untergegangen war, kommentiert. das hat mich beflügelt, genau diese ereignis als zusatzstation in meine tour einzubauen.

der verbindungspunkt zwischen geschichte und gegenwart

der verbindungspunkt zwischen geschichte und gegenwart war die nyeggbrücke:

dort wo ich normalerweise über den stecklikrieg berichte.
dort, wo es um den aufstand der bauern geht, die unterstützt von den patriziern das alte regime wieder herstellen wollten.
und genau dort, wo die helvetische regierung kapitulierte, um sich geordnet nach lausanne zurückziehen zu können.

denn der ort ist auch das symbol für die moderne staatswerdung der schweiz: die absage an den zentral gelenkten stadt und zusage zum föderalismus, bestehend aus den kantonen und dem bund.

seinerzeit reagierte friedrich (von) schiller, der ausländische beobachter der schweiz, höchst erfreut, über den gegenrevolutionären sieg. die kraft der landleute, die von ihm ausging, beflügelte ihn, dem nationalmythos die bis heute nachwirkende form des mythos „wilhelm tell“ in form eines theaterstückes zu geben.

und genau vor einer solche remythologisierung der schweizer durch ausländische beobachter wollte ich warnen. denn wieder waren die bauern gekommen. diesmal allerdings angeführt von der svp-führungsriege. und wieder gab es zoff im nydeggquartier, dass die ausländische aufmerksamkeit so stark wie schon lange nicht mehr auf sich zog!

ganz anders als dies bei friedrich schiller der fall war, der notabene nie den schweizer boden betreten hatte, wollte mit der delegation höchst persönlich an den ort des geschehens gehen. und mit ihnen diskutieren.

auf den spuren der bgb/svp

auf dem klösterli-stutz stellte ich meine kleine journalsitInnen-truppe auf, vor dem von-werdt-denkmal, wo auch bcb zwei tage zuvor gesprochen hatte, erklärte ich den gästen die geschichte der svp: von der traditionellen bgb war zuerst die rede,

wie sie als berner bauernpartei gegründet wurde,
wie sie sich im zentrum positioniert hatte,
wie sie sich gegen sozialismus und kapitalismus abgrenzte,
wie sie zur regierungspartei im kanton aufstieg, und wie sie es schaffte, in die landesregierung aufgenommen zu werden, um die bürgerlichen reihen gegen links zu schliessen.

doch auch von der neuen svp, der nachfolgepartei der bgb, war sprach ich

die in die 80er jahre neu begründet wurde,
die im kanton zürich rund um christoph blocher entstand,
die mit eherecht, steuerstaat und autobusen vergeblich aktionsfelder suchte, und
die schliesslich 1992 in der frontstellung gegen den ewr und die europäische union ihre neue themenbasis für das nationalkonservative zielpublikum fand.

seither ist das in der schweiz eine erfolgsgeschichte, schloss ich meinen exkurs, der namentlich 1999 in den katholischen gebieten der schweiz zu neue wählerstimmen führte, und 2003 der partei auch in der romandie einen bisher unbekannten höheflug brachte. 2007 schloss ich, will die neue svp jetzt auch die meist von links her regierten städte erobern, und genau so symbolisierte sie auch ihren wahlkampftag vom 6. oktober des wahljahres.

dann gings, wie an diesem 6. oktober auch, den klösterli-stutz hinauf, beim bärengraben bogen wir rechts ab, überquerten wir die grosse aarebrücke, genauso wie die svp das zwei tage zuvor auch gemacht hatte. auf der höhe der nydegg-kirche blieben auch wir stehen, um einen moment inne zuhalten. das fast unbekannte schild, das genau dort aufgestellt ist, um die aufnahme der stadt bern ins unesco-welterbe zu dokumentieren, nahm ich für meinen zweiten exkurs zum anlass.

die problematik des zähringischen stadtgrundrisses für die gegenwart

es ging um den grundriss der zähringerstädte, der so schön und verändert wie in bern nirgends mehr zu erkennen ist, und eine der wesentlichen begründungen war, die stadt ins welterbe aufzunehmen. anders als die unesco interessiert wird uns für die polizeitaktischen konsequenzen dieses stadtgrundrisses. meist 23 meter ist die hauptgasse in bern seit 1191, und seit dem 15. jahrhundert nehmen die lauben noch etwas davon für sich in anspruch. die nebengassen sind noch viel enger, für den durchmarsch einer demonstration gänzlich ungeeignet. das alles weiss man eigentlich seit der stadtgründung, und seither kann man auch pläne schmieden, wie man den durchmarsch gewährleisten oder auch stoppen kann. jedem teilnehmenden an diesem abendspaziergang war klar: das kann nur durch die mitte gehen, und diese einbahn muss scheitern, wenn sich jemand gut organisiert entgegenstellt!

wusste die polizei nichts davon?
oder war das eine bewusste provokation?
hätte die konfrontation wirklich vermieden werden können?
hätte man den stadtumzug auf eine platzveranstaltung vor dem parlamentsgebäude reduzieren müssen?
was war die einschätzung der svp?
warum war bundesrat blocher dabei, nicht aber bundesrat schmid?

all diese fragen ergaben sich auf dem weiteren rundgang durch bern automatisch. und wurden von allen seiten her diskutiert.

die demokratiegeschichte der schweiz

fast wäre dabei der gewohnte stadtrundgang untergegangen. doch auch der gibt mit der entwicklung der demokratischen institutionen im 19. jahrhundert eine antwort. und so behandelte ich

die liberalen kantonsgründungen,
das bündnis der bürger und der bauern,
die radikalisierung der intellektuellen an den universitäten,
die gründung des bundesstaates als föderalistische republik mit einer repräsentativen demokratie,
die demokratische bewegung gegen die neuen barone in wirtschaft und staat, die institutionalisierung der referendumsdemokratie,
die machtbalance des freisinns mit der teilweisen teilweise integration der opposition,
die zulassung der volksinitiative zur verfassungsänderung,
der aufstieg der gewerkschaften und der sozialdemokratie,
die einführung des proporzwahlrechtes nach dem generalstreik und
die geburtsstunde der eben beschriebenen bgb.

damit war der bogen geschlossen. wir hatten den bundesstaat, das wahlrecht, die volksrechte und die vier regierungsparteien. doch jetzt brauchten wir noch die gesamtschau,um zu verstehen, unter welchen bedingungen das zusammengeht.

meine these zur schweiz von gestern und morgen

„ist die schweizer demokratie gefährdet, wie man an diesem tag in den zeitungen lesen konnte?“, wollte man von mir wissen. „nein“, antwortet ich, „die steht, wie in stein gehauen, … wenn man die einsichten, wie das politische system der schweiz funktioniert, nicht vergisst.“

und so war ich, wie immer, zu meiner these der stadtführungen zur demokratiegeschichte: die beiden bürgerlichen zentrumsparteien fdp und cvp, die ihre wurzeln im 19. jahrhunder haben, können nur im ständerat gemeinsam die mehrheiten bestimmen, im nationalrat sind sie schon lange einzeln und gemeinsam zu schwach. rechte und linke parteien, die im 20. jahrhundert entstanden, geben hier die themen vor und heute auch den ton an. 1959 führte man als ausgleich zwischen den kräften das regierungssystem ein, das auf der konkordanz basiert.

die plurikulturelle zusammensetzung der schweiz erfordert das.
die institution der volksrechte, die der opposition von fall zu fall breiten spielraum geben, veerlangt danach.
und genau dieser zwang hat der schweiz in der nachkriegszeit einen unvergleichlichen wirtschaftsaufschwung gebracht, der ohne inneren frieden nicht möglich gewesen wäre.

konsensdemokratie, wie sie bis in die 70er jahre gepflegt worden ist, braucht es hierfür nicht mehr; die vielfältige schweiz ist der einfältigen regierungsweise längst entwachsen. das heisst aber nicht, dass sie die prinzipien der konkordanz verlassen sollte: der wettbewerb der verschiedenen politischen kräfte bewahrt es vor einseitigkeiten und erstarrungen, – aber nur solange wie die grundprinzipien der konkordanz, der zusammenarbeit zum vorteil aller, gewahrt bleiben.

genau das diskutierten wir gemeinsam auf jenen plastersteinen an der kramgasse, die zwei tage zuvor so oft fotografiert wurden, dass sie das bild der schweiz auf der ganzen welt neu zeichneten.

der dank aus dem ausland und aus der weltwoche

die teilnehmenden dankten rundgang durch bern, seine geschichte und gegenwart herzlich. ich habs gerne entgegen genommen; denn das ist sinn und zweck des stadtwanderns:

auf der höhe der zeit sein,
ohne zu vergessen, woher man kommt,
um zu ahnen, wohin man geht!

upe. von der wewo scheint das indessen gar nicht interessierte zu haben. er erkundigte sich nicht bei mir, was ich gemacht habe, nur bei der präsenz schweiz, was der stadtquerung gekostet habe gekostet habe.

hier die antwort des sog. verdingbuben: 50000 – rappen, nicht franken!

stadtwanderer


Comments

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  1. Stephanie on Oktober 19, 2007 19:07

    Du kennst ja die upe.-Devise: \\\"Rede niemals mit den Leuten, wenn du Bschütti über sie giessen willst, sondern kleckere einfach im stillen Kämmerlein drauflos. Sonst läufst du Gefahr, dass sich die ganze Story in einer Duftwolke auflöst.\\\"
    Und jetzt wünsch ich dir gute Erholung, damit du fit bist für den Grosseinsatz am Sonntag. Wir werden natürlich dabei sein (vor dem Bildschirm).

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