klar, das velschenhaus in thuns altstadt, unmittelbar neben den rathaus gelegen, war mir bekannt. und im grossen saal, ganz oben unter dem dachstock, wo man vorträge halten kann, war ich auch schon. doch diesmal stimmte einfach alles so gut zusammen wie noch nie: anna trat in einem bühnestück in ihrem eigenen frühen wohnhaus auf.


die historische anna von velschen, interviewt von michael daehler, im velschenhaus thun (foto: stadtwanderer)

verena kühni spielte während der ersten thuner kulturnacht anna von krauchthal, wie sie eigentlich hiess. interviewt wurde sie von michael dähler, der die fragen an die geschichte aus der gegenwart stellte und so den bogen zum zahlreich anwesenden publikum schlug. vermittelt wurde das ganze durch den fast 50köpfigen kirchenchor thun-strättlingen, der weltliche lieder aus annas zeit sang, und den chünitzer spiellüt, die voll engagement mittelalterliche instrumente zum klingen brachten.

über anna weiss man eigentlich wenig. kein bild von ihr ist erhalten. bekannt ist dafür das todesjahr, 1464. etwa 90 jährig soll sie geworden sein. verheiratet war sie mit dem berühmten schultheissen petermann von krauchthal.

geheiratet hat das paar 1393. zunächst lebte man in bern an der kirchgasse. heute ist das die junkerngasse, was jetzt wie damals ein ausweis ist und war, dass man zur elite gehört(e). 1405 wird das haus von anna und petermann im ersten, kleinen stadtbrand vom feuer erfasst. man erschreckt und zügelt nach thun, wo man seit längerem das velschenhaus besitzt. petermann amtete auch schon auf dem schloss, als er berner landvogt in thun war. doch nur 14 tage nach dem kleinen stadtbrand kommt es zum grossen. jetzt brennt die halbe stadt bern; nicht 50 häuser, nein, 600 werden das opfer der flammen.

petermann hilft wie allen beim wiederaufbau der zerstörten stadt. bern wird radikal umgebaut: um das übergreifen der flammen von haus zu haus zu verhindern, entstehen brandmauern zwischen den häusern. die kamine und die frontseiten sind jetzt nicht mehr aus holz, sondern aus stein. und selbst die dächer erhalten feuerfeste ziegel. um 9 uhr abends leutet die feuerglocke, um den stadtbewohnerInnen zusagen: es ist zeit, jedes feuer zu löschen. und für den notfall hat man brunnen in den gassen, die jtzt gepflästert sind. die stadt dankt es dem krisenmanager: an ostern 1407 wird petermann zum schultheissen berns gewählt.

anna, petermanns frau, betreibt selber keine politik. das hätte sich nicht geschickt für eine frau aus dem stadtadel. doch sie war nicht wie die andern: ihr vater hatte sie, da sie das einzige kind war, durch die mönche im predigerkloster ausbilden lassen, wie wenn sie ein junge gewesen wäre: so kannte sie sprachen, konnte sie rechnen, und war sie auch in musischer hinsicht vielen zeitgenossinnen voraus.

verena kühni symbolisiert in diesem einfachen stück über das leben der anna von velschen denn auch die zurückhaltendende, aber gebildete dame. elegant, aber nicht extravagant ist sie gekleidet. dezent ist ihre haltung, als sie wasser trinkt, einfühlsam ihr wesen, als sie dem chor horcht, und selbstbewusst ihre ausstrahlung, als sie aus ihrem leben erzählt.

natürlich sei sie über alles informiert gewesen, was der kleine rat rund um ihren mann verhandelt habe. selbstverständlich habe sie den empfang von könig sigismund in bümpliz vorbereitet, als er 1414 die stadt besuchte und vor den toren der stadt von 500 jünglingen kniend und bettend empfangen worden sei. und ohne zweifel war es auch sie, die den bau des berner münsters statt der baufälligen leutkirche 1418 mit papst martin v. verhandelte. das alles sitzt, und es entwirft die konturen einer herausragenden person ihrer zeit.

1425 stirbt petermann. anna, die jetzt den namen von velschen annimmt, wird ihn um 39 jahre überleben. sie wird die pestkrise von 1439 erleiden. sie wird auch im zürichkrieg aber berner seit mitfiebern. um man weiss annas rat und tat zu verdanken. denn die witwe war seit dem tod ihres mannes die reichste person im den berner landen. ritterrüstungen bezahlte, als man in st. jakob an der birs gegen den französischen dauphin kämpfte, tapisserien stiftete sie, als man beispielsweise die kirche in scherlingen austattete. und beim bau der neuen berner kirche hat sie sich beteiligt. denn eines wusste anna: mit ihrem tod würde die familien von krauchthal, in die sie eingeheiratet hatte, enden!


szenen aus dem bühnstück anna von velschen in thun (fotos: stadtwanderer)

das leben ein dame aus dem junkerlichen bern, das durch obrigkeitlichen einfluss wichtig wurde, das durch handel wirtschaftlichen aufschwung nahm, hat uns die erste thuner kulturnacht mit bravour vorgestellt. die musik, der gesang und der text haben ein fast vergessene figur wieder auferstehen lassen.

eine bemerkenswerte leistung, für eine bemerkenswerte persönlichkeit. fast schon eine art wiedergeburt, der anna von velschen!

stadtwanderer
(und schultheiss von thun)

das ganze programm


Comments

1 Comment so far

  1. Thunerin on Oktober 29, 2007 23:37

    Lieber Schultheiss, ich danke Dir für die Besprechung. MIr war die Figur auch nicht mehr präsent. Doch empfand ich das Bühnestück etwas steif. Der Dialog war etwas künstlich. Mich dünkte, Michael Dähler stellte die Frage gerade nicht aus der Gegenwart, sondern aus der Sicht eines Kenners der Chroniken aus der Vergangenheit.

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