„hoch, hoch lebe die republik!“, rief die menschenmenge am 21. september 1848 vor dem rathaus von lörrach. gefeiert wurde an diesem tag und an diesem ort die proklamation der ersten „deutschen republik“.

loerrach_altes_rathaus_pano_2008.jpg

im innern des gebäudes hatte gustav struve lörrach zum provisorischen sitz der neuen deutschen regierung erklärt. innert weniger tage verfügte sie über ein territorium von rund 20 kilometer rund um die südliche grenzstadt zur schweiz und zu frankreich.

während monaten hatte sich struve in basel auf diesen revolutionären akt vorbereitet. freiheitsrechte wurden versprochen, sozialer ausgleich ebenfalls, und die verhassten steuern an den grossherzoglichen hof sollten abgeschafft werden.

in lörrach angekommen fackelte struve nicht lange. bereits im märz ´48 war ein erster aufstand der republikanisch gesinnten südlichter gescheitert. das sollte sich jetzt nicht mehr wiederholen! deshalb wollte struve die revolution von oben her erzwingen.

unmittelbar nach der historischen proklamation liess struve in lörrach ein revolutionsheer ausheben, das nach karlsruhe marschieren sollte, um den gedanken der republik auch den etappenweise nordlichtern beizubringen.

nur 9 tage zuvor war in der benachbarten schweizerischen eidgenossenschaft die neue verfassung des bundesstaates in kraft getreten. sie garantierte die ersehnten freiheiten, welche die freisinnige bewegung im sonderbundeskrieg ein jahr zuvor gesamtschweizerische durchgesetzt hatte. das diente im grossherzogtum baden als vorbild.

doch in de schweiz konnte man sich auf die verfassungen in den regenerierten kantone stützen, die zwischen 15 und 18 jahre zuvor im geiste der liberalen französischen revolution von 1830 ausgedacht und eingefuehrt worden waren. diese positive erfahrung fehlte in „deutschland“: die mainzer republik, ganz im geiste der französischen revolution 1793 gestartet, scheiterte bald, und auch die 1830er bewegung erfasste nur die studenten, nichts das volk. diese hatte sich 1832 erstmals im badischen neustadt auf dem hambacher schloss versammelt, um ein republikanisches fest zu feiern. an die schalthebel der politischen macht war es aber nirgends gekommen.

gustav struve schreckte im herbst 1848 nicht davon zurück, mit gewalt der republikanischen bewegung zum durchbruch zu verhelten. die aktion scheiterte schliesslich am widerstand der fürsten rundherum. die anführer wurden zum tod verurteilt oder eingesperrt. es bauchte zwei weltkriege brauchte, um der demokratie in der bundesrepublik deutschland zum durchbruch zu verhelfen.

ein abendlicher spaziergang durch die lörracher altstadt lässt uns dennoch die 48er episode, die hier ihren anfang nahm, erinnern. vielmehr zeit als für dieses zwischenspiel haben wir auch nicht.

denn auch wir kommen aus basel und machen in lörrach nur einen zwischenhalt, um den nachtzug zu nehmen, der uns im schlafwagen von lörrach ueber karlsruhe nach hamburg-altone durch das demokratisch geworden deutschland führt. um ganz zu unseren heutigen nordlichtern zu gelangen …

stadtwanderer

quelle: die strasse der demokratie, ein reisebegleiter auf den spuren der freiheit, kalsruhe 2007


Comments

2 Comments so far

  1. Walter R. Kopp on Juli 8, 2008 21:55

    ihr historischer rückblick über den demokratisch gesinnten revolutionär struve hat über wiki zu seiner geliebten amalie geführt, für die, weil unehelich geboren eine heirat für struves geadelte familie nicht standesgemäss war, verzichtete er auf den adelstitel und nahm ein endgültiges familiäres zerwürfnis in kauf.
    nach der niederlage gegen die preussischen truppe, entging er einer hinrichtung durch flucht über die schweiz bis in die usa, wo er abraham lincoln mit seinen publikationen u.a. bei den deutschstämmigen auswanderer im wahlkampf unterstützte und vermutlich dabei zu seinem wahlsieg beitrug.
    eine interessante persönlichkeit dieser gustav struve und mir bisher, trotz mütterlichseits badenwürttenbergisch verwurzelt, nicht bekannt.

    danke stadtwanderer für ihren „blogseitigen zwischenhalt“ in lörrach und weiterhin gutgelauntes reisen.

  2. stadtwanderer on Juli 16, 2008 12:03

    hejhej
    schön, dass ich da – wartend – noch was zur allgemeinbildung beigetragen habe.
    gebe zu: den namen struve hatte ich mal in einer vorlesung ueber den deutschen liberalismus gehört, aber auch bald wieder vergessen. in lörrach stöbernd, bin ich dann schnell wieder darauf gestossen.
    das rathaus hat heute noch ein schild, das an die ausrufung der republik erinnert.
    die adelsgeschichte ist aber auch mit gany fremd.
    hej då!
    s.

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