leben wir im jahr 1709?

November 11, 2007 | 4 Comments

reprise

folge 2: karl der fiktive
folge 3: alles schall und rauch
folge 4: den mediävisten ihre these, dem illig seine gegenthese weiterzuführen, wünscht‘ ich mir

„blödsinn“, sagt der volksmund! „richtig“, erwidert der buchautor heribert illig! und er hat damit immer mehr leserInnen; auch den stadtwanderer, der versucht hat, seine argumente zu verstehen, – 1. teil des nachvollzuges!

nein, wir müssen die uhr nicht zurückdrehen. die weltkriege gab es tatsächlich; die soziale und die liberale revolution sind ebenso realitäten. auch die menschenrechte wurden deklariert; und die aufklärung brachte effektiv licht ins dunkel der aristokratischen welt.


heribert illig, kulturhistoriker und systemanalytiker, wird wegen seinen auffassung über die grosse geschichtsfälschung zum frühen mittelalter von den schulhistorikerInnen weitgehend geschnitten

das ist nicht die argumentation von heribert illig. sein standpunkt ist nicht, wir wurde heute wie „damals“ leben. heute ist heute, aber nicht so lange seit christi geburt her, wie wir meinen.

nachträglich eingefügte jahre

der erfolgsautor heribert illig vertritt dezidiert die auffassung, dass wir heute nicht 2006 jahre nach mariens niederkunft lebten, sondern nur 1709 jahre danach. denn im sinne von „anno dimini“ habe man nicht bei christi geburt zu zählen begonnen, sondern erst viel später.

konkret geht es davon aus, im verlaufe der geschichtsschreibung seien in einer grossen fälschungsaktion nachträglich 297 jahre in die heute übliche chronologie eingefügt worden. und benennt konkret, welcher zeitraum dafür in der europäischen geschichtsschreibung in frage kommt: die spanne von september 614 bis august 911, weshalb im september „911“ effektiv erst september 614 gewesen sei und analog der dezember 2006 erst der dezember 1709 sei.

der mathematische beleg

eine reine behauptung? – nein, sag ich mal!

am anfang der gründe, die illig vorbringt, steht nämlich ein mathematisch verblüffender beleg: das astromomische jahr – die zeit, welche die erde für eine volle sonnenumdrehung braucht – dauert nach neuen berechnungen genau 365 tage, 5 stunden, 48 minuten und 46 sekunden. unsere kalender waren aber aus praktischen gründen nie so genau. bei julius caesar, der als erstes in unseren breitengraden das sonnenjahr einführte, ergaben 365 tag und 6 stunden ein kalenderjahr. um das zu bewältigen schob man alle vier jahre einen „schalt“tag ein.

das war aber offensichtlich zu lang, weshalb sich das sonnen- und kalenderjahr kontinuierlich zu verschieben begannen. um damit aufzuräumen, führte papst greogor XIII. 1582 den heute gültigen gregorianischen kalender ein. das sonnenjahr liess er auf 365 tage, 5 stunden, 49 minuten und 12 sekunden festlegen. analog dazu führte eine neue, heute noch gültige, komplizierte regel für die schaltjahre ein.

damit verringerte papst gregor den zeitenfehler von julius caesar von 11 minuten und 14 sekunden jährlich um 10 minuten und 48 sekunden jährlich. sonnen- und kalenderjahr weichen seither jährlich noch 26 sekunden voneinander ab.

um das problem, das sich während der zeit, in der der julianische kalender galt, aufsummiert hatte, zu verringern, griff papst gregor zu einem trick: er übersprang 10 tage. auf dem 4. oktober 1582 folgte offiziell der 15. oktober 1582, womit kalender- und sonnenjahr wieder in übereinstimmung gebracht wurden. ostern war jetzt wieder ostern, weihnachten wieder weihnachten.

doch ganz genau da, setzt der systemanalytiker und computerspezialist illig ein: in den 1627 jahren, in denen der julianische kalender galt, hätte man aufgrund der fehlerhaften sonnenjahrberechnung von julius caesar nicht 10, sondern 12,7 tage weglassen müssen. wenn der papst das aber nicht gemacht habe, sei das erfolgt, weil er wusste, dass der julianische kalender gar nicht 1627 jahre gültig gewesen sei, sondern 297 jahre weniger, sprich 1530 jahre.


illigs sachbücher, hier eines davon, sind ein erfolg der populärwissenschaft: „aberwitzig, ungemein belesen und verwirrend stichhaltig“ schreibt die süddeutsche zeitung dazu.

die these illigs

bis jemand das merkte, hat es volle 406 jahre gedauert. seit 1988 weibelt aber der promovierte kulturhistoriker illig mit dieser berechnung durch die populärzeitschriften der geschichte, schreibt er bücher, und sorg zusehend für furore. seine werke sind zwischenzeitlich so gefragt, dass sie in die ullstein-taschenbuchreihe aufgenommen worden sind. aus dem anfänglichen aufruf zum nachrechnen ist so eine eigentliche these gegen die etablierte geschichtswissenschaft geworden; sie lautet: „In der europäischen geschichte bilden 7., 8. und 9. jahrhundert einen künstlichen zeitraum. Er enthält keine reale Geschichte, so dass er ersatzlos zu steichen ist und die Zeiten davor und danach direkt oder mit nur geringem abstand zusammenzufügen sind.“

was das für für die europäische geschichte für weitreichende folgen hat, erzähle ich in den kommenden tages des dezembers 1709 …

zeitenwanderer

heribert illig: das erfundene mittelalter. ullstein-taschenbuch, berlin 2004, 8., auflage
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zeitensprünge


Comments

4 Comments so far

  1. bd on November 12, 2007 14:17

    Ich hatte ihn vor Jahren einmal im USENET «kennengelernt», respektive nicht ihn, sondern sein Jünger, und gleich zu fürchten gelernt.

  2. stadtwanderer on November 12, 2007 19:59

    sag, wer der jünger, und was hat er erzählt?

  3. bd on November 13, 2007 12:57
  4. stadtwanderer on November 14, 2007 18:20

    mercimerci!

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