nun war ich am wochenende in innsbruck, der hauptstadt des tirols. und dem gegenzentrum zu bern im 15. jahrhundert. die spannung, die so entstand, führte zum ersten bürgerkrieg unter den eidgenossen. ein gedankengang des stadtwanderer im morgenschnee am inn.


das spätgotische goldene dacherl in innsbruck (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die habsburger in innsbruck

das goldene dacherl ist eines der berühmtesten gebäude in innsbruck. es repräsentiert die spätgotische residenz der habsburger, welche die stadt zu ihrem verwaltungszentrum des tirols erhoben haben.

1375 bröckelte die habsburger herrschaft vor allem im schweizerischen mittelland. der guglerkrieg schwächte das adelshaus, und die niederlage in den schlachten von sempach (1386) gegen luzern resp. näfels (1388) gegen zürich und ihre verbündeten markierten den vorläufigen tiefpunkt. das haus kyburg, die stellvertreter der habsburger im mittelland, versanken danach in die bedeutungslosigkeit. mit ihnen verschwand auch die präsenz der habsburger im aare-, limmat- und linthal weitgehend. es blieb ihnen nur noch der stammsitz am wasserschloss in brugg als entfernte insel.

der tod von herzog leopold III. bei den schlachten gegen die eidgenossen verschärfte die krise des hauses habsburg. leopolds sohn, friedrich iv., startete seine regierungszeit unter einem entsprechend schlechten stern: kaum 20jährig geworden, übernahm er 1402 die darniederliegenden regierungsgeschäfte. als erstes geriet er in einen krieg mit den appenzellern, die sich von österreich lösten. dann mit plagten ihn forderungen aus venedig, und schliesslich überwarf er sich mit dem tiroler adel.

in seiner verzweiflung verbündete sich der junge herzog friedrich iv. mit papst johannes xxiii.. doch dieser wurde 1415 von könig sigimund auf das konzil in konstanz zitiert, und dort, wie auch die beiden anderen päpste, die es damals gab, für abgesetzt erklärt. mit der berühmten papstentführung hatte friedrich zu retten veruscht, was zu retten war. doch auch das war ein misserfolg. schliesslich blieb ihm fast nichts mehr, denn könig sigismund belegte ihn mit der reichsacht.

bern zögerte 1415 nicht, genau in diesem moment den habsburgisch verbliebenen aargau für sich zu erobern. luzern und zürich zogen nach, und so verlor friedrich alle seine die zugänge zur stammburg des hauses ganz aus den augen. nun war der spott im tirol nicht mehr zu halten: der beraubte herzog wurde vom volksmund als „friedrich mit der leeren tasche“ gefoppt!

doch er sollte seine taschen und die der anderen doch noch füllen! und er sollte wieder populär und mächtig werden.

1418 gewann er die achtung des königs zurück. 1420 entschloss er sich, die verwaltung des tirols von meran abzuziehen. dafür machte er aus innsbruck seinen neuen residenzort. er liess den zentralen brückenpfeiler am nördlichen fusse der brennerstrasse erweitern. die spätgotisch geprägten bauten aus dem 15. jahrhundert, wie beispielsweise das goldene dacherl, kann man heute noch (in renovierter form) bestaunen.

als es sogar zu silberfunden in friedrichs inntal kam, mehrte sich sein reichtum und der seiner verbündeten. friedrichs position in innsbruck stärkte sich zusehends. als er 1439 verstarb, war das haus habsburg bereits wieder ganz oben. seine vetter schafften den zweiten sprung auf den kaiserthron in wien.


das spätgotsiche rathaus in bern (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die berner in der eidgenossenschaft

parallel zur tiroler residenzstadt entwickelte sich bern zu einer mächtigen brückenstadt. hier kontrollierte man den übergang über die aare und damit den nördlichen zugang zum den grossen st. bernhard. hier regierte eine schicht ritter und kaufleute, ohne dass man einen herzöglichen führer hatte. und hier brachte der handel, speziell mit tüchern, die man via st. gallen an die europäischen königshäusern verkaufte, den neuen reichtum.

bern baute in dieser phase das neue rathaus fertig; wie das goldene dacherl auch, steht es heute noch in seiner ursprünglichen form. und man begann in diesen jahren auch mit dem münsterbau. man war jetzt wer, und man zeigte es auch. das neu erwachte selbstbewusstsein des königlichen standes bern drückte sich nicht zuletzt auch darin aus, dass man conrad justiger, den rottweiler notar, mit der abfassung der ersten stadtgeschichte betraute.


der alte zürichkrieg, ausdruck der polarität zwischen der eidgenossenschaft und dem hause habsburg (quelle: wikipedia)

die polarität zwischen bern und innsbruck

die polarität, die so zwischen innsbruck und bern entstand, war nicht nur geografisch. sie war auch soziologisch: dem adelsprinzip in oestereich stand im 15. jahrhundert das der eidgenossenschaft im mittelland gegenüber 1393, nach dem sieg über die habsburger, schlossen sich die verbündeten im sempacherbrief erstmals zu einer vertraglich übergeordneten bund zusammen, der die hohheitsrechte über kirchen und passstrassen regelte.

die polarität fand 1439 auch in der politik ihren ausdruck. zürich, die stadt zwischen bern und innsbruck, schwankte in ihrer bündnistreue. sie erwog beim tod des letzten toggenburger grafen aus opportunistischen gründen das lager zu wechseln. die stadt bleib zwar eidgenössisch, ging aber auch ein neues bündnis mit habsburg ein. das eröffneten dem tiroler herzog gar die möglichkeit, durch dass limmattal bis nach brugg vorzustossen und den stammsitz zurückzuerobern.

man weiss es: diese unheilvolle konstellation löste den sog. zürichkrieg aus. erstmals führten die eidgenossen krieg unter sich. bern und schwyz, die die eigenossenschaft repräsentierten, siegten schliesslich über zürich. erst im friedenvertrag von kaiserstuhl 1450 legte man erstmals fest, dass kein eidgenössischer stand sich jemals wieder mit dem habsburg verbünden dürfe. die lager waren damit gebildet, die polarität liess aber nicht nach. 1499 kam es zum „schwabenkrieg“ mit dem der rhein zur wesentlichen grenze zwischen habsburg und der eidgenossenschaft wurde.

man sieht es: die spannungen vom berner rathaus bis zum innsbrucker goldenen dacherl haben nachhaltig wirksame geschichte geschrieben!

stadtwanderer


Comments

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  1. Sepp on November 14, 2007 20:16

    Der Inn ist männlich, Tirol wird ohne Artikel gebraucht und Johannes XXIII. lebte im 20. Jahrhundert. Ansonsten ist der Artikel sehr gut und könnte nur noch durch die Figur der Margarete Maultasch ergänzt werden, der letzen Gräfin von Tirol (http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_Maultasch), und den Landständen zu Innsbruck, so etwas wie eine Tagsatzung.

  2. stadtwanderer on November 14, 2007 20:49

    nana, diseer johannes kommt eben doppelt vor.
    der 23. johannes lebte schon im 15. jahrhundert. er ist aber einer der wenigen päpste, die abgesetzt wurden. man hat ihn deshalb als johannes XXIII. nur als gegenpapst gelten lassen.
    so konnte johannes XXIII. im 20.jahrhundert den namen nochmals aufnehmen. das war übrigens ein ziemlicher skandal, als er das tat. denn 500 jahre lange getraute sich niemand mehr, den namen als papst anzunehmen, wegen der krummen vorgeschichte …

    o-ton aus wikipedia: „Er (der im 20. jahrhundert, stadtwanderer) gab sich den Papstnamen Johannes, auch zu Ehren seines Vaters Giovanni Battista (zu deutsch: Johann Baptist) und des Patrons der Kirche, in der er getauft worden war. Seit dem 15. Jh. hatte sich kein Papst mehr Johannes genannt, da die letzten Träger dieses Papstnamen mit dem Avignonesischen Papsttum und mit dem Großen Abendländischen Schisma verbunden waren.“

    den rest habe ich beherzigt.

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