da war ich jüngst in thun. es referiert dr. jürg stüssi-lauterburg vor dem mittelalterverein über „900 jahre habsburger“. zum schluss bedankte sich der junge verein beim anerkannten kenner der materie aus brugg – mit einer hellebarde. franz schori, vormals armeeabschaffer und neuerdings präsident der sp thun, überreichte dieses prunkstück schweizerischen wehrwillens dem chef der eidg. militärbibliothek, der für die svp in den nationalrat wollte.


die lage in der innerschweiz vor der schlacht am morgarten (quelle: wikipedia)

die schlacht am morgarten

treffender als ende september wäre die übergabe heute gewesen: dem 692. geburtstag der hellebarde! ja, am 15. november 1315 wurde die hellebarde, im wahrsten sinne des wortes auf einen schlag berühmt. denn an diesem tag besiegten die innerschweizer bauern – mit eben diesen hellebarden – die österreichischen ritter und ihr gefolge am morgarten beim ägerisee.

die schlachtengeschichte ist schon zig-tausend mal erzählt worden, sodass ich zweifel an ihrer überlieferung habe. also werde ich sie heute auch nicht wiederholen. doch will ich auf den zusamenhang aufmerksam machen, der am 15. november 1315 zur konfrontation zweier welten führte, und der den ruhm der hellebarde als kampfinstrument des volkes gegen die waffen des adels begründete.


die lage im heiligen römischen reich vor dem doppelkönigtum von 1314

das umfeld der schlacht

1313 verstarb kaiser heinrich vii. er stammte aus dem hause luxemburg, und er war dem ermordeten habsburger könig albrecht i. auf den thron gefolgt. die folgen des überraschenden kaisertodes waren beträchtlich, versuchte doch das hause habsburg die deutsche königskrone wieder zu erlangen, um doch noch zum kaisertum, das ihm bisher verwehrt geblieben war, aufzusteigen. ihr favorit war friedrich i., auch der schöne genannt. doch er wurde von den kurfürsten kurzerhand übergangen. mit 4 zu 3 wählten diese im oktober 1314 den wittelsbacher ludwig, genannt den baier, zum neuen deutschen könig.

friedrich gab trotz der niederlage am kurfürstentisch nicht auf. er liess sich von der unterlegenen minderheit zum zweiten deutschen könig erheben. bis 1322 sollte dieser kampf zwischen den wittelsbachern und den habsburgern offen bleiben. schliesslich siegten die wittelbacher durch gefangennahme des gegenkönigs, der sich nur durch schwur, auf seine rechte zu verzichten, befreien konnte.

noch bevor der kampf im grossen so richtig begonnen hatte, entbrannte er auch im kleinen. unmittelbar nach dem tod von kaiser heinrich vii. begannen die schwyzer mit der besiedelung von weiden und wäldern des reichsklosters einsiedeln. dafür wurden sie durch den konstanzer bischof mit dem kirchenbann bestraft. das wiederum führte zur rache der schwyzer, die am 6. januar 1314 das bischofstreue einsiedeln angriffen und es plünderten. selbst die mönche setzten sie gefangen. nur dem abt gelang es, nach pfäffikon zu flüchten, wo er seinen bischof und seinen schirmherr informierte.

in der zeit, in der es keinen könig gab, griff man zu harten sanktionen gegen die rebellischen innerschweizer. der konstanzer oberhirte erweiterte den kirchenbann auf die urner und unterwaldner, die sich mit den schwyzern solidarisiert hatten, und der schirmherr des klosters, herzog leopold i. aus dem hause habsburg mobilisierte den gesamten schwäbischen adel gegen die aufständischen. die chroniken sprechen von 2000 rittern, die dem habsburger herzog folgten, und von weitere 7000 männer fussvolk, die sie mit sich zogen. sie wurden von den habsburg-treuen städten im südschwäbischen raum, allen voraus zürich, aber auch winterthur und zug unterstützt. gemeinsam marschierte man von zug aus gegen schwyz.

man wähnte sich schon im voraus als sieger, denn der einfache adel in schwyz war nicht zahlreich, und ein kampf gegen bauern war für die ritter von damals gar nicht vorstellbar.

doch es sollte anders kommen!


typische hellebarden, die seit dem 14. jahrhundert die antwort der bauern auf die bepanzerung der ritter waren (foto: stadtwanderer, anclickbar)

die waffe der sieger

die schwyzer, samt ihren verbündeten, hatten sich in der nacht auf den 15. november 1315 dort versteckt, wo der zugang zu ihrem hauptort am engsten war. ob am moorgarten warteten sie auf den feind. hier, wo er durch musste, sollte er bekämpft und besiegt werden. dabei waren alle mittel recht: das gefällte holz, um die pferde der ritter zu verängstigen sowie faustgrosse steine, um das fussvolk zu vertreiben.

ihr haupttrumpf war jedoch die hellebarde, die sie im nahkampf selbst oder gerade für die gepanzerten ritter so gefährlich machte.

die hellebarde war von doppeltem nutzen: mit ihrer spitzen seite stiess man die ritter vom pferd, und noch bevor sie sich in ihrer unhandlichen rüstung erheben konnten, schlug man mit der scharfen seite der hellebarde zu, fast so, wie man heute noch maienkäfer, die auf rücken liegend zappeln, ohne weiteres töten kann.

so leitet sich auch der name der waffe her: der halm ist die stange, und die barte ist das beil. die halmbarte, die wie die hellebarte früher hiesst, war das nichts anders als das stangenbeil!


bildhafte darstellung der schlacht am morgarten durch diebold schilling im 15. jahrhundert

die verklärung durch die chronisten

der berner chronist, conrad justinger, der erstmals die geschichte des mittellandes (aus bernischer sicht) notierte, schrieb dazu:

„es hatten auch in der schwizer in den händen gewisse überaus furchtbare mordwaffen, die in jener volkssprache auch helnbarten genannt werden, mit denen sie die stärkst bewaffneten gegner wie mit einem schermesser zerteilten und in stücke hieben. da war nicht eine schlacht, sondern wegen der angeführten ursachen sozusagen nur ein schlachten des volkes herzogs Lüpolds durch jene bergleute, wie einer zur schlachtbank geführten herde. Niemanden verschonten sie noch auch bemühten sie sich zu fangen, sondern sie schlugen alle tot ohne unterschied.“

justinger hatten guten grund, die alten innerschweizer bauern 100 jahre nach ihrem sieg auf dem moorgarten zu loben. die innerschweizer besiegelten nur wenige tage nach dem schlachtensieg in brunnen ihren sieg. sie schlossen sich zum bund von brunnen zusammen. 1322, als die habsburger im rennen um den königstitel ausgeschieden waren, wandten sie sich selbstbewusst auch von könig ludwig ab. nur ein jahr später gingen sie erstmals mit der stadt bern eine allianz ein. diese zahlte sich 1339, bei der schlacht von laupen, für die berner aus. denn bern und die innerschweizer besiegten damals freiburg, die burgundischen ritter und ihren anführer, kaiser ludwig den baier. mit hellebarden!

der mythos wirkt nach

ein wenig ehrfurcht hatte ich schon, als ich vor einigen wochen mit dem geschichten-spezialisten in bundesdiensten, jürg stüssi-lauterburg, in thun den zug bestieg. mich hat der mittelalterverein zwar schon mal zum schultheissen von thun gemacht. doch eine echte hellebarde, das wirkt sogar auf mich noch spezieller!

immerhin, ich blieb in bern. der geschichtsmann ging nach brugg. wenn der 900jährige schlossgeist auf der habsburg ihn heimkehren sah, schimpfte er mit sicherheit über die gefährliche waffe, welche die innerschweizer bauern so berühmt gemacht hat.

stadtwanderer


Comments

6 Comments so far

  1. B. on November 16, 2007 19:35

    ja, lieber Stadtwanderer, was mag ich doch die hellen Barden mit ihren spitzen Federn!
    es grüsst Dich B.

  2. apropos on November 16, 2007 20:55

    \\\"doch eine echte hellebarde, das wirkt sogar auf mich noch spezieller!\\\"

    wirklich?
    um sowas an die wand zu hängen?
    um an die menschen erinnert zu werden die damit abgeschlachtet wurden? oder zum andenken an die helden von damals?
    hhhmmmmm
    der mittelalterverein wusste schon warum sie dich mit dem titel des schultheissen von thun ehrten…

  3. stadtwanderer on November 17, 2007 11:17

    liebe b., liebe a.,

    so ist es, selbstverständlich geht es mir nicht um helden, auch nicht um tote, und schon gar nicht um verklärung.

    doch will ich auch die ritter nicht verklären, wie das heute gang und gäbe ist.

    wenn ich mir aber vorstelle, ein einfacher landsmann zu sein, plötzlich vor einem adeligen, hoch zu ross, zu stehen, rechtlos und wehrlos zu sein, kann ich es gut verstehen, wie gut es tat, ein stangenbeil in händen gehabt zu haben.

    es ist die waffee des einfachen mannes aus dem 14. und 15. jahrhundert, der sich gegen die obrigkeit zur wehr setzt.

    die ritter waren ursprünglich schutzgeber. ihr bild ist bis in 13. jahrhhundert vorteilhaft. doch dann verselbständigen sich die ritter zum erbberechtigten stand, der eigengesetzlich seine ziele verfolgt.

    spätestens seit mitte des 14. jahrhundert sind die ritten denn auch im verruf, vor allem sich und ihre eigenen interessen zu schützen.

    das treffen am morgarten ist ein frühes symptom für diesen wandeln. und das versuchte ich zu verstehen, auch was es geheissen haben mag, selber eine waffe zu haben, die man notfalls auch gegen den eigenen schirmherr einsetzen konnte.

    verzeiht also, ich bin weder ein waffennarr noch ein verklärer.
    aber ich versuche zu verstehen!

  4. apropos on November 17, 2007 12:42

    so siehst du das also.
    danke für die präzise stellungnahme.
    ich verstehe dich nun besser.
    mit bestem gruss
    a.

  5. stadtwanderer on November 17, 2007 20:27

    @a.
    schön!

    @b.
    sehe erst jetzt,dass man deinen beitrag auch anders sehen kann. mit barden verband ich ritter, und mit hellen barden helle ritter.
    nehms also auch anders, rein sprachlich, und drum: merci fürs kompliment.

    c.
    alias stadtwanderer

  6. Hakim Yass( der Hellebardier) on September 10, 2012 00:05

    Also, als ich mir den Text eben durchlas(die mangelhaften bzw. schöngedrehten Fakten möchte ich nicht erwähnen), war ich echt nur noch schockiert was ich da über die Halmbarte las…..die Beil….bzw. Rossenseite wurde als Flugstabilisator verwandt, wenn mit dem gegenübersitzenden Dorn die Rüstung des Ritters geknackt und er zugleich zu Boden gezogen wurde. Denn mit dem Beil bricht man weder Rüstung, geschweige denn eine Plattenrustung…..oder auch nur einen Schild.Die Beilseite der Hellebarde hatte die Aufgabe die Beine der Pferde zu durchhauen bzw. ungepanzerte Einheiten( obwohl selbst da, ein Hieb mit dem Hellebarden einfacher ins Ziel zu bringen ist, da das vielgerühmte Beil, wie auch eine Axt, selbst schon auf einem gut gestopften Gambeson oder Brigantine seine Wucht einbüsst……eintweder wurde gestochen und gerissen oder der „Dosenöfferdorn“ zum Einsatz gebracht. Auch die Mär vom unbeweglichen Ritter darfst du ad Acta legen….. du hast sicher noch nie mit einer Plattenrüstung gekämpft…..geschweige denn mit einem Kettenhemd. Das erfolgsrezept der Schwyzer und ihrer Bundesgenossen war das Gelände und die Unmöglichkeit eines Massierten Kavallerieangriffs.Das Fehlen des Wissens von taktischer Geländenutzung, war bei beiden Parteien vorhanden…..nur die eine Partei begünstigte das Gelände, die andere eben nicht…..

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