der stadtwanderer wandert. um sich fit zu halten. und um geschichten zu erfahren. daraus hat er seine historisch-politischen stadtwanderungen konzipiert, die geschichte auf eine neue art vermitteln, – und das mit wachsendem erfolg!

so hat der stadtwanderer gelernt, dass man sich geschichte auch ausserhalb von bibliotheken, archiven und seminarräumen, wie er das seinerzeit gelernt hatte, erschliessen kann, – und er ist in diesen fragen hellhörig geworden!


„company of saynt george“ als teil der lebenden geschichte (foto: christian folini)

gestutzt hat er deshalb jüngst, als er die nzz las. da fand sich ein grosser artikel des wissenschaftsjournalisten urs hafner zum mittelalterboom, den man in den nordischen ländern und deutschland seit längerem kennt. und das färbt nun auch auf die schweiz ab!

doch der artikel war hart: er warf den menschen, die geschichte erleben wollten (living history oder reenactment), vor, sich bloss mit eigenen kindheitsträumen zu befassen. denn das vorgehen besiere auf einem irrtum.

hierfür wird der grosse fanzösische mediävist professor jacques le goff zitiert. das essen, trinken, lieben, wandern in der vergangenheit interessiere nicht per se, sondern unter den historischen umständen, unter denen es stattgefunden habe. und diese seien jeweils von den vorstellungen der welt (dem imaginären) geprägt, was sich nur durch das ausfühliche studium der quellen rekonsturieren aber nicht erleben lassen.

das muss doch diskutiert werden!

deshalb hat der stadtwanderer dem freiburger mediävisten dr. christian folini, der sich als sekretär der company of saynt george in der szene des reenactment engagiert hat und der im nzz-artikel direkt herausgefordert wurde, befragt

10 kurze fragen und 10 kurze antworten zum kontroversen thema!

stadtwanderer: christian, hat dich die kritik der nzz getroffen?

Christian: „Es ist ambivalent. Auf der einen Seite wurde meine Gruppe mit Komplimenten bedacht. Auf der anderen Seite wird die gesamte Idee „Reenactment / Living History“ lächerlich gemacht. Einige Bekannte hat das verstört.“

was will reenactment generell?

„Reenactment möchte einen Zugang zur Geschichte öffnen, der bei einer Forschung, die rein auf Texten abhebt, gänzlich versperrt bleibt.“

kannst du ein beispiel nennen, warum sich reenactment als zugang zur mittelalterlichen geschichte eignet?

„Beispielsweise erreicht man das Publikum viel leichter, und man schafft es zudem, Geschichte an Menschen zu vermitteln, die sich sonst kaum in ein Museum locken lassen. Meine Dissertation hat eine Auflage von 400 Exemplaren und das gilt bereits als viel. An einem Wochenende mit der Company of St. George komme ich mit mehreren tausend Menschen in Kontakt. Und ich sehe eine Begeisterung in den Augen des Publikums, die mir als Autor fremd ist.“

was will die company of saynt george, die reenactment zur
burgundergeschichte betreibt?

„Die individuellen Beweggründe sind so verschieden wie unsere Mitglieder. Was uns eint, ist die Faszination für diese spezielle Periode im fünfzehnten Jahrhundert: eine beeindruckende Innovationskraft, eine sehr ästhetische Kultur, philosophische Strömungen, die bis in den Alltag der Menschen eindrangen, eine hohe politische Dynamik und gerade in der Schweiz offene Türen für eine Gruppe wie uns. Karl der Kühne und die Schlacht bei Murten ist immer noch überall ein Begriff.“

hast du bei der company etwas erfahren, was du als professioneller
mittelalterhistoriker nicht erkannt hast?

„Ich rechne das nicht so gegeneinander auf, sondern profitiere von der gegenseitigen Befruchtung. Mentalitäten und geistige Haltungen sind unheimlich schwer zu erschliessen und oft nur ganz schwierig zu verstehen. Sich für eine Zeit lang ein Stück weit in die Lebenswelt eines historischen Menschen hineinzuversetzen, erschliesst einem ein fremdes Bewusstsein. Wir Menschen sind immer mehr, als wir lesend erfahren oder erschliessen können. Jemand hat es mal so gesagt: Du kannst einem Menschen so lange erklären wie gut ein Apfelkuchen schmeckt wie Du willst. Richtig begreifen wird er es erst, wenn Du ihm zu kosten gibst.“

was meinst du als fachmann zum vorwurf der nzz, die sinnliche annäherung an die geschichte basiere auf einem generellen irrtum?

„Das ist ein wohlfeiler Vorwurf, der mich an die frühere Arroganz der Gelehrten erinnert. Die Absolutierung des „sinnlichen Ansatzes“ führt sicherlich in die Irre. Aber als Ergänzung hat es seinen Platz. Ich glaube auch, dass man die im Artikel zitierte Annales-Schule auch ganz anders lesen kann, als es von der NZZ gemacht wird.“

kann sich der historiker, der sich auf die traditionellen methoden
beschränkt, besser einen vergangenen zeitgeist, rekonstruieren als ein
reenactor?

„Ich habe in meiner Dissertation unter anderem versucht, der Gruppendynamik und dem Wertesystem in sehr spirituellen Frauenklöstern der
Schweiz näherzukommen. Dazu habe ich eine sehr klassische Methode der Textinterpretation gewählt; ja wählen müssen. Vor Jahresfrist habe ich eine Woche in einem Zeltlager fernab der Zivilisation verbracht. Dabei gingen mir Lichter auf, die sich mir sonst kaum erschlossen hätten. Es wäre unklug, die eine oder andere Methode generell zu favorisieren. Man muss sie dem Forschungs-Gegenstand anpassen.“

hand aufs herz: gibt es eine zeitmachine, mit der man in die
vergangenheit zurück kann?

„Aber sicher doch: time-machine ist immer einen Besuch wert!“

ist reenactment, wie die nzz meint, nur „bubele“, als ein männlicher kindheitstraum?

„Ich will nicht in Abrede stellen, dass wir unheimlich viel Spass haben. Aber ich habe mich auch während meiner Dissertation oft amüsiert. Aber der Spass ist immer nur ein Teil des Ganzen und für Räuber- und Gendarm-Spielen würden unsere Mitglieder nicht quer durch Europa fahren. Es steckt schon etwas mehr dahinter, als die NZZ den Leser glauben machen will.“

wenn du ein motto pro reenactment kreiieren müsstest, wie würde es in der kürzest möglichen form lauten?

„‚Per aspera ad astras‘ erinnert mich harte Tage im Companylager und die
Entspannung am Abend.“

Christian Folini, zu den Fragen des

Stadtwanderer


Comments

6 Comments so far

  1. Ursula H. on November 23, 2007 17:10

    Interessant, aber ein wenig kompliziert!
    Ich finde, wenn man etwas erlebt, weiss man sicher besser, ob das überhaupt stimmen kann, was in den alten Quellen steht. Die meisten Papiere aus dem Mittelalter stammen aus Klöstern, und die haben sich einen ganz spezielle Mentalität gehabt. Ob das auch die der Ritter und Söldner, der Burgrauen und Wäscherinnen war, ist doch fraglich. Da finde ich erlebte Geschichte klar besser!

  2. S D on November 23, 2007 18:15

    Ob es nun \\\"Buebeträum\\\" sind oder nicht. Tatsache ist, dass man sich, um in einer solchen Gruppe Anschluss zu finden, zuerst an einen Tisch setzt, Bücher, Texte und Quellen wälzt um sich zu informieren und sich somit auch im Reenactment mit Texten und Quellen auseinandersetzt. Würde man dies nicht tun, würde eine solche Gruppe wohl in einen \\\"Fantasy-Haufen\\\" ausarten.
    Das Bestreben ist ja, sich an diese Zeit möglichst genau und fundiert anzunähern. Schon klar, dass wir nie die gleichen Denkmuster entwickeln aber dafür sind wir schlicht in einer zu modernen, zu informationsgeladenen, sauberen, technisierten Welt aufgewachsen. Da bieten die Texte wirklich oft den einzigen Zugang um die Gedanken von damals nachzuvollziehen. Was die Texte aber nicht können, sind zum Beispiel die alten Handwerke neu erforschen und somit das \\\"verlorene\\\" Wissen wieder hart zu erarbeiten durch Misserfolge im Selbstexperiment. Das geht beim Färben von Stoffen zB so weit, dass die Härte des Wassers ausschlaggebend ist für die Helligkeit, Kräftigkeit und die Färbung (Orangerot oder doch mehr ins Rotviolett) der Farbe selbst.
    Kein Text kann diese selbst gewonnene Erfahrung vermitteln.
    Zu bezweifeln ist auch, dass damals das Wasser schon in Härtegrade eingeteilt wurde ab und zu wird explizit \\\"Quellwasser\\\" erwähnt aber auch dort variert der Härtegrad je nach Umgebung. Der Hinweis wird dann als solches wohl auch eher für reines Wasser gesehen… Denke ich zumindest…
    Ich finde es schade, dass die NZZ so sehr polarisiert. Ich bin der Meinung, dass (so wie in dem Streit der standart, der fern östlichen Medizin und der Homöopathie) ein Zusammenspiel wünschenswert ist und die besten Ergebnisse erzielt.

  3. Esther on November 24, 2007 03:58

    In meinem Studium der Geschichte habe ich unzählige Abhandlungen gelesen, die den Anforderungen von Le Goff N I C H T genügen. Da wurde gar nicht erst versucht, die Mentalität zu bestimmen, mit der gelebt wurden. Sonder es wurde beschrieben, was war.
    Die NZZ würde gescheiter dazu mal einen Verriss schreiben.
    Echt, das nervt!

  4. Abraham Gernheim on November 24, 2007 09:25

    Ein Beitrag mehr, der beweist, dass die heutigen Journalisten nichts mehr von der klassischen Trennung von (neutralem) Bericht und (persönlichem) Kommentar halten.
    Wäre der Autor an einem Anlass der \\\"lebenden Geschichte\\\" wäre die persönliche Wertung noch gegangen. Dann hätte er aber auch eine Reportage liefern sollen.
    Total missraten, dieses voreingenommene Machwerk.

  5. Andreas Wermelinger on November 24, 2007 11:18

    Erleben ist eine Form der Geschichtserfahrung. Aber sie reflektiert werden. Ohne dass man die Einsichten aus dem reenactement in eine Zusammenhang stellt, bleibt es Abenteuer. Das hat Jacques Le Goff richtig gesehen. Es kommt darauf an, die Erfahrungen, die man macht, im Verbund zu sehen! Ich zweifle, ob die Teilnehmer an einer nachgestellten Schlacht das können.

  6. Hans H. on November 24, 2007 12:58

    Eine interessante Debatte. Ich für meinen Teil hätte jedenfalls hätte gerne in der Schule an einer Burgunderschlacht mitgemacht anstatt die toten Burgunder und Eidgenossen auswendig lernen zu müssen.

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