er war mächtig. und er stieg bis an die spitzen der politischen und wirtschaftliche macht im jungen bundesstaat auf. doch er veranwortete beim bau des ersten gotthard-tunnels auch ein riesiges defizit. das leitete seinen ebenso tiefen fall aus politik und wirtschaft ein. deshalb gehört alfred escher bis heute nicht nur zu den umstrittensten personen der zürcher, sondern auch der schweizer geschichte.


denkmal an der zürcher bahnhofstrasse: alfred escher und seine stadt (foto: stadtwanderer,anclickbar)

die biografie

zunächst staunt man. das curriculum vitae von alfred escher ist bis heute beeindruckend: er war zürcher kantonsrat, zürcher regierungsrat und schweizerischer nationalrat. doch er war auch an der spitze der nordostbahn, des polytechnikums (der heutigen eth zürich), der schweizerischen kreditanstalt und der rentenanstalt. schliesslich wurde er direktionspräsident der neu gegründeten gotthardbahn.

es war dieser posten, der die wende in der grossen karriere einleitete. denn die projektvergabe ging an den günstigsten anbieter, der sich dabei massiv verkalkuliert hatte. aufgrund des öffentlichen druckes, der später entstand, trat escher zunächst als verwaltungsratspräsident der ska zurück. doch auch der bundesrat, vor allem eschers freund emil welti, liess ihn in der folge fallen. schliesslich musste er gar bei der gotthardbahn demissionieren.

das „system escher“, das politik, wissenschaft, technik und finanzen in einer bisher beispielslosen art und weise umfasst hatte, war damit gescheitert: nicht zuletzt aufgrund einer demokratischen und sozialen bewegung, als deren ausfluss die sozialdemokratische partei zürichs rund um karl bürkli entstand.

demonstriert wurde die tragik eschers, als er, der in seinem leben so viel unternommen und gesehen hatte, zur offiziellen eröffnung des gotthardtunnels am 24. mai 1882 gar nicht mehr eingeladen wurde. gut ein halbes jahr später, am 6. dezember, verstarb er einsam.


das neue buch zu alfred escher, dem fliegenträger des 19. jahrhunderts, rechtzeitig zum 125. todestag von heute erschienen

der biograf

joseph jung, professor für wirtschaftsgeschichte an der universität in freiburg, gleichzeitig chefhistoriker der credit suisse und neuer direktor alfred-escher-stiftung hat, rechtzeitig zum heutigen 125. todestag von alfred escher eine populär aufgemachte biografie eschers herausgegeben. darin urteilt er vorsichtig optimistisch: ohne die ausserordentliche tatkraft eschers hätte die schweiz den anschluss an die industrialisierung durch eben diese fortbewegungstechnologie verpasst, fasst er seine studie zusammen.

gründe hierfür sieht jung im rückstand, den sich die förderalistische schweiz in den 1830er jahren gegenüber der eisenbahnindustrialisierung in grossbritannien, den vereinigten staaten oder frankreich eingehandelt hatte. die bis heute populäre einweihung der „spanisch brötli“ bahn 1847 sei keine herausragende tat, sondern ausdruck der verspätung gegenüber den neuen industriestaaten gewesen, kritisiert jung.

der historiker zeigt auch das netzwerk auf, das an den liberal und radikal gesinnten universitäten entstand und sich in der studentenverbindung zofingia verfestigte. es eignete sich zur führung von entscheidungen in verschiedenen spähren während der einzigen phase des wirklichen wirtschaftsliberalismus‘ in der schweiz ausgesprochen gut.

und jung verschweigt das politische und private scheiterns eschers nicht, der die welt als liberaler verstand und auch so handelte, der aber feststellen musste, wie öffentliche meinung und opposition einen überspannten bogen auch zum bersten bringen können. escher hält er dabei zu gute, nicht an sich, sondern an die schweiz und zürich, gedacht zu haben.


an der bahnhofstrasse 46 in zürich, dem alten standort der gotthard-bahndirektion feiert man alfred escher unverändert als wirtschaftspionier und staatsmann (foto: stadtwanderer, anclickbar)$

die kulturell bleibende wirkung

aufstieg und fall alfred eschers haben die politische kultur der schweiz nachhaltig geprägt: da ist die weitgehend ungebrochene bewunderung für wirtschaftliche prioniertaten, seien es nun neue eisenbahntunnels, schnellstzugverbindungen oder swissairhöhenflüge. da ist aber auch die abgrundtiefe skepsis gegenüber machtballungen, vor allem in form von politischen anführern. es zählt auch die immer wiederkehrende hoffnung hinzu, dass private initiative bessere leistungen erbringe als staatliche. selbst wenn man weiss, dass die günstigste offerte eigentlich nie die sicherste ist. und da ist das liberale selbstverständnis, dass stets offen für grossartige zukunftsprojekte ist, aber nicht versteht, wenn sich mit gleicher regelmässigkeit öffentliche opposition gegen solche einschätzungen äussert.

auch wenn man weniger biografisch, mehr politkulturell ausgerichtet über escher nachdenkt: es lohnt sich, das neue buch zu seinem leben zu lesen, um sich der aktualität der reaktionen gegenüber figuren von eschers schlag zu vergegenwärtigen. übereinstimmungen mit jenen zu lebenden personen, die uns tagtäglich in zürich und anderswo begegnen, sind durchaus beabsichtigt.

stadtwanderer


Comments

1 Comment so far

  1. E. Hugi on Dezember 6, 2007 23:16

    Escher ist der Begründer der modernen Schweiz, und er ist das erste Opfer der Neidgenossen geworden!

Name (required)

Email (required)

Website

Speak your mind