zwischen 1993 und 1995 war ich fünf mal in albanien: am häufigsten in tirana, der hauptstadt, aber auch in shkodra, dem zentrum des nordens, in gjirokastra, dem pendant des südens, sowie in durres und vlora, den hafenstädten an der adria.


typische erinnerung an albanien in der ersten hälfte der 90er jahre: nichts klappte mehr nach dem übergang von der diktatur zur demokratie

politische entwicklungshilfe

in den harten zeiten des umbruchs von der kommunistischen diktatur zur demokratie nach europäischem vorbild wäre es kaum jemanden in den sinn gekommen, ferienhalber nach albanien zu reisen. zu kaputt war die wirtschaft, zu hart war die gesellschaftliche polarisierung und zu unversönlichen die politischen gegensätzen zwischen den anhängern des alten und des neuen systems.

auch ich war nicht ferienhalber in albanien. ich war im auftrag des eda in der jungen demokratie, – aufbauhilfe war das stichwort. und ich war in dieser mission nicht allein: marie-angela wallimann, die scheidende generalsekretärin der bundesversammlung, war dabei, genauso wie marco albisetti, der frühere berner gemeinderat, und michael bader, der berner anwalt und präsident einer stiftung für osteuropa-hilfe. wir alle waren mit der absicht in albanien unterwegs, einen kleinen beitrag zum aufbau demokratischer strukturen zu leisten.

der aufenthalt war für uns alle eine grosse herausforderung. denn albanien kannte vor allem unterdrückung. die sicherte zwar stabilität, aber kein demokratisches gedankengut. ersteres war angesichts der ethnischen minderheiten und der menschen mit verschiedener herkunft im norden und im süden des landes durchaus von vorteil. denn mit dem wegfall der diktatur kamen fragen der möglichkeit von koexistenz unterschiedlicher kulturen im gesellschaftlichen und politischen sinne wieder virulent auf. und sie wurden politisch ausgenutzt: der norden galt als hochburg der rechten, der süden als bastion des südens. diese kombination war nicht nur ideologischer sprengsatz, sondern auch sozialer und räumlicher.

mein kristallisationserlebnis zur konkordanz

in den vielen gesprächen, die ich in albanien führen konnte, habe ich eines gelernt: was der vorteil der konkordanz ist. ich habe mich in meinen vorträgen, unter anderem vor parlamentskommissionen, aber auch für das albanische fernsehen, immer wieder für diesen gedanken eingesetzt, denn er erschien mir nicht nur eine antwort auf die probleme mit der politischen polarisierung zu sein, sondern auch eine notwenigkeit angesichts der gesellschaftlichen voraussetzungen.

im nu haben ich im arg zerstrittenen, wirtschaftlich darnieder liegenden albanien begriffen, was ich jahre zuvor in den seminaren zur politikwissenschaftlich gelernt hatte: denn seit der niederländische politologe arend lijphart 1968 die moderne konkordanztheorie begründet hatte, gilt eine seiner annahmen ziemlich unverrückt: konkordanz sichert gerade in heterogenen gesellschaften politische stabilität. die theorie postulliert, es sei möglich, destabilisierende effekte in einer von subkulturen geteilten gesellschaft ausgleichen zu können. das wichtigste ist dabei, auf konfliktlösungsmuster zu verzichten, die sich nach dem angelsächsischen vorbild an der mehrheitsregel ausrichten. denn diese, so viele vorteile sie für die demokratie hat, wird zum problem, wenn sich die mehrheit gesellschaftlich aus den immer gleichen kulturellen gruppen produziert.

albanien und die schweiz im rückspiegel

ich weiss nicht, ob die vermittlung dieses gedankens in albanien wirklich früchte getragen hat. die politische polarisierung nach den ersten jahren der unterdrückung mit einigen schweizern polithelfern moderieren zu wollen, war sicher eine grosse hoffnung. in der kurzen zeit, in der wir präsent sein durften, entwickelte sich albanien auf keinen fall in diese genannte richtung.

wahlen galten den albanischen eliten hüben und drüben als demokratisches ritual, das man manipulativ durchbrechen durfte: die rechte, mit amerikanischem kapital ausgestaltet, holte sich konservative berater ins land, die das einfach volk verführten, und die linke, die sich immer noch auf teile des kommunistischen machtapparates stützen konnte, mobilisierte ihre erfahrungen in der herrschaftsausübung auf diese art und weise.

vielleicht haben wir aber einen gedanken vermittelt: kulturelle segmentierte gesellschaften können sowohl diktatorisch wie demokratisch koexistieren. wenn sie es demokratisch tun wollen, ist aber nicht der wettbewerbsgedanke, sondern jener der konkordanz empfehlenswert.

warum mir ausgerechnet heute das wieder in den sinn kommt? meine erlebnisse in albanien haben mir meinen blick auf die schweiz geschärft. mir wurde damals klar, was für einen weg die schweiz beschritten hatte, als sie, vor allem nach dem generalstreik von 1918, den klassenkampf und den mit ihm verbundenen politischen konflikt entschärfte und damit schritte zur konkordanzdemokratie entwickelte. das ging in der schweiz auch nicht ein oder zwei jahre. es brauchte ein ganze generation, welche diese lernschritte machen musste, bis sie getragen wurden. institutionell musste man begreifen, die politische vertretung aller sozialer segmente durchzusetzen, denn nur das sichert verhandlungs- anstatt machtlösungen.

konstante und variable voraussetzungen der konkordanz in der schweiz

lijphart favorisierte solche verhandlungsmuster nicht generell, aber unter vier bedingungen. drei wären wie in der schweiz auch in albanien erfüllt gewesen: das kleine land mit der geringen bevölkerungszahl, die starke geografische resp. damit verbundene kulturelle aufteilung der regionen, der sprachen und der konfessionen und das gefühl der äusseren bedrohung.

das gleichgewicht der kräfte, das lijphart als viertes kriterium erwähnt, ist in albanien bis heute nicht erfüllt. demokraten und sozialisten können sich nebst ihrer hausmacht nicht dauerhaft auf politische stabile wählergruppen stützen. mal siegt die eine seite klar, mal die andere.

ein gleichgewicht der kräfte gab es nach 1919 auch in der schweiz nicht. die konkordanz entstand, weil die bürgerlichen mehrheitsregierung an den inneren widersprüchen zerfiel. mit der herausbildung des vierparteiensystems in der zweiten hälfte der 30er jahre ergab sich in der schweiz diese voraussetzung für konkordanz.

wenn die konkordanz heute angesichts veränderten parteistärken für klinisch tot erklärt wird, sollte man eines nicht vergessen: die gesellschaftlichen voraussetzung der konkordanz in der schweiz sind auch nach den wahlen vom 12. dezember 2007 die gleichen geblieben: die kleinheit der verhältnisse, die räumlich bestimmten sprach- und konfessionskulturen, der gegensatz von stadt-und-land bzw. von berg-und-tal sind noch genau die gleichen. und sie lassen es, wie die lehre von lijphart nahelegt, weiterhin ratsam erscheinen, unverändert nach dem schweizer und nicht nach dem albanischen muster konfliktregelungen zu suchen.

stadtwanderer

mehr zur konkordanztheorie für gespaltene gesellschaften:
jürg steiner über arend lijphart


Comments

1 Comment so far

  1. Elsbeth on Dezember 22, 2007 22:53

    Eine schöne Geschichte!

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