der jahreswechsel war anregend. schöne aussichten an silvester und neujahr auf die walliser berge brachten dem stadtwanderer die erhoffte abwechslung. dennoch blieb er beim thema: einer seiner gastgeber, armin, ist auf dem sprung, walliser wanderleiter zu werden.


munder aussichten am abend des silvester 2007 und am morgen des neujahres 2008 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

von mund aus will er ab diesem jahr seine gäste in die höhen der berge führen, ihnen die schönheiten der natur zeigen und etwas über die eigenheit der regionalen kultur erzählen. eines darf bei ihm aber keinesfalls zu kurz kommen: ausgesuchter wein und spezielles essen gehören zu den festen bestandteilen seines geplanten genusswanderns!

die gemeinde mund zu beginn des jahres 2008

auf einer kleinen kostprobe in mund-dorf bleibt meine aufmerksamkeit allerdings nicht wie erwartet beim safran-museum hängen. vielmehr interessiert mich die munder kirche. jüngst war sie in den schlagzeilen, weil die gemeindeverwaltung sie des gefährlichen asbest-daches wegen schloss. der umbau des gebäudes aus den 60er jahren hat viel zeit und geld gekostet, – für die 529 seelen in mund eine erhebliche belastung.


die munder kirche von 1964, seit jüngstem renoviert, steht genau an der stelle, wo dereinst die pestkapelle von 1348 stand (foto: stadtwanderer, anclickbar)

in einer broschüre zu mund entdecke ich das kommentarlos aufgeführte baujahr des vorvorläufers der munder kirche, der kapelle von 1348. „das war doch das pestjahr!“, sag ich mir.

das pestjahr 1348 und die folgen

hatte man die kapelle gebaut, weil die pestüberlebenden der grossen seuche nicht mehr nach naters, der eigentlichen pfarrkirche von mund, tragen konnten? – genaues weiss man nicht. vermutungen gibt es aber schon: von sitten, dem bischofssitz beispielsweise, ist bekannt, dass innert jahresfrist nach einbruch der pest 380 von 480 einwohnerInnen verstorben waren.

hoch oben auf dem fels über dem tal mag man etwas besser geschützt gewesen sein. die pest von 1348 verschonte keinen einzigen walliser weiler. doch schädigte sie nicht alle gleich: der grosse verlierer war der adel. in einem dreiviertel jahrhundert nach der pest war er aus dem oberwallis ganz verschwunden. und genau das ermöglichte es den weileren, eigene gemeinden zu werden.

die grafschaft wallis und das bistum sitten

999 übergab der burgundische könig rudolf III. die grafschaft wallis dem bischof von sitten als lehen. 1032, bei seinem tod ohne rechtmässigen nachfolger, trat kaiser konrad II. das burgundische erbe an. im rhonetal sicherte er die herrschaft des imperiums, indem er den sittener bischof zum reichsfürsten erhob. nach aussen war man damit im oberen rhonetal reichsunmittelbar. nach innen liess das formen der selbstverwaltung zu.


die wachsende kirche im bistum sitten bis zum jahre 1000 (quelle: wikipedia, anclickbar)

der bischof von sitten organisierte seine kirchen und höfe in 10 zenden (zehntel), denen in gerichtsfragen ein viztum und in verwaltungsangelegenheiten ein meier vorstand. die versammlung aller zenden, den landrat, leitete der bischof sicherheitshalber selber.

durch die einverleibung der grafschaft wallis ins kaiserreich ging der burgundische charakter schrittweise verloren. vor allem die alemannisierung schritt rasch vor an. über die grimsel wanderten neue völkerschaften ins weitgehend menschenleere goms ein. doch auch über die gemmi und den lötschenpass sollen sie gekommen sein, um die burgunder bis unter leuk zurückzudrängen.

der bischof, der die geistliche und weltliche herrschaft ausübte, sah sich bald zwei unterschiedlichen adelsformationen gegenüber: seit dem 11. jahrhundert dehnten sich die grafen von savoyen, die seinerzeit kaiser konrad unterstützt hatten, im burgundisch gebliebene wallis aus. zeitweise stellten sie den bischof und betrieben sie die direkte übernahme von teilen des bistums durch das mutterhaus. im oberen teil des tales gab es dagegen keinen adel mit vergleichbarer stellung. am ehesten noch ragten einheimische geschlechter, die sich im 12. jahrhundert erhoben, heraus. zu ihnen zählten die herren von turn in niedergesteln.

der frieden von 1301: klerus, adel und bauersleute nebeneinander

der aufstieg des adels als weltliche herrscher dauerte bis ans ende des 13. jahrhundert. 1296 wurde er jäh gestoppt. nahe leuk standen sich damals die savoyer und turner einerseits, der bischof, seine landleute und die stadt bern anderseits gegenüber. auf dem seufzerfeld fiel die entscheidung zu gunsten letzter. das bistum wurde mit dem frieden von 1301 gesichert. der landrat erhielt durch ihn eine stärkung, während der adel erstmals erworbene rechte einbüsste.


herrschaftsgliederung im wallis nach dem frieden von 1301 (quelle: wikipedia, anclickbar)

vor allem wurde es mit dem beginnenden 14. jahrhunder möglich, aus den alten bischöflichen pfarreiverbänden heraus gemeinden zu bilden. im alten zenden naters gingen naters, glis, simplon, flue, birgisch und eggerberg voran. ried, termen und gamsen folgten mitte des jahrhunderts, während man ganz oben auf dem fels, in mund, noch nicht soweit war. unverändert waren die leute, die hier lebten, leibeigene eines freiherrn aus dem dorf oder der umgebung.

das wallis war mit dem frieden von 1301 eine gradezu idealtypische mittelalterliche gesellschaft geworden: die pfarrherren bildeten den klerus; die freiherren formierten den adel, und die gemeinden organisierten die bauersleute. über allen thronte aber der mächtige bischof als landesvater.

der niedergang der herren von turn

mit der pest wurden viel alte abmachungen hinfällig. vor allem wurde der prekäre frieden von 1301 ruckartig aufgekündigt.

den anfang machte freiherr peter V. von turn. 1351 drängte er den bischof, ihn als meier im verkehrstechnisch wichtigen leuk einzusetzen. der jedoch zögerte und rief die savoyer gegen den turner zu hilfe. diese besetzten sitten und erklärten sich zu den neuen herren des ganzen verarmten wallis.

allen brüchen machten sich nun die unterschiedlichen traditionen im burgundischen und alemannischen teil des tales bemerkbar: die zentralen zenden leuk, siders und sitten beriefen sich auf ihre verbrieften rechte der reichsunmittelbarkeit, fanden aber bei kaiser karl iv. kein gehör. leuk schloss sich darauf hin mit raron, visp, naters und goms zu einem gemeinsamen schutzbündnis gegen die ansprüche der savoyer zusammen.

zum neuerlichen friedensschluss kam es erst nach 10 jahren unruhen: der bischof blieb auch nach 1361 landesherr, savoyen verzichtete auf ansprüche im mittel- und oberwallis, auferlegte aber den revoltierenden zenden eine hohe kriegskontribution. als der bischof diese eintreiben wollte, stiess er auf widerstand. im goms wurde er gar gefangengesetzt und erst wieder freigelassen, als er auf seinen forderungen verzichtete.

für witschard tavelli, wie der damalige bischof hiess, sollten die spannungen der jahre nach pest den gewaltsamen tod bringen. 1375 wurde er auf seiner burg von anton von turn ermordet. doch schlug sich das volk nicht auf die seite des mörders, sodass sich dieser nach savoyen absetzten musste. seine güter in niedergesteln sollte er nie mehr wieder sehen.

die savoyer besetzten nun alles, was dem bischof gehört hatte und kauften den besitz der herren von turn rundherum auf. zum neuen bischof bestimmte der graf von savoyen seinen vetter eduard.

dessen anerkennung blieb jedoch bruchstückhaft: denn nach dem tod des kaisers karl iv. 1378, gab es zwei päpste, je einen in rom und einen in avignon. dieser unterstützte savoyen und eduard, während sich jener widersetzte. 1383, beim tod des unbeliebten savoyer grafen amedée VI., erhoben sich die oberwalliser erneut, diesmal unter dem freiherrn von raron. sie erzwangen den abzug der savoyer aus sitten und erwirkten den rücktritt ihres umstrittenen bischofs. frieden schloss man 1392, als savoyens bonne der bourbon nach einem jagdunfall des grafen die gunst der stunde nützte und den friedensvertrag von 1301 wieder anerkannte.


die gestelnburg, wo die herren von turn hausten, nach dem burgenbruch von 1384 (quelle: wikipedia)

aufstieg und fall der herren von raron

doch nun hatte der reiche freiherr von raron das sagen. 1386 übernahmen sie das bischofsamt und behandelten es wie ihr eigen. 1414 schloss man sich könig sigismund an, als er dabei war, die herrschaftsverhältnisse im alten burgund zu bereinigen: die savoyer erhob er zu herzögen, wies ihnen aber turin und die westliche lombardei als neuen machtbasis zu; bern wiederum machte er zur reichsstadt und seine bewohner zur dominierende kraft im westlichen mittelland.

am liebsten hätte sigismund witschard von raron zum alleinigen grafen über das ganze wallis erhoben. doch dagegen erhoben sich die alemannischen oberwalliser einmal mehr. in brig gründeten sie die gesellschaft „von dem hund“, welche den bischof, einem verwandten des freiherren von raron, unter druck setzte und die dauerhafte anerkennung des landrates und seiner kompetenzen erzwang.

zudem schlossen die zenden von sitten bis goms mit unterwalden, luzern und uri ein schutzbündnis, das sie zu zugewandten orten der eidgenossenschaft machte. der bischof wiederum flüchtete selber nach bern und brachte damit die aarestadt in zugzwang.

die republik der 7 zenden

erst auf eidgenössische vermittlung erhielt der sittener bischof seine vollen rechte zurück, verzichtete aber zur überraschung aller auf eine ungedeckte rückkehr in die kapitale an der rhone. bern versuchte, ihm mit gewalt den weg nach sitten zu zu ermöglichen, wurde aber 1419 bei ulrichen von den oberwallisern geschlagen.

1420 wurde der bischof zwar förmlich wieder eingesetzt, jetzt aber in der republik der 7 zehnden. das sagen hatte nun der landrat der zenden. 1475 sollte er sich so stark fühlen, um die savoyisch verblieben gebiete im unterwallis zurückzuerobern, sie aber nur als untertanen der republik wieder aufzunehmen.

mund profitierte von diesen neuen verhältnissen schon früh. 1427 kaufte es sich von den herren von raron, die durch heirat die rechte über mund erworben hatten, los. man kann das auch als startpunkt der gemeinde mund ansehen, die im jahre der pest eine kapelle erhalten und nun, 79 jahre später, auch eine eigene verwaltung bekommen hatte.

zu den herausforderungen des wanderleiters von mund

auf unserem rundgang durch das heutige mund besuchen wir noch die kirche, die seit der renovation wieder offen ist, mit dem neuen holzdach gesund, aber auch wie eine turnhalle wirkt. leider, füge ich bei, erinnert uns keine tafel und kein prospekt an die turbulente entstehungsgeschichte der gemeinde.


die erste affiche des munder wanderleiters armin und seine aussichten für den februar 2008 (fotos: stadtwanderer, anclickbar)

da wartet noch ein grosses stück arbeit auf die schaffenskraft des neuen munder wanderleiters.

meinen kleinen anschub hierzu habe ich hoffentlich geleistet. ich sage danke für die gastfreundschaft und wünsche bei den kommenden touren viel genuss.

prost neujahr!

stadtwanderer


Comments

2 Comments so far

  1. Monsieur Georges on Januar 7, 2008 23:50

    Wenn ich das Plakat sehe, kommt mir das leicht anders vor: Da geht es doch eher um Natur als Erlebnis, nicht als Bedrohnis. \\\"Lebe dein Leben\\\" wäre wohl die treffendere Geschichte gewesen als \\\"Sterbe Deine Tod\\\". Generell, die alten Geschichten interessieren da doch niemanden, Stadtwanderer. Schneewandern als Genuss, nicht als Verdruss, ist heute gefragt!

  2. stadtwanderer on Januar 8, 2008 00:53

    o.k., ich geb\\\’s zu: da ist wohl mehr an die glückliche \\\"erlebnisgesellschaft\\\" von gerhard schulze gedacht worden, als an meine traurige sozialgeschichte des untergehenden (walliser) adels.
    doch der rundgang durch mund erinnerte mich mehr an das nie enden wollende mittelalter, als an die jahrtausendwende mit ihren beschäftigungen des freizeitlebens.
    davon können auch die safranbauern ein lied singen. der anbau ist riskant, die ernte ist zeitraubend, und der ertrag ist unsicher. ich glaube 2007 und 2006 waren keine guten jahre für den safran. das dorf hat zusammen gut ein kilo safranfäden produziert.
    und die unsicherheit erschwert es, nachwuchs zu finden, in der safranzunft wie auch unter den zunftbauern. die jungen resp. jüngeren leute hält oder bringt es wenig auf den felsen von mund. sie gehen ins tal, und wohl immer mehr auch in die nächst gelegene stadt.
    ich würde es mund gönnen, wenn ihre erlebniswelt aufblühen würde!

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