war heute in st. gallen. seit neuestem unterricht an der hsg „empirische politikforschung in der praxis“. und ich will demnächst als stadtwanderer in der gallus-metropole beginnen!


denis de rougemont in seiner studierstube, heute mein unglücklicher zugspatron, der mich zum nachdenken anregte

doch schon in zürich blieb ich heute auf dem weg von bern nach st. gallen stecken. musste unerwartet aus- und umsteigen. so hatte ich ein wenig mehr zeit zum nachdenken.

die lokomotive meines alten zuges war „denis de rougemont“ gewidmet. „ausgerechnet!“, reif ich aus. dem konservativen schweizer politphilosphen aus dem neuenburgischen, der 1985 verstarb.

denis de rougement war zeit seines lebens ein intellektueller, – in der schweiz nicht gerade etwas häufiges. er war europäer. auch das eher etwas seltenes.

aber de rougemont war kein grosser anhänger eines vereinten europas. ein wenig wie jean-françois bergier, dem grossen schweizer historiker der gegenwart. de rougemont war ein überzeugter vertreter des europas de kulturen.

in der nachkriegszeit lebte de rougemont zuerst in genf, dann in paris. über schob er kulturelle begegnungszentren für menschen unterschiedlicher herkunft an. in seinem lebenswerk, „die zukunft ist unsere sache“ betitelt, dass erst 1977 erschien, bilanziert er „sein“ 20. jahrhundert: nation, technik und wachstum waren seine grossen themen, die er kritisch anging. sie hatten für den denker aus der westschweiz etwas gefährliches an sich, denn sie wirkten (und wirken!) seiner auffassung nach wie eine religion. und sie kennen die gleichen erscheinungen wie die institutionalisierten religionen: homogenisierung der kulturen und konzentration der macht.

dagegen empfahl der schweizer politische philosoph des 20. jahrhundert die dezentralisierung: das europa der kulturen, denn nur dieses erlaube bürgerbeteiligung und -mitbestimmung.


die lok „denis de rougemont“, die in zürich stehen blieb (foto: stadtwanderer)

doch dann musste ich mich beeilen. die technische panne ist unlösbar, wir bekamen einen neuen zug. denis de rougemont blieb symbolischen aussen vor. ich fuhr mit dem zug „alice rivaz“, einer welschen schriftstellerin, nach st. gallen.

dort wartete, als ich eintraf, schon der unterricht an der kaderschmiede für die schweizer wirtschaft. einen moment noch staunte ich, dass ausgerechnet die sbb denis de rougemont gedenkt. denn die eisenbahnpolitik der schweiz litt im 19. jahrhundert darunter, dass die schweiz 1848 keine nation, sondern ein bundesstaat wurde. eine nationalen eisenbahnpolitik hat das während jahrzehnten verunmöglicht. erst das gotthard-projekt brachte die gesamtschweizerische dimension in die linienführung der kantonalen eisenbahnen und legte den grundstein für die verstaatlichung der privaten eisenbahnen.

denis de rougemont blieb heute nicht nur symbolisch auf der strecke. doch vielleicht wollte der zugsausfall von heute mir mit auf den weg geben, den neuen managerInnen der schweiz in der globalen welt mitzugeben, nebst aller modernisierung auch die kulturellen eigenheiten der regionen schätzen.

technik braucht grosse räume, um erfolgreich zu sein. doch kultur bleibt gerade in europa regional bestimmt, – und ist genau deswegen erfolgreich geblieben!

stadtwanderer


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