das war neu. „stadtwandern“ auf dem rütli. so geschehen am vergangenen samstag. und erst noch mit einer art gegenweltregierung.

mit greenpeace international auf dem rütli

einmal pro jahr treffen sich die regionenverantwortlichen von „greenpeace“ aus der ganzen welt, um gemeinsam um den stand der umwelt, die entwicklung der politik und die leistungen der eigenen organisation nachzudenken. diesmal fand das treffen der rund 30 topaktivistInnen der globalen umweltorganisation auf einladung von greenpeace schweiz in unserem lande statt.


die legendäre geburtsstätte der schweiz: das rütli, wo ich mich mit greenpeace international traf (foto: bianca rousselot)

am samstag war ein ausflug mit dem stadtwanderer angesagt. die kulisse war gegeben: der vierwaldstättersee, dort wo die greenpeace präsidentin cécile bühlmann wohnt. die schiffahrt dient, um ein apérçu der schweiz zu geben: leben heute, gesellschaft, politik und gegenwart ist das thema meiner kollegin bianca rousselot. diskutiert wurden aber auch themen wir frauenstimmrecht, gentechnologie in nahrungsmitteln und folgen des tourismus für die umwelt.

auf dem rütli stiegen wir von bord. eine kleiner spaziergang hinauf auf die legendäre geburtsstätte der eidgenossenschaft führte uns vorbei, an einem bauernhof, kuhflade und weissen schafen. die sitzgruppe aus stein, unter freiem himmel, aber durch einige bäume von der umgebung abgeschirmt, war der ideale ort, über die ursprünge des schweizerischen demokratieverständnisses nachzudenken.

zuerst die wurzel in der tradition

ich spielte auf die zeit der einwanderungen germanischer völkerschaften an, die, um dem adel zu entfliehen, in immer abgelegenere gegenden siedelten. die nordtäler der alpen gehören ohne zweifel dazu. hier erhielten sich, wie beispielsweise auch in island, traditionelleste formen der der politik.


germanischer thing, überliefert durch die römer anhand der kaiser marc aurel säule in rom

der thing gehört dazu. in ihm versammelten sich, unter freiem himmel, die freien bauern, ohne ihre frauen, knechte und sklaven, um ihren häuptlich zu wählen, über krieg und frieden zu entscheiden, und recht zu sprechen. die jährliche versammlung dauerte in der regel drei tage. der erste davon, war der erörterung der allgemeinen lage gewidmet; in der regel fand er unter grossem einfluss von met, dem alkoholisierenden bier der germanischen völker statt. der zweite tag wurde nüchtern bestritten, hier ging es um entscheidungen in der sache, und am dritten tag wurden die würdenträger gewählt. diese archaische form der bäuerlichen selbstverwaltung wurde später vielerorts durch die fremde adelige umgestaltet und entpolitisiert. sie lebte nun in den peripherien, in den siedlergesellschaften, in der marchgenossenschaften weiter. die landsgemeinde in den voralpen- und alpengebieten, die bis in 20. jahrhundert in kleinen kantonen überlebte gehört dazu. ihre fortsetzung findet diese art und weise der selbstverwaltung heute namentlich noch in der gemeindeversammlung, welche die lokale politik regelt.

dann die wurzel in der revolution

die aufklärung brachte den gedanken der volkssouveränität in die europäische gesellschaft der aristokratien, der monarchien und der reiche zurück. das naturrecht bestimmte die herkunft der menschen als freie und gleiche. es fand seinen ausdruck in der unabhängigkeit der vereinigten staaten von grossbritannien und der revolution der französischen nation gegen den könig, den adel und die kirche.


eugène delacroix: la liberté (1830)

der gedanke sprang von da auf die schweizerische eidgenossenschaft übrig. sie wollte unabhänig und frei sein. sie wollte sich selber bestimmen und verwalten. die bürger entschiedend sich, die partizier zu entrechten und gemeinsam mit den bauern den liberalen bundesstaat zu begründen. dieser wurde schrittweise gebildet und demokratisiert: die liberalen, die radikalen, die demokratischen, die sozialen, die ökologischen und die nationalistischen bewegungen habe je ihren teil zu den demokratievorstellungen entwickelt, eingebracht und zur institutionalisierten demoraktie beigetragen. ausgeburt diese entwicklung ist nicht die räumlich beschränkte versammlungsdemokratie der hausvorsteher, sondern die wahl- und in der schweiz insbesondere die abstimmungsdemokratie. sie hat die individuellen möglichkeiten der einflussnahme gestärkt, indem sie, unter einfluss der medialen öffentlichkeit kollektive debatten und entscheidungen zulässt.

schliesslich das amalgam

im schweizerischen demokratieverständnis ist beides zusammengewachsen. nicht eigentlich als übergeordnetes politisches system. vielmehr als amalgam aus verschiedenen vorstellungen, die zu demokratischen institutionen geführt haben, welche eigen und gleichzeitig breit verankert sind.


in voller aktion: der stadtwanderer auf dem rütli, bei seinen ausführungen über die ursprünge der demokratie in der schweiz (foto: bianca rousselot)

das bild passte: greenpeace international, der gefürchtete politische akteur sass auf dem rütli und hörte eine demokratiestunden, an dem ort, der in, in der legende wenigstens, die geburt der schweizerischen demokratie symbolisiert.

meine zuhörerInnen aus der ganzen welt haben mir und dem veranstalter die ausführungen gedankt. sie haben herzlich gelacht, als die schafe von nebenan in passenden und unpassenden momenten blöckten, und sie haben kritische fragen gestellt, als flugzeuge über uns hinweg donnerten.

ich hoffe, sie wurden von den knorrigen wurzeln, die rund um ihre steinstühle aus dem boden drückten, etwas über die herkunft, aber auch über die transformation des schweizerischen demokratieverständnisses mit auf ihren weg nehmen.

stadtwanderer


Comments

5 Comments so far

  1. bidu on März 31, 2008 00:53

    u dr täul, worom hesch vo däm nüd gseit?

  2. stadtwanderer @ bidu on März 31, 2008 13:31

    das wäre eine lange geschichte, soviel für den moment: die legende der drei eidgenossen auf dem rütli hat ja noch halbwegs einen realen hintergrund: uri, schwyz, später auch unterwalden waren privilegiert reichsländer, die zu ihrer selbstverwaltung resp. zur kontrolle des gotthard und anderer alpenpässe im 13. und 14. jahrhundert ein bündnis unter sich später mit den städten luzern, zürich und bern eingegangen sind. aus meiner sicht macht die erzählung vom rütli noch etwas mehr sinn, selbst wenn auch sie erst nachträglich geformt worden ist.
    bei tell ist faktisch einfach nichts an belegen beizubringen. er ist in der erzählten form eine erzählte geschichte, die aus der vorstellung stammt und für die identifaktion dient. historisch gesehen steht wilhlem tell auf äusserst wackeligen füssen, telldenkmal in altdorf hin oder her!
    die erwähnung im gleichen umfeld ist zwar legendär, deshalb aber noch lange nicht richtig. schriftlich fassbar ist wilhelm tell erst im 15. jahrhundert, bildhaft geformt wird er im 16. jahrhundert. für einen, der im 1291 eine grosse tat vollbracht haben soll, ist das reichlich spät nachgeholt.
    doch, lieber bidu, du bist wie meine greenpeacler. auch sie wollten wissen, wo auf dem rütli der apfelschuss war. ich musste nach hinauf zeigen, und das erst noch mit etwas schlechtem gewissen!

  3. weissnicht @ichweisses on März 31, 2008 20:31

    Sorry Stadtwanderer, wenn ich Ihnen und dem Bidu hier einfach so reinpfusche, bin ja eh immer im falschen Film.

    "Jeder sucht die Schuld beim Anderen" waren Ihre Worte Ichweisses. Ich persönlich konnte damit nichts anfangen, da ich zuallererst immer die Schuld bei mir selbst suche, bevor ich über Andere urteile.

    Aber "Jeder sucht die Schuld beim Anderen" diese Aussage brachte mich in den letzten Tagen über die Runden, zumal sie (die Aussage) mich nun nicht mehr, dafür aber die Anderen zum nachdenken brachte.

    Sie haben bewirkt!

    Jaja Stadtwanderer, mich gibt es auch noch!

  4. stadtwanderer @ mich gibts auch noch on März 31, 2008 21:15

    schön, habe sie fast schon ein wenig vermisst, ein piips von bidu in der nacht, das war alles die letzten tage! also, fröhlich drauf los, am stammtisch vom stadtwanderer.
    wie finden sie meine geschichte zu den drei eidgenossen und marianne?

  5. weissnicht @stadtwanderer on März 31, 2008 23:14

    Darf ich Ihnen Ihre Frage etwas später beantworten, denn ich hab in letzter Zeit nur überflogen.
    Da ich ja die Einzige bin, die auf Ihrem Blog von Gefühlen spricht, sag ich Ihnen, dass wir die letzten 14 Tage die Hölle auf Erden hatten. Meine Tochter absolvierte ein Praktikum. Ein Praktikum beinhaltet, dass man diese Person einlernt, sie unterstützt und vor allem ihr etwas lehrt, ihr etwas beibringt.
    Bei ihr war das nicht der Fall. Sie wurde voll ins kalte Wasser geworfen. Nach 1 1/2 Jahren Schule sollte sie einen Job abliefern, den nur ein voll-ausgelernter Grafiker schaffen kann.
    Ihr Chef sagte ihr nach 1 Monat, sie sei nichts wert, sie könne ja nichts und jede Arbeit die sie ablieferte betitelte er als Scheiss. (Zu erwähnen wäre, dass sie einen 5-6 im Zeugnis hatte)
    Meine Tochter ist am Boden, jegliches Selbstwertgefühl wurde ihr genommen.
    Gottlob, hat sie ihre Lehrerin da heute rausgeholt. Ihr Chef meinte blos, sie bekäme weder ein Zeugnis für diese 2 Monate, geschweige denn Salär für die 2 Monate, wo sie auch mal 16 Stunden am Strang gearbeitet hat.

    Herr Stadtwanderer, für mich ist Solches Neuland. Denken Sie, der Eine oder Andere geht auf mein Geschriebenes ein?

    Wenn doch nicht, so wissen Sie wenigstens, warum ich in letzter Zeit so ruhig war.

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