gelungener wurf

September 28, 2008 | 8 Comments

keines der geschichtslehrbücher über die schweiz, die in den letzten jahren erschienen sind, hat mir auf anhieb so gefallen wie dieses: „auf zur schweiz. geschichte – mythen – legenden“. besser noch: selbst nach der ersten lektüre bin ich über den gelungenen wurf entzückt.

das buch ist vorbildlich kurz. es umfasst nicht einmal ganz 100 seiten. der zeitraum, der dabei abgedeckt wird, ist dennoch umfassend. erzählt wird nicht etwa die geschichte der eidgenossen, sondern jene des heute schweizerischen raumes. die zeittafel mit wichtigen stationen auf dem weg in diesem gebiet umfasst denn auch nicht 700, sondern 7000 jahre.

natürlich kann der rütlischwur nicht fehlen. doch kommt er gerade mal auf sieben zeilen vor. wilhelm tell wiederum ist vor allem bildlich präsent. eher als witzfigur denn als nationalarmbruster. damit ist klar, was autor grégoire nappey und seine beiden illustratoren mix und remix für eine botschaft haben: legenden sind das, die uns eine bestimmte schweiz vermitteln wollen.

in diesem büchlein geht es aber um eine andere, um die kulturelle schweiz. deshalb werden keltische bauern, die vor 2000 jahren hier lebten genauso vorgestellt wie ihre beherrscher, die römischen adligen. man erfährt einiges über völkerwanderung und christianisierung und über das kaiserreich des mittellalters, zu dem unser gebiet lange gehörte. dann geht es in fünf etappen um das werden der schweiz: ihre entstehung als eidgenossenschaft im kaiserreich (1291-1516), ihre unabhängigkeit vom reich (1517-1798), ihr aufbruch in die moderne (1798-1847), ihre souveräne staatsgründung (1848-1914) und ihre weiterentwicklung bis zur gegenwart (1914-2002).

das gut gegliederte, reich illustrierte werk, das seinen französischsprachigen hintergrund nicht verbirgt, erscheint nun, herausgegeben von der interkantonalen lehrmittelzentrale, erstmals auch auf deutsch. es wird hoffentlich bald im schulunterricht, bei schweiz reisenden, eingebürgerten und gestressten stadtwanderer-leserInnen verwendung finden. denn es ist ein volltreffer zur zeitgemässen geschichtswissenschaft über die schweiz und ihre geschichte.

stadtwanderer

grégoire nappey; mix&remix: auf zur schweiz. geschichte – mythen – legenden. zürich 2008, 15 chf 60.


Comments

8 Comments so far

  1. Lisa N. on September 28, 2008 13:00

    Danke für den Tipp, werter Stadtwanderer. Ich werde es gleich besorgen.
    Wann treffe ich Dich in Murten?

  2. stadtwanderer on September 28, 2008 13:13

    Gern geschehen.
    Bei dem Wetter heute am besten gleich …

  3. eDith on September 28, 2008 21:12

    Heiss ist vor allem der Link.
    Auf der Verlagsseite steht bei den Karikaturisten: Mix&Remis.
    Das hätter der Uebersetzer wohl gerne gehabt: ein unentschieden, etwas eingemittetes.
    Remix, wie es richtig heissen sollten, heisst hingegen immer wieder aufmischen.
    Was das doch alles verrät!

  4. stadtwanderer on September 29, 2008 09:40

    lustig …

  5. Röstigraber on Oktober 7, 2008 23:36

    zum gelungenen wurf gibt es noch einen „grösseren bruder“: Georges Andrey: il etait unde fois la Suisse; l’histoire de la Suisse pour les nuls, êdition first, paris 2007.
    Die geschichte der schweiz, welche Andrey und sein team in ihrem knapp 600 seiten umfassenden buch entwerfen, ist ein fatastisches kaleidoskop, das immer wieder neue und verblüffende erkentnisse und bezüge herstellt. erzählt wird auch hier nicht die altbekannte, männerdominierte,lineare schweizergeschichte vom rütlischwur bis zur personenfreizügigkeit, sondern 2500 jahre geschichte unseres raums, tabulos, vieles kritisch hinterfragend, stets mit mannigfachen bezügen zur europäischen kultur, wirtschaft und geschichte und vor allem auch aus der sicht und mit blick auf die frau.
    „il s’agit tout simplement, et cela en rupture avec la tradition qui en fait une culture hor sol, d‘ écrire l‘ histoire de la suisse et de ses racines en creusant dans son terreau. Autrement dit, il s‘ agit de la replacer dans son contexte, ce qui signifie expliquer, dire le pourquoi et le comment des choses. Ce contexte, ce terreau, c‘ est l’europe. Contrairement à ce que l’on croit, il n’y a pas de pays plus européen que la suisse“, schreibt der aus lausanne stammende in freiburger literatur und geschichte studierende und aldann an den Unis Bern und Freiburg dozierende und beim EDA arbeitende Andrey in seinem vorwort zu buch.

  6. stadtwanderer on Oktober 7, 2008 23:39

    ää lue do, de röschtgraber esch zrögg us de ferie.
    esches schön gsi, em langedog?
    jaja, die geschichte für die nullen kennen ich auch, habs mit genuss gelesen, vor etwas einem jahr.
    momentan bin ich gerade an roger sabloniers lebenswerk („gründungszeit ohne eidgenossen“). das ist eine tolle schilderung des 13. und 14. jahrhunderts, ohne die aufgesetzte brille, damals sei die schweiz gegründet worden.
    herrlich!
    mehr dazu unter:
    http://epages.hierundjetzt.ch/epages/Store.sf/?ObjectPath=/Shops/test/Products/978-3-03919-085-0

  7. Röstigraber on Oktober 8, 2008 00:18

    danke für die nachfrage. die ferien waren sehr gut, interessant und äusserst erholsam. ein blick über den eigen raum hinaus (gerade eben mit blick auf europa) kann manmal unheimlich befreiend sein. In diesem zusammenhang noch eine nachfrage meinerseits: wie stets mit dem buch, über das wir gerade am tag, als ich verreiste, gesprochen haben? denn eines ist mir in den 2 tagen, seit ich wider zurück bin, noch klarer geworden als vorher, ein solches ding würde diesem raum enorm gut tun…also fast ein must oder?
    ich wäre auch bereit….aber das weisst du ja.
    gute nacht und bis morgen (DJ dann wohl unter 9000) mit hoffentlich einer neunen westside- story oder eigentlich doch lieber einer stadwanderung!
    ich glaube auf das fernsehduell heute nacht verzichte ich oder was meinst du als kenner der Szene?

  8. Titus on Oktober 8, 2008 01:37

    @ Röstigraber + Stadtwanderer
    War letzte Woche an einem „Stadtrundgang aus Frauensicht“ hier in Biel. Eine Idee, die sich generell mehr verbreiten müsste, umso mehr als dass die Frauen ja häufig auch für die Verwaltung der Vorräte (ou les biens en général) verantwortlich waren, also auch eine äusserst wichtige Rolle spielten, spielen mussten.

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