der grosse abwesende

Oktober 13, 2008 | 5 Comments

eigentlich hätte heute der dalai lama tenzin gaytso in bern sprechen sollen. doch er hatte sich schon im voraus krankheitshalber entschuldigen müssen. schade, seine menschliche wärme im religiösen wie auch politischen diskurs hätte gut getan.

die einladung zum besuch der stadt hatte der berner gemeinderat ausgesprochen. wohl hoffte die stadtregierung, sich so dieses jahr nach dem holländersturm ein zweites mal in der orangenen menge sonnen zu können. doch daraus wurde durch die freundliche, aber verbindliche absage, die der dalai lama wegen seiner erschöpfung der bundesstadt erteilen musste, nichts.

wäre der dalai lama heute persönlich da gewesen, wäre das „stadtgespräch“ im berner kornhaus, das dem thema „politik und religion“ gewidmet war, sicherlich inspirierter ausgefallen. arthur k. vogel, chefredaktor des berner „bund“, begründete einleitend zurecht die begeisterung für den dalai lama mit dessen umfassenden ausstrahlung politik und religion beseele und den menschen hoffnung gebe. das negierte selbst die feministische theologin sophia bietenhard nicht, auch wenn sie im dalai lama weniger eine religiöse instanz sieht, sondern ihm als spirituellen führer versteht. hektor leibundgut von der zeitschrift reformatio sieht im dalai lama den vertreter eine unverbrauchten religion, die anders als das christentum frieden nicht nur predige, sondern auch lebe.

die diskussion machte einen weiten bogen, während dem im wahrsten sinne über gott und die welt gesprochen wurde. dabei kamen die unterschiede zwischen den religionskulturen zum vorschein, seien sie nun buddhistisch, jüdisch, islamisch oder christlich geprägt: vom hohen stellenwert der aufklärung bei uns war mehrfach die rede, von den menschenrechten als moralisch-rechtlicher grundlage der politik ebenfalls, und schliesslich auch von der trennung von kirche und staat und dem laizistisch geprägten volksschulwesen. das alles wurde als errungenschaften des kulturellen fortschritts gewürdigt, der religionsfreiheiten, toleranz und pragamtismus im öffentlichen diskurs erst ermöglicht hat, ohne dass man sich dem nützlichkeitdenken der ökonomie verschlossen habe.

die probleme damit sah der katholisch erzogene journalist vogel am ehesten beim islam, derweil die kirchenleute die fundamentalitischen tendenzen in der eigenen gesellschaft kritisierten, seien es nun die radikale säkularisierung in europa oder die evangelikalischen strömungen in der angelsächsischen welt. dabei war unüberhörbar, dass die beiden vertreter der reformierten landeskirche resp. des evangelischen glaubens lieber über das verhältnis von religion und politik als vom umgekehrten sprachen. es schwang auch unübersehbar das leiden am bedeutungsverlust von kirchen, religionen und konfession in der rational-funktionale gesellschaft mit.

auf dem heimweg dachte sich der stadtwanderer, dass es ganz gut gewesen wäre, hätte der grosse lehrer aus dem tibet heute dem vorherrschenden kulturpessimismus seine fröhlich heitere art, weisheit zu vermitteln, entgegengehalten. denn an den heutigen diskussionen vermisst er nicht nur ihn, sondern auch sein charisma, das normalerweise menschliche wärme in politische wie auch religiöse diskurse bringt.

stadtwanderer

das bild der dalai lama mit dem musiker lotem gamling der auch ohne den grossen lehrer in bern spielte


Comments

5 Comments so far

  1. Honigbaerli on Oktober 13, 2008 21:52

    ich fand es auch schade als ich vor ein paar wochen mitbekommen habe das der dalaylama nun doch nicht kommt…ich hätte ihn gerne mal live gesehen..! ist nun so nehmen wir mal an das er seine kräfte schonen muss und dann zu einem späteren zeitpunkt mal in bern verweilt!!

  2. bidu on Oktober 14, 2008 01:46

    wo ni e bueb gsi bee hämer wetze öber een gmacht. wäge sim name. er sig haut es lama. u im oberland het das weiss gott öppis gheisse.
    höt wörd i das nömme mache. weu dr dalai lama es vorbeud esch för ois mönsche. do gehts nüt mee zweerweisse.
    der papst zrom chönt sech vo siner wäisheit emu e gäbigi schiibe abschniide. bim dalai lama esches ned macht und theologie. aber esprit und hümör wo öberzüge.

  3. mischa on Oktober 14, 2008 08:21

    ist der buddhismus wirklich eine religion? ist es nich eher eine philosophie des lebens. soviel ich weiss wird buddha verehrt aber nicht angebetet!
    der dalai lama ist für mich ein riesenvorbild. es gab mal eine sendung, vielmehr eine messe, wo er dabei war und die unterschiede der religionen erläuterte. glaube, die war sogar in der schweiz , die messe.

    vor dem islam habe ich irgendwie angst. vielleicht wegen dem nicht genau kennen, vielleicht aber auch wegen den häufigen schlechten schlagzeilen. ich verachte religionen und philosophien die diskriminieren!

  4. Titus on Oktober 15, 2008 23:10

    @ Mischa
    Hand aufs Herz: Wie gut kennen wir schon andere Religionen? Kennen wir überhaupt jene, die hierzulande „gängig“ sind? Insofern müssten wir Angst vor allen Religionen haben.

    Und – leg‘ nochmals eine Hand aufs Herz: Ist das Christentum, so wie es von der katholischen Kirche von Rom aus gepredigt wird, nicht auch diskriminierend wenn wir die Rolle der Frauen in dieser Kirche betrachten?

    Zum 14. Dalai Lama: Für seine Popularität in der westlichen Welt spielen wohl zwei Faktoren eine Rolle. Einerseits gibt er einer Religion – eine an sich häufig schwer fassbare Sache – ein Gesicht. Nicht irgendein Gesicht, sondern ein sympatisches, charismatisches, zugleich auch sehr tiefgründiges und intelligentes Gesicht.

    Andererseits – und das ist meine Vermutung, weshalb wir ihn und den Buddhismus in unseren Breitengraten überhaupt wahrnehmen – ist es sein unerbittlicher, gewaltloser Kampf gegen die Unterdrückung Tibets, der uns an ihm gefällt. Das beinhaltet auch, nicht mit „Giftpfeilen“ auf die Chinesen zu schiessen. Im christlichen Sinne könnte man das wohl als gelebte Nächstenliebe und als Vergebung gegenüber dem anderen bezeichnen. Von diesem weisen Handeln könnten sich viele eine grosse Scheibe abschneiden…

  5. mischa on Oktober 16, 2008 07:44

    jetzt habe ich beide hände auf dem herz und kann nicht mehr schreiben 🙂

    klar titus hast Du mit beidem recht. es ist sô dass das was man kennt nicht genauer analysiert.

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