noch hallen die fanfarenstösse zum lied „l’homme armé“ in meinen ohren. sie halten die erinnerungen an das grosse ritterturnier im august 2008 in bern wach. wofür dieses aber stand, ist vielen wohl unbekannt.

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ritterkampf als stimmungsvoller höhepunkte (foto: stadtwanderer)

der pas d’arme – die weiterentwicklung des ritterturniers
un pas d’arme“ ist, wie armand bäriswyl, mittelalterspezialist beim bernischen archäologischen dienst, erklärt, eine spätmittelalterliche weiterentwicklung des höfischen ritterturniers. nicht mehr die vernichtung des gegners ist das ziel. vielmehr geht es um ein sportliches kräftemessen, das in eine theatralische handlung eingebunden ist.

der vermeintliche held der aufführungen – eine mischung aus schauspiel und echtkampf – ist jacques de romont, sohn des herzogs von savoyen und graf der waadt. er will in den burgundischen orden zum goldenen vlies aufgenommen werden. um die grosse ehre zu erlangen, muss er sich gegen drei erfahrene turnierritter aus demselben orden durchsetzen.

das geschichtliche grossereignis auf dem berner helvetiaplatz
das berner historische museum und die company-of-saint-george haben keine mühe gescheut, auf dem berner helvetia-platz das grösste ritterturnier seit dem 16. jahrhundert zu realisieren. authentizität wird angestrebt, vor allem in der kleidung, aber auch im verhalten.

aus england sind die besten turnierreiter der gegenwart angereist, um sich 11 tage lang während 21 vorstellungen zu messen. sie alle leben im burghof hinter dem museum. ein strohsack dient ihnen für die übernachtung.

zahlreiche handwerker sind ihnen wie damals gefolgt. sie backen brot, kreieren schmuck und schneidern kleider, oder faulenzen ganz einfach unter der sonne. vor dem museum ist der eigentliche kinderpark. da rammen schon mal vier knirpse mit dem rambock eine burgtüre ein, strampeln sich ihre geschwister unter anrufen der eltern in der trettmühle ab, oder hauen die geschicktesten unter ihnen den stein, bis aus ihm, digital dokumentiert, ein gothischer bogen entsteht.

richtig stimmung kommt auf, wenn sich die ritter unter dem klang der schalmeien in ihren burgunderzelten zu kleiden beginnen. zuerst das schwere kettenhemd, dann der plattenpanzer aus dem 15. jahrhundert. 30 kilo wiegt der stahl, der stück für stück montiert werden muss, um die kämpfer im schwert- oder lanzenkampf zu schützen.

bevor es zum kampf kommt, führen kinder in der arena griechisches theater auf. die argonauten – seefahren, die viele prüfungen bestehen müssen – schweben über wellende blaue tücher. jason ist ihr held; denn er will das fell des widders, das goldene vlies, erobern. dafür verbindet er sich mit medea, der tochter des widderbesitzers, und bekommt, was er begehrt.

der junge jacques de romont strebt im eigentlichen kampf vor malerischer kulisse zu fuss und zu pferd nach dem glänzenden fell eines widders, das vor den augen von karl dem kühnen und zweier burgfräuleins bereit gestellt wird. er muss gegen kämpfer gewinnen, deren pferde stiere und deren reiter unsterbliche kämpfer symbolisieren.

eine mischung aus närrischem treiben und tierischem ernst
der kampf wirkt bisweilen spielerisch, um dann hart zur sache zu kommen. die pferde setzen nur mit zügeln und einer hand geführt zum schnellen ritt gegeneinander an, die lanzen senken sich nur wenige meter vor dem augen des publikums, und der arm, die brust oder der kopf des gegners werden zum wirklichen ziel. immerhin, die lanzen sind bewusst zerbrechlich, denn es zählt der treffen, nicht die verletzung.

die punkte nach jeder der runden verteilt der kampfrichter, während die herolde das publikum auf ihrer arena seite für ihren herrn zu gewinnen suchen, und der narr seinen kommentar abgibt. wenn sie zu böse sind, ermahnt ihn der platzspeaker, dass alles fair zu und her gehen müsse.

tatsächlich schafft es jacques, in den meisten der dramatischen kämpfen zu siegen, am ritterlichsten zu kämpfen und das herz der dame von cluny für sich zu gewinnen. zur überraschung aller erhält er dafür den lieblingsfalken der adeligen dame, der in schnellem flug milimeter genau über dem publikum einfliegt. das übertrifft sogar die ehrung des ritters durch herzog karl und ihn, wie in der vergangenheit tatsächlich geschehen, in seinen elitären orden aufnimmt. bis zum feldmarschall am herzöglichen hof und stellvertreter von karl stieg er damals auf.

die sieger: bern, das mittelalter und natürlich karl der kühne
35’000 zuschauern, viele eltern mit kindern, aber auch touristen aus deutschland, frankreich und spanien, mittelalterliebhaber und ihr bekannten sind nach bern gekommen, um sich wie der stadtwanderer auch das einmalige spektakel anzusehen, um zu klatschen und zu kreischen und um mittelalterlich gassenfeger zu singen.

alle hatten sie ihr mittelalter-erlebnis der besonderen art. und in bern freut man sich ein wenig, dass herzog karl der kühne, der es seinerzeit nicht bis in die stadt gebracht hatte, zum publikumsmagneten geworden ist.

in der tat: wenn sich karl unter fanfarenstössen von der kampfbahn verabschiedet, ist er der eigentliche turniersieger. wir alle haben an seinem hochzeit teilgenommen, ohne es bemerkt zu haben. denn seine heirat vom margarete von york 1468 ist hier nachgestellt worden. ein kühner streich, dessen melodien in den ohren der menschen, die sich im 21. jahrhundert vom leben am burgundischen hof begeistern liessen, nachklingen!

stadtwanderer

mehr über jacques de romont im zusammenhang mit der schlacht von murten hier

mehr bilder zum turnier hier


Comments

2 Comments so far

  1. rittiner & gomez on August 12, 2008 09:35

    jetzt sind sie aber gleich richtig zurückgekehrt bis zu den ritterkämpfen.

  2. stadtwanderer on August 12, 2008 09:54

    gut, das passt zu schweden.
    es fällt mir immer wieder auf, wie das rittertum und die kreuzzüge bis heute präsent sind.
    das hat möglicherweise viel damit zu tun, dass der adel, anders als im kaiserreich, nicht ganz so abgehoben war. es waren einfach jene (gross)bauern, die pferde hatten, und die diese dem könig für seine dienste zur verfügung stellten.
    auf die herrenhäuser in schweden sind häufig nicht so protzig wie die landgüter in deutschland.
    klar, mit der höfischen kultur der burgundischen herzöge hat das schwedische rittertum nicht viel zu tun. insofern bin ich wirklich zu meinen themen in bern zurückgekehrt!

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